Foto: Presse/Frei Film Productions

Die Islamische Republik Iran ist ein repressiver Staat, in dem die Zensur vieles verbietet: von Meinungsfreiheit über kurze Röcke bis hin zu elektronischer Musik. Aber aller Verbote zum Trotz gibt es in Teheran im Verborgenen eine lebendige Undergroundszene. Das DJ-Duo Blade&Beard stand lange im Mittelpunkt dieser Szene. Ihre Geschichte von Teheran bis nach Zürich zeigt der Dokumentarfilm Raving Iran.

Zwei Arme recken sich zum Takt der Musik nach oben. Der Mond leuchtet voll vom Himmel. Die Person tanzt selbstversunken, etwas abseits von einer größeren Gruppe. Scheinwerfer flackern, Knicklichter leuchten. Ein Tisch wird von zwei Boxen flankiert. Hinter dem Pult: die beiden DJs Blade&Beard. Wir befinden uns in der iranischen Wüste. In der Umgebung kilometerweit nichts. Und das muss auch so sein. Denn das hier ist ein Rave. Und Raves sind im Iran verboten. Das Veranstalten von Partys ist nicht erlaubt, Alkohol natürlich auch nicht, „westliche“ Musik ebenso wenig. Das Ganze findet also illegal statt. Und trotzdem gibt es eine Szene für House und Techno, die so underground ist, dass wirklich alles im Verborgenen geschieht.

Die in der Schweiz lebende Journalistin Susanne Regina Meures stolperte vor einigen Jahren über einen kurzen Artikel, der eine dieser persischen Wüstenpartys beschrieb. Mit dem Land hatte sie zuvor keine besondere Verbindung gehabt. Der Artikel reichte, um ihr Interesse zu wecken. „Ich hab sofort gedacht, das wär ein super Filmthema.“ Sie begann zu recherchieren. Dafür stellte sich Facebook als ein ideales Mittel heraus: „Du siehst genau, wer mit wem befreundet ist, du kannst dir die Bilder anschauen, siehst, was die jungen Leute treiben.“ So bekam sie einen Überblick über die Szene in Teheran, wo Facebook zwar eigentlich gesperrt, mit einem VPN aber erreichbar ist. Nachdem sie mit einigen Leuten geschrieben hatte, flog sie in den Iran und traf sich dort mit ihren rund 40 Internetkontakten. Alle fanden ihre Idee mit dem Film toll, „aber natürlich haben alle große Angst. Völlig klar, dass keiner sofort sagt ‚Ach ja, super, ich mach da jetzt mit!‘“ So wurden die Einzigen,die sich filmen lassen wollten, die Protagonisten ihres ersten Langspielfilms: Arash und Anoosh, die das DJ-Duo Blade&Beard bilden.

Ohne staatliche Lizenz keine Veröffentlichung
Die zwei Teheraner sind Ende 20. Sie produzieren, legen auf und veranstalteten Partys. Zur elektronischen Musik fanden sie über eine „magische“ Mix-CD von Sasha & John Digweed, die ihnen ein Freund aus den USA mitbrachte. Aus dem Internet holten sie sich alles: musikalische Inspiration genauso wie das technische Know-how zum Produzieren. „Wir waren die ganze Zeit auf Youtube und Ableton Guide, zusätzlich meldeten wir uns bei ein paar Foren für elektronische Musik an, um mehr Wissen zu sammeln.“ Ihre Produktionen bezeichnen sie als Deep House, tatsächlich ist es eher dunkler Techhouse, der auch bei den Bachstelzen laufen könnte. Orientalische Elemente, wie sie aktuell gern von Musikern der zweiten Generation von Emigranten verwendet werden (siehe Groove 161), findet man in ihren Tracks kaum.


Stream: Blade&BeardThe Waves Are Coming

Als Meures die beiden trifft, überlegen sie bereits, den Iran zu verlassen: „Es war uns dort nicht erlaubt, Musik und Partys zu machen, es war fast unmöglich für uns zu leben. In der Situation musst du eine Lösung für deine Zukunft finden.“ Anoosh ist wegen dem Veranstalten von Partys schon zwei Mal im Gefängnis gelandet. Die beiden wollen vom Musikmachen leben – das können sie in Teheran nicht. Ihre Musik dürfen sie nicht in die Öffentlichkeit tragen.

