Vicmari

Audiodidact (Slopemusic/Eclipser Chaser)

 

Wer weiß, vielleicht gehören ja diese Platte und dieser junge Kerl zu den House-Entdeckungen des Jahres. Der südafrikanische Produzent Vicmari verdient die Aufmerksamkeit, die ihm bisher verwehrt blieb. Geboren im KwaDabeka-Township in Durban faszinierte ihn, wie viele seiner Landsleute, Kwaito – die House-HipHop-Fusion, die den Zerfall des Apartheid-Regimes musikalisch umrahmte. Doch während in seiner Heimat jüngst vor allem das Gqom-Genre emporstieg (siehe Groove 160), folgte Vicmari einem anderen Weg: seiner liebe für House Music. Nach einem Release für eine kleine Plattform in Pretoria erscheint 2014 unter dem Namen Vicmari CK die „Same Mistake EP“ beim Sound-Kemystry-Label von Lady Blacktronika. Und auch jetzt, zwei Jahre später, zeigt seine Debüt-LP Audiodidact, warum Vicmari die Dialektik des musikalischen Durbans verkörpert oder konterkariert. Seine Tracks sind keine brutalen Dampfwalzen oder nihilistische Bassmusik. Vicmari ist eher der introvertierte Traditionalist, der klassischen und modernen House mit Dub-Elementen anreichert. Anders gesagt: Kerri Chandler, Moritz von Oswald, Pepe Bradock oder Move D sind nur einige Künstler, die Vicmari verehren dürfte.

Das Album beginnt mit soulinspiriertem House samt funkigem Gitarrensample („Wonders“) und wird mit warmen Chords, eleganten Melodien und Easy-listening-Vibes fortgesetzt. Diesem Deephouse stehen Tracks wie „Local Play“ gegenüber, die mit starken Basslines und geschicktem Drum- und String-Arrangements eher die dreckigere (Floor-) Facette des Live-Acts offenbaren. Die dritte Klangfarbe auf Audiodidact wird von „Who Could Measure“ dargestellt: Nicht nur hier, wo sich die Vocals der US-Damen von Amraah 8 durch ein Echo-Dickicht flüstern, wird deutlich, dass Vicmari Labels wie Chain Reaction oder Rhythm & Sound studiert hat. Allerdings sind seine dubbigen Tracks lange nicht so hart und minimalistisch wie Maurizio oder Basic Channel, sondern erinnern an Marko Fürstenberg oder an die ersten Monolake-Platten in den Neunzigern – nur eben 16 BPM langsamer.

Vicmaris Produktionen sind nicht düster, vielleicht mal unterkühlt, ja. Trotzdem schwingen immerzu etwas Wohltuendes sowie die Hoffnungen und Träume eines strebsamen Talents durch. Diese drei klanglichen Eckpfeiler, ob für sich stehend oder zusammengebracht, machen Audiodidact so stark und interessant. Vicmari erfindet weder Deephouse noch Dub noch Downtempo neu. Muss er auch gar nicht. Viel wichtiger ist ihm sowieso die Suche nach seinem ganz persönlichen Sound. Und diese Herausforderung beginnt ja bekanntlich meistens in der Vergangenheit.

 


Stream: VicmariWonders