Fotos: Daniel Müller

Dieser Beitrag erschien zuerst in englischer Sprache auf Freunde von Freunden.

Die heutige Techno- und House-Szene Berlins verdankt den PionierInnen der frühen neunziger Jahre und der Jahrtausendwende einiges. Eine der Visionärinnen, die immer noch einen immensen Einfluss auf die hiesige Community ausübt, ist die Künstlerin, Produzentin und Bpitch Control-Gründerin Ellen Allien. Am 20. Oktober übrigens veranstaltet Groove gemeinsam mit Ellen Allien, Cassy, Magda und Johanna Schneider eine besondere Ausgabe ihrer We Are Not Alone-Serie beim Amsterdam Dance Event. Alle Infos findet ihr hier.

Ellen nahm eine Schlüsselrolle ein, als aus einem lokalen Phänomen eine internationale Bewegung wurde. Mittlerweile ist ihr künstlerischer Drang ausgeprägter denn je: Sie ist ständig auf Tour und veröffentlicht ein Release nach dem anderen. Seit 1994 hat sich ihr Label mit angeschlossener Künstleragentur Bpitch Control von Underground-Partys zu einem der Eckpfeiler der Berliner Techno-Szene entwickelt. Bpitch ist die Heimat von über 50 KünstlerInnen, darunter Apparat, Telefon Tel Aviv, Modeselektor, Phon.o, Gary Todd, Alan Oldham und Dillon. Neben ihrer Labelarbeit ist Ellen gemeinsam mit FreundInnen auch als Veranstalterin und internationale Promoterin aktiv. Ihr Erfolg fußt auf Jahren harter Arbeit, Unbeirrbarkeit und Glaube an sich selbst. Ein jahrelanger Kampf, welcher seinen Anfang in einer geteilten Stadt nahm und während der kulturellen Revolutionen nach dem Mauerfall zu fruchten begann.

Ellen wuchs in Westberlin auf, einer Insel der Demokratie inmitten der sozialistischen DDR. Die politischen Spannungen waren dementsprechend enorm und die ständige Bedrohung eines Kriegs schwebte über dem Alltagsleben. „Ich erinnere mich daran, als Kind im Wald direkt an der Mauer gespielt zu haben“, sagt Ellen. „Mein ganzes Leben bis zum Mauerfall über fühlte ich mich wie in einen Käfig eingesperrt. Ich konnte die Wachtürme sehen. In den Zeitungen und auf Straßenflyern war ständig vom Militär die Rede: Panzertraining, Schussübungen. Der zweite Weltkrieg wirkte bei uns noch lange nach.“

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Aus dieser Spannung jedoch entwickelte sich ein ungeahnter Nebeneffekt. Nach der Berlin-Krise im Jahr 1961, während derer sich sowjetische und US-amerikanische Panzer am Checkpoint Charlie gegenüberstanden, flohen viele WestberlinerInnen gen Westdeutschland. Als Antwort darauf förderte die westdeutsche Regierung Hausprojekte in der Stadt, um den Fluss einzudämmen. Junge Studierende, KünstlerInnen und MusikerInnen überzogen die Stadt und besetzten aufgegebene Gebäude.

„Mit 18 Jahren lebte ich in einem besetzten Haus in Schöneberg“, erinnert sich Ellen. „Es war ein lauter, bunter Ort. Dort habe ich gelernt, ohne Druck und Angst zu leben. Ohne meine Eltern war ich dabei, mich zu finden und machte mir gar nicht viele Sorgen um die Zukunft. Ich habe viele Dinge ausprobiert und Ideen verfolgt. Ich ging zur Akrobatenschule, zur Tanzschule, dann arbeitete ich in einem Plattenladen.“

Zu dieser Zeit festigten sich Ellens musikalische Talente. Sie hatte bereits als Kind Gitarren-, Gesangs- und Klavierstunden genommen, bis zu ihren ersten eigenen Experimenten sollte es aber noch dauern. „Mein damaliger Freund hatte ein paar Turntables“, sagt Ellen. „Ich habe mir alte Platten gekauft und angefangen zu mixen und Demos aufzunehmen. Zur gleichen Zeit nahm er in dem Haus, in dem wir damals lebten, Bands auf. Ein Sound, den ich noch nie zuvor gehört hatte!“

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Die kreativ-freiheitliche Stimmung der Hausbesetzerszene Westberlins übertrug sich auch auf die vereinte Stadt. Im November 1989 überquerten von beiden Seiten der Mauer Tausende die Grenzposten in dem Glauben, die Reisebestimmungen seien aufgehoben worden. Während sich die Ost-Soldaten noch die Köpfe über die unklare Befehlslage kratzten, wurde innerhalb von Stunden die Mauer in kleine Stücke gehackt, während eine begeisterte Menge durch die Straße tanzte. 28 Jahre Isolation waren auf einen Schlag vorüber.

„Als ich davon hörte, fuhr ich sofort mit dem Fahrrad in den Osten rüber, um mir das anzuschauen. Es war unglaublich, all diese Orte und Leute, die ich nie zuvor gesehen hatte“, erinnert sich Ellen. Die Berliner Jugend war von Optimismus erfüllt und Ellen ging mit ihren FreundInnen auf Underground-Partys in West und Ost. „Diese frühen Clubs waren der Treffpunkt einer neuen Generation. Es gab eine tolle Musikszene im Osten für frühe elektronische Musik, obwohl die natürlich kontrolliert wurde“, sagt sie. „Junge Menschen aus West und Ost kamen auf diesen Partys zum ersten Mal zusammen und entdeckten neue Lifestyles. Als die Mauer fiel, war plötzlich Platz für die Clubszene da. Wir hatten die Freiheit, wir selbst zu sein. Die Musik spielte nach dem Puls der Zeit. Das war kein Rock mehr, das war elektronisch.“

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„Dimitri Hegemann, der später den Tresor gründete, öffnete damals den UFO Club und das Fischlabor in Schöneberg“, erzählt sie weiter. „Ich begann im Fischlabor zu arbeiten, das war genau in meiner Nachbarschaft. Ich kam nicht wegen des Technos, sondern weil ich Geld für die Schule brauchte! Ich studierte Akrobatik, Tanz, Schauspiel und Kunst. Ich brauchte einen Nachtjob – und das war einer! So habe ich alle Szene-DJs kennengelernt und irgendwann angefangen, selbst als DJ aufzutreten. Alle waren dort – es war der Treffpunkt für diejenigen, die später selbst die Musik machten.“

Der Radiosender Kiss FM fragte Ellen, ob sie nicht eine Show über diese neue Form von Musik moderieren wolle. Sie berichtete über regionale Acts ebenso wie sie innovative Formate etablierte, so etwa Live-Übertragungen aus dem legendären Tresor, der damals noch in Berlin-Mitte zuhause war. Die Sendungen, in welchen Ellen House, Techno, Ambient oder Drum’n’Bass spielte, nahmen zunehmend Fahrt auf und resultierten schließlich in ihrem ersten Plattenlabel, Brain Candy. „Das war sehr abstrakt“, gibt sie zu. „Ich habe FreundInnen und MusikerInnen gesignet, die ich interessant fand. Wir hatten kein Geld, aber eine Menge Spaß. Mein Vertrieb sah das leider anders – der wollte kommerzielle Musik und hat einen anderen Sound verlangte. Dann habe ich das Label lieber geschlossen.“