Foto: M. v. Kummer (Gudrun Gut)

Was sich auf den ersten Blick wie ein irrwitzig programmiertes Festival-Line-Up liest, das ist in Wahrheit noch viel mehr: Die zweite Ausgabe von Abletons Veranstaltungsreihe Loop bringt ganze Generationen zusammen. PionierInnen der frühen Synthesizertage wie Morton Subotnick oder Suzanne Ciani treffen auf Dub-Erfinder Lee ‚Scratch‘ Perry sowie Dub-Verfeinerer Moritz von Oswald, unermüdliche Klangforscher wie Daedalus, Kyoka und Gudrun Gut oder junge ProduzentInnen wie Demian Licht oder Chino Amobi. Musik wird es dabei definitiv auch zu hören geben, wichtiger aber ist das Machen und am allerwichtigsten das Wie. Vom 04. bis zum 07. November 2016 wird im Funkhaus Nalepastraße viel geworkshopt, getalkt und Hand angelegt an Maschinen und Software aller Art.

Gudrun Gut wird einiges zu erzählen haben und im Rahmen der zweiten Ableton Loop-Ausgabe auch gleich zwei Mal im Rampenlicht stehen. Daran ist sie aber gewöhnt: Als ehemaliges Mitglied von DIN A Testbild, den Einstürzenden Neubauten, Mania D, Malaria! und Matador hat sie einen entschiedenen Einfluss auf die Musik der sogenannten Neuen Deutschen Welle ausgeübt und blieb danach weiter (hyper-produktiv). Im Laufe der neunziger Jahre gründete sie zuerst das Label Moabit Musik und ließ dem 1997 Monika Enterprise folgen. Nach Kollaborationen mit unter anderem Antye-Greie Ripatti und Hans-Joachim Irmler von Faust meldete sie sich kürzlich mit einem neuen Album zurück, auf dem sie sogenannte Heimatlieder aus Deutschland interpretierte – was in beiden Fällen anders klingt, als es der Titel vermuten ließe. Gut hat, kurzum, Musikgeschichte geschrieben. Aus dem DJ-Alter, so sagt sie, sei sie aber raus – und hat uns stattdessen in Vorbereitung auf Ableton Loop 2016 ein „Dinner Set“ gemixt.

 


 

Vor Kurzem hast du das Album Vogelmixe veröffentlicht, darauf enthalten sind Neuinterpretationen von der Heimatlieder aus Deutschland-Compilation. Hinter dem Titel verbirgt sich eine Überraschung, denn statt bairischen Gejodel gibt es maghrebinische Gnawa-Klänge oder kroatische Männerchöre zu hören. Was hat dich an diesem Remix-Projekt gereizt?
Ha! Bei mir war die Überraschung nicht ganz so groß, da ich bereits einen Remix für das erste Heimatlieder a.D. gemacht habe. Jochen K. Und Mark T. fragten mich, ob ich Lust habe, ein ganzes Album an meinem mischpult umzustricken und ich fand die Idee sehr, sehr reizvoll. Musiken aus aller Welt – andere Rhythmen, andere Gesänge, andere Sprachen. Eine tolle Herausforderung!

Der Heimatbegriff ist in Deutschland nicht gerade unbelastet und in den letzten Jahren hat die Diskussion um kulturelle Aneignung auch die elektronische Musik erreicht. Inwiefern beeinflussen solche politischen Diskurse die konkrete Remix-Arbeit?
Die Aufgabenstellung war eine künstlerische Neubearbeitung, ein Remix. Ich bin kein Fan von Remixen, bei denen das original nicht mehr rauszuhören ist. Ich hab es also aufgesogen – vermischt und neu gebacken und versucht, das Herz drinzulassen. Oder besser, da es um frei fliegende Vögel geht, habe es fliegen lassen. Dabei musste ich es für mich integrieren – ohne Aneignung kann ich keine Version zaubern. Die Musiker auf dem Album leben alle in Deutschland, Heimat hin oder her. Und die Musik stammt teilweise aus dem 15. Jahrhundert. Ich war natürlich gespannt, was die Originalmusiker zu meinen Mixen sagt. Die Reaktion war sehr gut. Das war mir schon wichtig.

Du hast deinen Mix in Vorbereitung auf das diesjährige Ableton Loop aufgenommen. Welche Rolle spielt Ableton in deiner Arbeit als Produzentin?
Ich habe mit C-Lab Creator in den Achtzigern angefangen, damals mit Matador. Wir hatten genug von der Arbeit im Proberaum und holten uns einen Atari sowie das Creator/Notator-Program, und los ging’s. Das wurde dann zu Logic und ich habe sehr lange damit gearbeitet. Och glaube bei meinem Album I Put A Record On habe ich angefangen mit Ableton Live zu arbeiten, damals noch zur einen Hälfte mit Logic und zur anderen mit Live, inzwischen aber nur noch mit Live. Also für mich ist das mein Programm. I like.

Im Mix trifft Krautrock von Neu! auf Electronica von Natalie Beridze und noch viel mehr. Hattest du eine bestimmte Idee für das „Dinner Set“, wie du den Mix selbst genannt hast, im Hinterkopf?
Dinner is set! Ich habe einen Folder, in den ich immer Stücke schiebe, die ich schön finde und die zu einem Dinner passen. Ich finde es wichtig, beim Essen die richtige Musik zu hören! Ja. Es ist also ein thematisches Set. Ich mache eigentlich keine klassischen DJ Sets mehr. Wenn doch, dann stelle ich mir ein Thema. Ich bin aus dem klassischen DJ-Alter raus und will auch nicht in Konkurrenz mit anderen DJs treten. Das Set habe ich mit Traktor gemacht.

