Aggressivität, Rücksichtslosigkeit und Überforderung können – richtig dosiert – tief ins Herz des Mainstreams führen. Das haben Produzenten wie Arca, Performer wie Mykki Blanco, Crossmedia-Akademikerinnen wie Holly Herndon und Labels wie Tri Angle oder PAN verstanden. Allen gemeinsam ist eine hybride Arbeitsweise, die gerne mit dem Attribut einer je nach Gemütslage utopischen bis dystopischen Zukunft einhergeht. Ob der Erfolg dieser Türöffner hilft radikalere Ansätze populär zu machen wird sich zeigen.

Für die kürzlich von Björk entdeckte Katie Gately sieht es jedenfalls ausgezeichnet aus. Ihr überbordendes Debütalbum Color (Tri Angle) spiegelt perfekt einen Zeitgeist, der zwischen Oberfläche und Tiefe, zwischen krass und sensibel keinen Unterschied machen will. Im kunstvoll groben Mashup von Soundart-Avantgarde und Hyper-Pop, von Grimes, FKA Twigs und einem defekten Kirmes-Scooter kommt der Zirkus in die Stadt um zu bleiben.


Stream: Katie GatelyTuck

Eric Raynaud alias Fraction nutzt das Prinzip der sonischen Attacke in völlig anderen Zusammenhängen, erzielt damit aber ähnlich eingängige und interessante Ergebnisse. Die Mini-LP Planète Humaine (Infiné) unterzieht mächtige Kaskaden von knusprigen Noise-Partikeln einer analogen Hall-Kur und folgt darin der Maxime von Shoegaze: die Andeutung einer in Restschönheit erstrahlenden Popmusik hinter einer Wand kreischenden Feedbacks.


Video: FractionEntropia

Der akademisch-musikalische Hintergrund der schottischen Weltreisenden Bethan Kellough hat weniger mit Noiserock als mit Soundökologie und Raumakustik zu tun. Dennoch arbeitet ihr Debüt Aven (Touch) mit ganz ähnlichen Ideen. Wetterdurchwirkte Field Recordings aus Island und Südafrika treffen da auf stark verwitterte Neoklassik in einem der dynamischsten und originellsten Ambientalbum der jüngeren Zeit.


Stream: Bethan KelloughExcerpt

Teruyuki Nobuchika bestreitet seinen Lebensunterhalt mit Auftragsmusiken eher funktionaler Art, etwa für japanische TV-Drama-Serien, Dokumentationen, Animes, Werbespots und Videospiele. Im Schnitt alle fünf Jahre findet er auch Zeit Ambient zu produzieren wie er klassischer und stilechter nicht sein könnte. So verbirgt Still Air (Oktaf), sein erst drittes Album, unter einer bescheiden stillen Oberfläche eine für das Genre ungewöhnliche Musikalität und Vielfalt.


Video: Teruyuki NobuchikaStill Air (Album Trailer)