Vorschaubild: Beata Szparagowska (Eartheater)

Groove-Autor Michael Leuffen besuchte die erste Ausgabe des Meakusma Festivals im belgischen Eupen nicht vorrangig als Journalist, sondern als DJ. Sein Rückblick auf das meditative Festival ist dementsprechend persönlich eingefärbt. Eine Bitte an die Veranstalter hatte er am Ende dennoch.

Um der tieferen Seelenlage der Premiere des dreitägigen Meakusma Festivals im beschaulichen belgischen Städtchen Eupen auf die Spur zu kommen, muss über die Einstellung der Besucher und der Musiker gesprochen werden. Die kamen zu einem überwiegenden Teil zu allererst um zuzuhören und nicht, um sich aus dem Alltag abzuschießen. Die Künstler schienen dies geahnt zu haben, den keiner biederte sich an und suchte den eindimensionalen Kommunikationsweg. Das Publikum nahm jene zuweilen sehr fordernde Attitüde an und ließ sich immer wieder von den abenteuerlichen musikalischen Welten aller gastierenden Künstler einfangen.

Zum Beispiel von der US-Amerikanerin Alexandra Drewchin, die unter dem Alias Eartheater auftrat und deren elektronischer Psych-Pop-Musik aus der Konserve nicht wirklich spannend klingt. Live indes spielte die New Yorkerin ein Konzert, das an Laurie Anderson erinnerte. Als One-Woman-Band sang sie, mal hoch, mal verfremdet im tiefen Bassbereich und spielte an ihrer elektrischen Gitarre, während minimale Beats und dezente Bassfiguren aus ihren digitalen Geräten purzelten. Zu allem tanzte sie schamanen- und balletthaft und hievte ihren Sound in einen Bereich, in dem er Sinn macht: der Performance. Der Saal war stumm. Die Zuschauer magnetisiert. Und Eartheater total abgetaucht in ihrer Kunst. Ein Highlight der ersten Meakusma Nacht, die mit den Shows von MM/KM, Don’t DJ und Toresch, einem ebenfalls in der Performance angesiedelten neuen Projekt der Düsseldorfers Tolouse Low Trax, noch weitere versprach. Musikalisch gelangt auch allen drei Acts großes jenseits des Gewöhnlichen.

Eartheater von Beata Szparagowska
Eartheater von Beata Szparagowska

Leider war jedoch die Anlage, das für die Nacht in die große Halle des alten Schlachthofs von Eupen gebrachte Killasan Soundsystem, nicht für die geschlossene Räumlichkeit gemacht und ermöglichte keinem, sich in puncto Klang voll auszudrücken. Was indes nicht wirklich störte, denn hier hörte das Publikum gebannt zu und zeigte keine Regungen, durch „Party“ von der Gegenwart erlöst zu werden. Im kleinen Nachbarraum ereignete sich derweil eine weitere Sensation: das New Yorker Duo Georgia spielte und zeigt eindrucksvoll, wie es klingt, wenn sich zwei Seelen virtuos musikalisch unterhalten, keine stilistischen Grenzen kennen und dabei in spielerischer Trance polyrhythmisches zaubern. Auch Don’t DJ war so gebannt, dass er nicht anders konnte als dem Duo über die Schultern zu schauen, um ein wenig über ihr rhythmisches Hexenwerk zu erfahren. Später spielte dann noch Ben UFO in der großen Halle. Manche tanzten. Andere lauschten. Sein Set war von Breakbeats durchsetzt. Dennoch wirkt es auf dem vom Raum eingegrenzten Killasan Soundsystem nicht so wuchtig, wie der Brite es sich wünschte.

Das Publikum bei Fiedel by Vladimir Krstic
Das Publikum bei Fiedel by Vladimir Krstic

Am nächsten Nachmittag schien dann die Sonne und das extra aus dem Hardwax-Keller aus Berlin angereiste Killasan Soundsystem zog um. Es stand nun unter freiem Himmel auf der Wiese hinter dem alten Schlachthof und durfte sich voll entfalten. An den Decks: Mark Ernestus und sein alter Kumpel Mark Ainley von Honest Jon’s. Lässig und ohne mit der Wimper zu zucken legten sie eine frühe Digital-Reggae- und Dub-7″ nach der anderen auf und schleuderten Bässe in den Himmel, die eigentlich nach Jamaika oder West-London gehören, an diesem Tag aber der perfekte Soundtrack für einen spätsommerlichen Samstag auf einer Wiese in Belgien waren. Anschließend spielten noch Roger Robinson & Disrupt sowie Fiedel. Noch mehr Bässe, noch mehr Deepness, noch mehr Unaufgeregtheit.

Die war ohnehin der Mittelpunkt des Festivals, bei dem sich dank seiner Überschaubarkeit Gäste und Künstler ständig über den Weg liefen, zuweilen angeregt miteinander plauderten oder sich ein belgisches Bier zuprosteten. Die übliche Demarkationslinie zwischen Festivalgelände und Backstage war hier, obwohl es ein Backstage gab, so gut wie gar nicht spürbar. Was indes ins Auge fiel, war die Abwesenheit von Sponsorenwerbung, die von den beiden Machern Michael Kreitz und Christophe Houyon verbannt wurde und unbewusst auf die entspannte Stimmung einwirkte.