Natalie Beridze und auch Sonae, die ebenfalls im Mix vertreten ist, haben auch auf deinem Label Monika Enterprise veröffentlicht. Im Rahmen des Ableton Loop werdet ihr eine eure Monika Werkstätten abhalten. Was ist das Konzept hinter diesen und wie wird die Monika Werkstatt bei Ableton Loop konkret aussehen?
Das ist in diesem Fall keine klassische Monika Werkstatt, die ja mit mehreren Künstlern aus dem Monika/Moabit-Umfeld stattfindet. Wir reden über unsere Arbeit und spielen kurze Sets, auch zusammen. Für Ableton Loop aber machen wir eine „Kleine Monika Werkstatt“: nur Barbara Morgenstern und ich. Unser Thema des Abends ist „Auftragsarbeit“ – wir stellen unsere Arbeitsmethoden vor und reden über die Vor- und Nachteile. Ich denke, dass das ein interessantes Thema ist für alle Musikerinnen – auch um geld zu verdienen – und es gibt Auftragsarbeiten, die auch einen künstlerischen Mehrwert bringen. Konkret stelle ich die Arbeit an Heimatlieder vor und Barbara ihre Arbeit an der Theatermusik „Brain Projects“ für das Rimini Protokoll.

Außerdem wirst du live zur Invisible Jukebox-Reihe des britischen Musikmagazins The Wire eingeladen. Wenn du das Prinzip – dir werden Tracks vorgespielt und du beantwortest parallel davon ausgehend Interviewfragen – umkehren könntest: Wem würdest gerne mal selbst Tracks vorspielen – und welche?
Keine ahnung. Ich höre so oft Musik mit anderen Musikern. Fällt mir nichts konkret ein. Wir haben grade Sun Ra – Space Is The Place gehört bzw den Film gesehen, zusammen mit Moritz von Oswald, Carl Craig, Markus Müller und Thomas Fehlmann. Hatte ich bisher eher ignoriert beziehungsweise fand es zwiespältig. Ist aber sehr interessant. Die Musik, die mich grade interessiert sind zum Beispiel arabische Rhythmen und die ganzen Sachen aus der female:pressure-Abteilung. Was ich aber jetzt mal spontan empfehle ist der No New York-Sampler aus den Achtzigern – den sollte man gehört haben. Viele junge Musiker kennen das nicht. Top Stoff.

 


Stream: Gudrun GutAbleton Loop 2016 Podcast

01. Wolfgang Voigt – Schweres Wasser
02. Tolouse Low Trax – Subghosts
03. Moritz von Oswald Trio – Yangissa
04. Ursula Bogner – Permutationen
05. Natalie Beridze – Light Is Winning (Gray Remix)
06. Heide – Ein Kleines Waldvögelchen (Gudrun Gut Vogelmix)
08. Neu! – Im Glück
09. Sun Araw – Crete
10. Exploded View – Orlando V2
11. Andrew Pekler – Everybody’s Raindrops
12. Chet Baker – The More I See You
13. Sonae – Überwindung (Dirk Markham Remix)
14. Gut Und Irmler – Noah
15. Greie Gut Fraktion – Baustein (Donna Neda Mix)
16. Ada – Interlude
17. Gudrun Gut – Frei Sein
18. Ritornell – The Bossa Under Your Bed
19. Marlene Dietrich – Sag mir, wo die Blumen sind

Ableton Loop '16
Groove präsentiert: Ableton Loop ’16
04. bis 07. November 2016

Teilnehmende: Adam Stark, Alexis Michaelides, Amélie Anglade, Andrea Goetzke, Anna Meredith, AUDINT, Axel Hartmann, Bandish Projekt, Berlin Community Radio, CDR, Chagall, Chino Amobi, Clara Hill, Cora Novoa, CTM Festival, Daedelus, dBs Music Berlin, Deantoni Parks, Demian Licht, Dennis DeSantis, Diva, DiViNCi, Elysia Crampton, Emile Hoogenhout, FACT, Falk Grieffenhagen, Georgia Tech Center for Music Technology, Gudrun Gut, Heart n Soul, Hrishikesh Hirway, Jace Clayton, Jana Winderen, Jason Hockman, Jazzy Jeff, Jem the Misfit, Johannes Taelman, Kimbra, Kirk Knight, Kopenhagen Laptop Orchestra, KUČKA, Kyoka, Lee Scratch Perry, Luisa Pereira, Maria Gkotzampougiouki, Marijke Jorritsma, Mark Zadel, Mason Bretanl, Matthewdavid, Mileece, mi.mu, Mint Berlin, Monolog, Moritz von Oswald, Morton Subotnick, Native Instrument, No I.D., Olivier Gillet, Pamela McCormick, Peder Mannerfelt, Peter Kirn, Philip Sherburne, Quantic, Rasmus Kjærbo, Robert Henke, Rodi Kirkcaldy, Sasha Perera, Skinnerbox, Sougwen Chung, Sound Oracle, Subatomic Sound System, Suzanne Ciani, Tara Rodgers, Tarik Barri, The Wire, Tom Whitwell, Tony Nwachukwu, UMA, Yann Orlarey

Funkhaus
Nalepastraße 18
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