Viele benutzen den Berghain-Sound als eine Art Vorlage. Dann legen sie noch ihre Industrial-Kickdrum drauf und eine trancige Hookline und der Track ist fertig.
Das ist genau, was ich meine. Wenn ich früher etwas gut fand, dann hat mich interessiert: Woher kommt das eigentlich? Wieso klingt Underground Resistance wie Underground Resistance? Dann entdeckst du irgendwann diese Sachen aus Belgien aus den Achtzigern und denkst: Wahnsinn! Was war in Belgien damals bloß los? Dann stößt du auf die EBM- und Industrial-Bands. Das war eine riesige Inspirationsquelle für Techno. Deswegen finde ich es schade, wenn man sich als Techno Act von einem anderen Techno Acts inspirieren lässt, der auch nur von Techno animiert wurde. Ich versuche doch lieber an die Wurzeln zu gehen. Ich höre so viele neue Sachen und denke: Nicht schlecht, aber wo ist der Sex-Appeal? Das ist alles in Ordnung, es funktioniert. Wenn ich es bei jemand anderem im Club höre, denke ich: Ja, ist gut. Dann hört man es aber ein zweites und ein drittes Mal, und danach nervt es dann. Es gibt kaum etwas zu entdecken.

Vielleicht hängt das auch mit der digitalen Technologie zusammen. Manche Platten hat man im Laden gehört, war fasziniert, kaufte sie. Zu Hause war man dann erstmal ein wenig enttäuscht. Irgendwann hat man sie wieder rausgezogen, und langsam begannen, die Tracks zu wachsen. Im digitalen Format ist die erste Hörerfahrung oft die beste.
Die Sachen, die sofort funktionieren kannst du eigentlich im Laden lassen. (lacht) Bei mir waren es oft die B2-Nummern. Da haben wir dann immer so Jokes gemacht im Hardwax: Ach, wieder eine B2. Eigentlich hält der Künstler die A-Seite ja für den Haupttrack. B2 ist dann so ein Unfall oder etwas Verrücktes.

Da steht dann nichts mehr auf dem Spiel.
Und genau diese Nummern möchte ich hören. (lacht) Natürlich kenne ich den Wunsch zu funktionieren auch, wir machen ja Musik für den Dancefloor. Aber wie geht es dann weiter, wenn alle nur noch funktionale Sachen produzieren?


Stream: Marcel DettmannLet’s Do It (Rolando Remix)

Wie kommunizierst Du eine solche Haltung gegenüber den Künstlern auf deinem Label?
Ich rate ihnen immer, wenig zu machen. Aber sie wollen natürlich veröffentlichen. Ich gehe immer sehr hart mit mir selbst ins Gericht, ehe ich etwas heraus bringe. Dazu bin ich selbst zu unsicher, was das angeht. Deswegen bin ich auch hart zu den potentiellen Veröffentlichungen auf MDR. Ich habe viele Demos auf dem Tisch liegen, und die sind alle großartig. Ich sage aber nicht: Wir machen jetzt jeden Monat eine Platte. Dafür bin ich zu wählerisch. Bei einer EP hat es zwei Jahre gedauert, bis wir alle Tracks zusammen hatten.

Wie stehst du zum hyperemotionalen, trancigen Techno-Sound, der zurzeit so beliebt ist?
Trance war für mich nie so ein Thema. Es gibt natürlich ein paar Sachen von 1992 und 1993, die ich super finde. Manche Stücke aus Belgien sind für mich Trance. „Camargue“ von C.J. Bolland etwa, ein Riesenhit. Die Tracks hatten auch Breaks, aber die haben anders funktioniert. Heute bedeutet ein Break, dass es aufgebauscht wird. Dann fällt alles zusammen und es kommt eine Kickdrum, wo ich denke: Das ist alles zu sehr auf den Punkt. Und dann geht es nur um diese Flächen, die nicht mitreißen, sondern eher runterziehen.

Mit den ganzen Melodien und unterschiedlichen Sequenzen sind viele dieser Stücke eher wie Rock- und Pop-Songs aufgebaut als Techno-Nummern.
Ich bin kein Arrangement-Fan. Ich nehme einen Track eher 30 Minuten lang auf und schneide dann fünf Minuten raus. Oder ich schneide aus den 30 Minuten eine Minute raus und aus der einen Minute mache ich fünf Minuten. Wie auch immer. Die Alternative wäre so Klötzchen zu bauen und zu sagen: So hätten wir das jetzt gerne. Da fehlt mir einfach die Sexiness. Auf mich wirkt das alles so fragil und sensibel. Das ist wie ein Lifestyle: Man trägt komplett schwarz, man ist tätowiert, hat schwarz lackierte Fingernägel und man hat immer schlechte Laune. Kennst du diese Emo-Kids, die aussehen wie Tokio Hotel? Da kommt das her. Das ist auch ein bisschen Alice Cooper. Ich bin eine andere Altersklasse, bei uns waren es EBM, HipHop und Graffiti. Meine Generation ist ein bisschen ruppiger und schroffer.

 

Marcel Dettmann - DJ-KicksMarcel DettmannDJ-Kicks (!k7)

01. Cybersonik – Technarchy (Marcel Dettmann Third Mix) ***
02. Orlando Voorn – At Last
03. Levon Vincent / Marcel Dettmann – Can You See (DJ-Kicks) *** (DJ-Kicks Exclusive)
04. Infiniti – Skyway (Marcel Dettmann Remix) ***
05. Mystic Bill – U Won’t C Me
06. Psychick Warriors Ov Gaia – War Chant (Marcel Dettmann Edit) ***
07. Das Kombinat – Waschmaschine
08. Clarence G – Cause I Said It Right
09. Sandbenders – Defekt
10. Vex – Vex-1
11. Dan Curtin – Paradise Lost
12. N.A.D – Everything Seems Different
13. Violence FM – Perspectives
14. Sterac – Intersphere
15. Nukubus – People Move On (Marcel Dettmann edit) ***
16. Push/Pull feat. Lady E and Niqué D – Africa
17. The Residents – Kaw-Liga (Nightmare Mix)
18. Wincent Kunth / Marcel Dettmann – Possible Step ***
19. Marcel Dettmann – Let’s Do It (Rolando Remix) ***
*** Bisher unveröffentlicht

 

Format: CD
VÖ: 14. Oktober 2016

  • Mahatma Shruti Grandig

    „Da kommt das her. Das ist auch ein bisschen Alice Cooper.“
    So ein Stuss, Tokio Hotel mit Cooper in Verbindung zu bringen zeugt von Ignoranz und Oberflächlichkeit- zumindest was das Thema angeht.