MIRA Festival Berlin 2016

Audiovisuelle Gesamterlebnisse

Foto: REFUGI/Mira Festival

Rote Laserstrahlen durchschneiden den Raum. Im Nebel materialisieren sie sich geradezu. Menschen irren zwischen ihnen umher, als wären sie auf einem fremden Planeten ausgesetzt worden. Düsterer Ambient lässt die Landschaft bedrohlich wirken. Die Strahlen bewegen sich langsam Richtung Decke, bis sie gerade nach oben zeigen, in Reih und Glied gleichsam eine Gottheit anbetend. Hyperjump ist ein Hybrid aus Landschaft und Lebewesen. Die Installation des Künstlerkollektives Tundra war am vergangenen Samstag definitiv eines der Highlights des Mira Festivals Berlin.


Video: TundraHyperjump

Das Festival gibt es bereits seit fünf Jahren in Barcelona, dieses Jahr feierte es seine Berlin-Premiere im Funkhaus Nalepastraße. Der spanische Einfluss war deutlich zu spüren: Das Bier kam von Estrella Galicia aus Galizien und die SpanierInnen-Quote lag weit über der in Berlin üblichen Zahl und sorgte für willkommene Ausgelassenheit. Die war bei dem Format nämlich nicht unbedingt gegeben: Die Shows waren zwischen Konzert und tanzbarem Live-Set angesiedelt. Das führte im Publikum offensichtlich zu leichter Verwirrung. Abgesehen von tanzenden Fans in den ersten Reihen, wippte der Rest des Publikums meist eher zaghaft mit.

Trotzdem waren die Shows beeindruckend. Kuedo spielte im Kultursaal einige seiner Hits wie „Truth Flood“, was zu begeistertem Johlen führte. Die Visuals von Werkflow untermalten dies lediglich ästhetisch, sie verstärkten die Wirkung der Musik jedoch nicht direkt. Das war bei Takami Nakamoto & Sébastién Benoits present Reflections eher der Fall: Im Sendesaal 1 standen sich der Schlagzeuger Benoits und der Visual Artist und Produzent Nakamoto auf der Amphitheater-artig tiefer liegenden Bühne gegenüber. Die Neonröhren hinter ihnen leuchteten im Takt auf, die Elemente auf Benoits‘ Schlagzeug ebenso. Strobos und Scheinwerfer brachten den ganzen Saal zum Flackern. Eine wahrhaftige „Wow!“-Performance, von der sich die BesucherInnen auf gemütlichen Sesseln gänzlich einnehmen lassen konnten.

Reflections by Takami Nakamoto and Sebastien Benoits

Ein weiteres Highlight war das Nøtel von Kode9 und dem Künstler Lawrence Lek. Ein Hotel, „designed by algorithms, built by robots, made for humans“ – und nun gespenstisch leer. Aus der Perspektive einer Drohne fliegt das Publikum durch das von Lek entworfene Nøtel, während die Electronica von Kode9 entlang der kühlen Visuals eine Geschichte erzählt. Das Hotel wirkt so mal friedvoll ruhig, mal als könnte hinter jeder Ecke eine Gefahr lauern. Das Zuschauen allein ist bereits spannend. Nach 50 Minuten gibt es dafür verdienten Applaus und Jubel.

Eine Pause von den audiovisuellen Shows konnte man sich am Spreeufer oder im Hof gönnen. Dank der Sonne war es angenehm entspannt, dort ein Bierchen zu trinken. In der Mitte des Hofes ragte eine Art Riesen-Iglu empor, der Mira Dome. Im Inneren des Domes wurde das Konzept der AV-Show noch auf ein weiteres Level gehoben. Man lag auf dem Boden, während über einem die gesamte Kuppel zur Projektionsfläche wird. Die Programmreihenfolge hätte man etwas verständlicher kommunizieren können, trotzdem war der Dome eine „Bühne“, die zeigt, dass das Mira es ernst meinte mit dem audiovisuellen Gesamterlebnis.

MIRA Dome

Das Festival agierte in nahezu allen Bereichen auf hohem Niveau: Die Soundsysteme waren gut, die Scheinwerfer potent und die Location faszinierend. Das alte Funkhaus der DDR hat eine elegante Architektur, die an Bauhaus-Ästhetik erinnert. Sie gab der avantgardistischen Musik einen klassischen, ehrwürdigen Rahmen. Einzig das Lineup hätte ein paar mehr Frauen vertragen können: Zwei Frauen bei 26 performenden Künstlern sind dann doch ziemlich mickrig, vor allem wenn sich das Plakat mit zwei Gesichtern von Mann und Frau schmückt. Zudem liegt das Funkhaus ziemlich abgelegen in Oberschöneweide, dafür aber gab es einen Shuttlebus, der ungefähr so alt wie der 1951 gebaute Komplex zu sein schien. Nach all den futuristischen Visuals und der vorwärtsgewandten Musik war das ein ironischer Gegensatz auf der Heimfahrt.