Café Belgica

Ein bisschen mehr Rock'n'Roll

Foto: Presse/Pandora Film (Frank/Tom Vermeir)

„Ein bisschen Rock’n’Roll?“ fragt Isabelle ihren Mann Frank höhnisch, bevor ein Teller knapp dessen Ohr verfehlt. Frank, Autoverkäufer in der Provinz mit Frau, Kind, Hund und geplantem Eigenheim, will mehr als ein bisschen. Er will ausbrechen aus der Tristesse und in der Live-Musik-Kneipe Café Belgica seines Bruders Jo als Partner einsteigen. Zusammen bauen Jo und Frank das heruntergekommene Café zum „Tempel der Verdorbenheit“ aus und lassen es krachen. Wie die Kneipe heißt auch der neue Film von Regisseur Felix van Groeningen (bekannt durch unter anderem Die Beschissenheit der Dinge), in dem es um die Essenz des Rock’n’Roll und also des gesamten Nachtlebens geht: den puren Exzess.

Könnte wirklich ein wenig Exzess vertragen: Franks Bruder Jo (Stef Aerts)
Könnte ebenfalls ein bisschen Exzess vertragen: Franks Bruder Jo (Stef Aerts)

Das Café Belgica hat ein reales Vorbild: Charlatan in Gent, eine eine Institution für Partygänger jeden Alters und jeden Musikgeschmacks. Sie wurde 1989 von Felix van Groeningens Vater eröffnet, Felix hat als Jugendlicher an der Theke ausgeholfen und hautnah die Entwicklung, die auch das Café Belgica im Film nimmt, mitbekommen: die idealistischen Anfänge als Live-Musikkneipe, die allen offen steht. Dann mit zunehmendem Erfolg der allmähliche Einfluss von Drogen und Gewalt. Die unvermeidlichen Diskussionen über stärkere Kontrollen bis hin zu den Türstehern, die Besucher, von denen Ärger erwartet wird, rigoros abweisen. Und die stetige Versuchung der Betreiber, sich selbst im Exzess fallenzulassen. Denn Frank will die ganze Packung! Und verliert dadurch immer wieder den Kontakt zur Realität. Er kann erfolgreich seiner eigenen Familie mitsamt Problemen entfliehen, die Belegschaft des Cafés wird seine Ersatzfamilie. Aber auch diese Geborgenheit währt nicht lange, Frank droht im Nachtleben komplett aufzugehen. Große Katerstimmung ist vorprogrammiert. Da hilft dann auch die größte Bloody Mary der Welt nicht mehr.

Da geht noch einer, da geht's noch allen gut: Jo (Stef Aerts) und Davy Coppens (Boris van Severen)
Da geht noch einer, da geht’s noch allen gut: Jo (Stef Aerts) und Davy Coppens (Boris van Severen)

Bis auf drei lizensierte Songs (u.a. die House-Hymne „Plastic Dreams“ von Jaydee) stammt der Soundtrack komplett vom Duo Soulwax, auch bekannt als 2ManyDJs. Die Brüder stammen selbst aus Gent, sind sozusagen im Café Charlatan aufgewachsen. Ein Jahr lang werkelten sie an der Musik des Films. Anstatt echte Bands zu engagieren haben sie kurzerhand eigene erfunden, sie besetzt, die Lieder arrangiert und eingespielt. Die Musik ist so divers wie das Nachtleben selbst: Von Kraut-Techno über Neo-Soul, von Psychobilly bis hin zu Metal (feat. Igor Cavalera von Sepultura) und einer Electro-Pop-Band mit Vocoderoverkill.

Die Musik des Café Belgica-Soundtracks ist – Achtung! Buzz-Word-Alarm – so authentisch wie selten in Filmen, die vom Nachtleben handeln. Dabei baut sich von Song zu Song ein Spannungsbogen auf, der die Nacht und die Gefühle der Protagonisten fantastisch widerspiegelt. Dazu noch die immersive Kameraarbeit von Ruben Impens! Sie zieht hinein ins Café Belgica, Schweiß tropft von der Decke, die Lichter gehen aus. Van Groeningen und Soulwax gelingt in den ekstatischen Club-Szenen Einstellungen, was selten auf der Leinwand passiert: Das Gefühl des niemals endenden Spaßes zu transportieren. Der Filmspaß ist nach reichlich zwei Stunden dann doch zu Ende und in der Katerstimmung bleiben eigentlich nur ein paar Fragezeichen zurück. Manche Erzählfäden wie der Türsteher-Ausraster von Frank werden dramatisch aufgeladen, um sie dann kurz vor schwerwiegenden Konsequenzen einfach nicht weiter zu erzählen. Ansonsten eine selten grandiose Party im Kino.

Wir verlosen jeweils 5 CDs des Café Belgica-Soundtracks von Soulwax u.a.! Schickt uns zur Teilnahme am Gewinnspiel bitte bis spätestens Donnerstag, den 21. Juli eine Mail mit dem Betreff Café Belgica! Bitte gebt auch eure Adresse an.