Fotos: Kristffer Cornils für Groove

„Die ganze Stadt leuchtet gelb und schwarz“, lässt uns der redselige Taxifahrer wissen. „Ah?“, reagiert der Mann auf dem Beifahrersitz. „Ja, Amsterdam Dance Event. Kennt ihr das?“ Was uns auf der Rückbank nur ein müdes Nicken abringt, wird vor uns noch mit echtem Interesse quittiert. Gestern Abend noch ernannte das DJ Mag Martin Garrix zum besten seiner Zunft, jetzt dudelt „Rock DJ“ von Robbie Williams aus dem Radio und wir sind auf dem Weg zu einer von Groove präsentierten Panel-Diskussion mit Ellen Allien, Cassy und Moscoman, die gemeinsam mit Chefredakteur Heiko Hoffmann über die Vergangenheit und Gegenwart von Berlin als Techno-Stadt diskutieren. Das ungefähr beschreibt die thematische Palette dessen, was das ADE ist: Vom EDM-Superstar über alle irgendwie der Dance Music-verwandten Dinge bis zum kleinen Underground-Artist kommen einmal pro Jahr so ziemlich alle in diese Stadt, welche sich für ein paar Tage im schwarz-gelb strahlenden, perfekt organisierten Ausnahmezustand befindet. Über tausend einzelne Events, umso mehr Geschäftsmeetings – unmöglich, da den Überblick zu behalten oder auch nur den Zeitplan einzuhalten.

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Über Ausnahmezustände sprachen schließlich auch die drei, die von der Groove aufs Podium geladen wurden. Ob die Urberlinerin Ellen Allien, die Anfang der Zweitausender zugezogene und mittlerweile weitergereiste Cassy oder der noch recht frisch in Berlin beheimatete Disco Halal-Betreiber Moscoman: Alle drei redeten sie von der Magie des Kontrollverlusts und nutzten die Gelegenheit für ein bisschen Schwelgerei. Weißt du noch, Ellen, nach der Love Parade, wie hieß der Club noch mal? Fünf Minuten Rätselraten und Tipps aus dem Publikum, der Bpitch-Betreiberin aber hilft aber selbst ihre vorgeschriebene Liste mit aktuell spannenden Hauptstadt-Clubs kaum weiter. Immerhin eins weiß sie: Dass Moscoman unmöglich seine Wochen vom Samstag bis Donnerstag in der Bar25 verbracht haben kann, die machte doch Montagnacht bereits dicht. Das Chaos vergangener Zeiten, es wirkt sich auf eine lebhafte, von vielen Lachern geprägte Diskussion aus, die aber auch die ernsteren Themen ins Auge fasst: Gentrification, Clubsterben und die Hegemonie weißer, heterosexueller Männer inmitten der Szene. Bedrohlicher Einheitsbrei statt friedlichem Einheitsgefühl? Der in Israel geborene Moscoman zumindest spricht der Stadt eine musikalische wie auch personelle Offenheit zu, während Cassy sich über den uniformen Look der Berliner Clubkids echauffiert: Schwarz in Schwarz, das muss ein Ende haben!

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Nachdem sich die Diskussion über das clubkulturelle Angebot Berlins vom Podium auf eine Traube von Interessierten verlagert hatte, ging es für das Groove-Team im kleinen Kreis weiter: Die Smirnoff Sound Collectives baten zur Tafel! ENTER., Kompakt, Innervisions, mobilee und Exploited servierten ein abwechslungsreiches Drei-Gänge-Menü, das von japanischer Maiscremesuppe (ENTER.) über Coq au vin (mobilee, mit Anja Schneiders Lieblingszutat: Salz) bis hin zu exzellent gemixten Cocktails (toll: der Tom Collins von Exploited) reicht. Eine kleine Atempause im Trubel des ADE, die dank des ausgestellten Native Instruments-Gears nach dem dritten Cocktail in kurzen Live-Jams aufging. Was sonst jeder Party einen Dämpfer verpassen würde, wertete diese angesichts der versammelten Expertise nur auf.

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„10 Clubs in einer Nacht – los geht’s!“, kündigte ein befreundeter DJ über Facebook an. Wir aber blieben aber lieber an einem Ort: In der Sugar Factory bat Ellen Allien gemeinsam mit Groove unter dem Titel We Are Not Alone zum Tanz. Johanna Schneider von den Sthlm Murder Girls legte loopigen, rumorigen Techno vor, der trotz einiger nervositätsbedingten Patzer überzeugen konnte. Cassy schlug housigere Töne an und versetzt die Crowd für anderthalb Stunden ein paar Jahre zurück und auf den Dancefloor der Panorama Bar: extrem kontrollierte Katharsis, wenig Schnickschnack und viel Soul standen auf dem Programm. Ellen Allien bildete dazu einen quirligen Gegenpol: Sie ließ viel Acid aus den Boxen regnen, in deren Mittelpunkt ein silbernes UFO über den Köpfen des Publikums pendelte. Das machte vor allem deshalb so viel Spaß, weil die Veteranin selbst soviel Freude zeigte – und zu Magdas Closing auf die Tanzfläche stürmte, um dort für den Rest des Morgens zu bleiben.


Video: MR-808 Robotic Drum Machine – Sonic Robots

Dementsprechend schwierig war es, am nächsten Morgen wieder aus dem Bett zu kommen. Dabei lockte das ADE doch gleichermaßen mit morgendlichem Party-Workout oder einem abwechslungsreichen Rahmenprogramm: Im Compagnietheater lässt sich die überlebensgroße, mechanische Drummachine MR-808 von Sonic Robots bestaunen, an Modular-Synthesizern herumpatchen oder aber der Pop-Up Store von Clone besichtigen, welcher nicht nur mit toller Aussicht aus dem sechsten Stock, sondern einem von DJs wie Steffi, Helena Hauff oder Legowelt vorsortieren Angebot bestach. Im Grunde ist es während des ADE so gut wie unmöglich, nicht in die nächste Großartigkeit zu taumeln – wenn doch nur die Zeit für all das da wäre!

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Da ist es doch recht angenehm, dass so manche tolle Party nur eine Fahrstuhlfahrt entfernt lag: Für die Amsterdamer Ausgabe seiner Sister Midnight-Serie hat Groove-Titelheld Roman Flügel Daniely Avery, Ata und Reza Athar ins Canvas geladen. Das Obergeschoss des Volkshotels gegenüber dem Gebäude, welches früher noch das Trouw beheimatet hat, bietet eine gemütliche Atmosphäre und einen schönen Ausblick über den ruhigeren Teil der Südstadt Amsterdams. Derweil Flügels soundorientierter Beitrag zum Groove-Podcast zu einer anderen Tageszeit hier den Baraufenthalt versüßen könnte, stand in dieser Nacht discoider House mit Hands-Up-Potenzial auf der Karte – es heißt ja nicht umsonst Amsterdam Dance Event.

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Das zieht sich noch lange weiter, während es – mit kleinem Umweg über den neuen Store von Rush Hour, aus strikt journalistischem Interesse natürlich – zurück zum Flughafen Schiphol geht. Die Stadt leuchtet immer noch in Gelb und Schwarz. Das ist fast ein bisschen trügerisch angesichts der Vielfalt, die sich unter den im Oktoberwind flatternden Fahnen versammelt. Wir zumindest haben eine Stadt in einem Ausnahmezustand erlebt, in welcher Martin Garrix eher nicht der beste DJ der Welt ist.