Vorschaubild: Anke Guderle

Nach dem Nachtdigital ist vor dem Nachtdigital: Wie jedes Jahr glühen die aus dem Bungalowdorf Olganitz Heimkehrten bereits vor lauter Vorfreude auf das nächste Jahr. Warum aber eigentlich ist das verhältnismäßig kleine Festival dermaßen erfolgreich, was macht seine Beliebtheit aus? Das fragte sich Groove-Redakteur Kristoffer Cornils – und erhielt von gleich vier Personen Antworten. Laura Aha, Felix Hüther, Cristina Plett und Alexis Waltz waren 2016 beim Nachtdigital und das zum Teil nicht zum ersten Mal. Ein Gespräch über Ballermann auf hohem Niveau, Pop-Verbote und glückliches Taumeln.

 


 

Kristoffer Cornils: Auf die Gefahr, meinen Szeneausweis zu verlieren: Ich war noch nie beim Nachtdigital, ich mag Open-Air-Festivals generell nicht. Was zeichnet das Nachti aus? Was unterscheidet es von den Lalaland-Festivals, von denen Laura Ewert in der letzten Ausgabe gesprochen hat?

Alexis Waltz: Von der von Laura Ewert charakterisierten Berlin-Brandenburger Festivalszene setzt sich das Nachtdigital scharf ab. Den stilistisch diffusen Techno-Pop und eklektischen Afterhoursound findet man dort nicht.

Laura Aha: Das Nachti unterscheidet sich in vielen Punkten von anderen Festivals. Das Booking ist zu nischig, als dass Otto-Normal-Gelegenheitsraver wirklich hingehen würden. Was dann eben auch ziemlich angenehme Leute ohne unnötiges Szeneunderstatement anzieht.

Cristina Plett: Es hat den DIY-Charakter dieser Festivals, mutet aber professioneller an. Die Leute sind erwachsener, die Musik von hoher Qualität und die Deko ist auch kreativer. Die Lichtshows sind auf dem Niveau kommerzieller Festivals. Es vereint das Beste von großen und kleinen Festivals.

Ganz erwachsen, voll Banane. (Foto: Anke Guderle)
Ganz erwachsen, voll Banane. (Foto: Anke Guderle)

Kristoffer: Die musikalischen Unterschiede sind natürlich offensichtlich. Aber ist das nicht trotzdem betreutes Feiern im festgesteckten Zeitrahmen? Eine Kurzzeitutopie für überspannte GroßstädterInnen?

Felix Hüther: Das kann ich schwerlich beurteilen, da ich als seltener Festivalgänger kaum Vergleichsmöglichkeiten habe. Allerdings war das musikalische Programm äußerst nerdig ausgewählt. Abstrakte Sounds mit Anspruch, in die ich mich teilweise erst eingrooven musste.

Laura: Dafür ist der zeitliche Rahmen auch bewusst zu kurz gefasst. Man hat ja effektiv nur 48 Stunden, da kann man so einen krassen Zustand wie auf der Fusion gar nicht erreichen. Daher bleibt es mehr auf das Programm und die Musik fokussiert als tatsächlich eine „Parallelwelt“ auszurichten. Es kam mir eher vor wie eine extrem lange, gute Clubnacht am See.

Kristoffer: Cristina, du nanntest das Nachtdigital “erwachsener”. Altert so ein Festival denn, demographisch gesehen?

Cristina: Erwachsener meine ich vor allem aufs Verhalten bezogen. Wenig Glitzer und diese Stöcke mit Deko und auch weniger Berghainis, die sich mega cool fühlen. Einfach entspannt.

Felix: Dass die Leute vor allem wegen der Musik vor Ort waren, ließ sich feststellen, weil so ausgelassen getanzt wurde. Mit dem Smartphone filmenden Rasselbanden gab es nicht. Auch ist niemand im Publikum wirklich unangenehm aufgefallen, weil zu druff oder zu betrunken.

Alexis: Ob ein Festival altert, ist eine gute Frage. Von der Nation of Gondwana heißt es ja, dass der Altersdurchschnitt höher ist als bei vielen anderen Veranstaltungen. Beim Nachtdigital sind viele ganz junge Leute, aber auch ältere. Das Konzept mutet ein wenig neunziger-Jahre-mäßig an, weil mit Ambient, Detroit-Sound oder Dubbigem vielen Sparten von elektronischer Musik Raum gegeben wird. Das ist ein deutlicher Kontrast zu den Festivals, wo mehr oder weniger jeder DJ am liebsten Headliner wäre.

Laura: Den Eindruck, dass das Publikum „erwachsener“ war – im Sinne von angenehm und entspannt – kann ich unterschreiben. Alles war echt friedlich, unprollig, und irgendwie unprätentiös.

Cristina: Genau: Unprätentiös! Das ist das Adjektiv zum Nachtdigital.

Eng, heiß, verraucht: das Zelt (Foto: Martin Lovekosi)
Eng, heiß, verraucht: das Zelt (Foto: Martin Lovekosi)

Alex: Wie seid ihr in das Festival reingekommen? Was war der Moment, an dem ihr mit dem Festival geklickt habt? Bei mir war es das Opening Set von Jennifer Cardini: die Enge im Zelt, die Hitze, die roten Gesichter, ihr Rauchen, ihre fast bossige Art.

Cristina: Hm, also so richtig richtig erst am Samstagmittag bei Tolouse Low Trax. Da hat alles gestimmt! Davor war ich entweder nicht so 100%ig dabei oder ich fand die Musik eher mau. Oder es war geil, aber nicht tanzbar – sondern wow! Wie Aïsha Devi.

Felix: Ich fand den Ablauf am Anfang sehr angenehm. Die Idee und Umsetzung den Festivalbesuchern Zeit zu geben, sich einzurichten und anzukommen. Sonst wäre es schnell sehr hektisch gewesen. Die Eröffnung von Cardini und Devi im Anschluss auf der Open-Air-Bühne war für mich ein Einstieg mit Ansage.

Cristina: Ich glaube, dass die Open-Air-Bühne mit Aïsha Devi eher langsam losging, hat vielen aber auch nicht gefallen, die direkt loslegen wollten.

Alexis: Ich fand auch, dass es ziemlich lange gedauert hat. Ich wurde um 14 Uhr aus dem Bus gespuckt, und dann ist erstmal nichts passiert. Vom Zeltplatz aus hat man den DIY-Charakter auf dem Festivalgelände gut mitbekommen.

Felix: Bis kurz vor knapp wurde dort noch gewerkelt. Mich hat man da direkt noch zum Mithelfen eingespannt, als ich neugierig überall reingeschaut hab.