Raving Iran dokumentiert die Veröffentlichung ihres ersten Albums. Doch der Weg dahin ist mit aberwitzig absurden Hürden gepflastert: Zunächst müssen sie als Musiker eine Lizenz haben. Die bekommt man im Ministerium für Kultur und islamische Führung. Dort filmten die Protagonisten mit einer in einem Hemd eingenähten versteckten Kamera, hochriskant. Arash und Anoosh stehen zwei Beamten gegenüber, die selber kaum an ihre Regeln zu glauben scheinen. Englische Sprache auf dem Cover ist beispielsweise nicht erlaubt, aber „Made In Iran“ schon – denn das sei ja Werbung
für das Land. „Das ist das große Problem dort: die Willkür. Das Ausmaß der Konsequenzen ist schwer abschätzbar, andererseits weißt du aber nicht genau, was jetzt erlaubt ist und was nicht“, sagt Meures.

Die Iraner haben gelernt, damit zu leben, indem sie die Regeln der Obrigkeit kreativ umgehen. „Sie mögen es, angelogen zu werden“, sagt ein Plattenladenbesitzer, der das Album von Blade&Beard unter der Hand verkauft. Eine Lizenz haben sie nicht erhalten.

Emigration? Eine unpolitische Entscheidung
Dass so ein Film letztendlich sehr politisch wird, ist unvermeidlich. Willkürliche Gesetze eines autokratisch-religiösen Staates zu brechen kann immer als Protest gesehen werden. So preist auch das Plakat den Film an: „Zwei DJs gegen das islamische Regime“. Aber: Die iranischen Raver sind eigentlich nicht politisch. „Ich glaube nicht, dass die jungen Leute zu einer Party gehen
und denken ‚Woah, jetzt rebellieren wir gegen den Staat!‘“, meint Meures. Der Spaß an der Freude treibe sie an. Auch Arash und Anoosh selber bezeichnen sich als unpolitische Personen. Das habe sich mit ihrer letztendlichen Emigration in die Schweiz nicht geändert: „Wenn manche sagen wollen, es sei eine politische Entscheidung, dann sollen sie das sagen, aber als Musiker und freie
Personen kümmern wir uns darum nicht und werden es auch nie tun.“

Raving Iran erzählt die Geschichte seiner Protagonisten sehr empathisch. Man hat das Gefühl, alles ganz nah mitzuerleben: den Stress und die Unsicherheit beim Organisieren der Party in der Wüste, die kurze Euphorie, als sie von der Partyreihe Lethargy zur Street Parade nach Zürich eingeladen werden, das anschließende Fürchten um ein Visum, die Überwältigung auf der tatsächlichen Street Parade und nicht zuletzt die innere Zerrissenheit bei der Entscheidung: Zurück nach Teheran oder in Zürich bleiben?

Mit ihrem Wunsch, das Land für längere Zeit zu verlassen, sind sie, zumindest in ihrem Umfeld (Mittelschicht und aufwärts), nicht alleine. Diese Leute fühlen sich in ihrem Land extrem eingeengt. Der Westen wird zu einer Projektionsfläche, gerade weil es nicht so einfach ist, dorthin zu gelangen. Vergleichen zu können, wie es ihnen in unterschiedlichen Ländern gefällt, „das ist die Freiheit, die sie nicht haben“, sagt die Regisseurin. Auch Blade&Beard mussten eine endgültige Entscheidung treffen. Meures wollte dabei keinerlei Einfluss nehmen, sie war eher the devil’s advocate.

Nun hat sich das Land für sie entschieden. Nach zwei Jahren in einem Flüchtlingscamp haben Arash und Anoosh im April dieses Jahres ihre Aufenthaltsgenehmigung erhalten. Sie wollen weiter an ihrer musikalischen Karriere arbeiten, Tracks zu Ende bringen und viel auflegen. Raus aus dem Schatten der Illegalität, rein in die Welt.


Video: Raving Iran (Trailer)

Das nächste Screening von Raving Iran findet am 26. September in der Berliner Volksbühne statt. (Infos) Offizieller Kinostart ist der 29. September.