Anohni

Hopelessness (Rough Trade)

 

Mit Anohni scheint Antony Hegarty nicht nur ein neues Alias, sondern auch eine neue musikalische Identität gefunden zu haben. Produziert von Hudson Mohawke und Oneohtrix Point Never, ist Hopelessness zugleich leidenschaftlicher Protestpop, Konzeptalbum und überschwängliches Meisterwerk, wobei je nach Lesart die Anteile variieren. Jeder Song scheint hier sowohl Aufschrei über die großen verstörenden Kontroversen der Neuzeit wie auch schillerndes Pop-Drama zu sein – verpackt in eine irritierend schöne Hochglanzhülle, was in seiner Gänze die Widersprüche, Verzweiflung und Konfusion des aktuellen Zeitgeschehens kaum treffender abbilden könnte. Im Gegensatz zu anderen aktuellen Protestwerken, wie dem dunklen Brute von Fatima al-Qadiri, äußert sich die Verzweiflung bei Anohni in leidenschaftlichen Popsongs, deren konterkarierende Botschaften sich im Grunde nur durch die Texte offenbaren. Eine perfekte visuelle Entsprechung dazu fand bereits das grandios mit Symbolik und Widersprüchen spielende und von Nabil und Riccardo Tisci gedrehte Video zu „Drone Bomb Me“: Während der Song den verzweifelten Ruf eines afghanischen Drohnenopfers verhandelt, treffen im Video Hochglanz-Sexismen und Naomi Campbells Plastiktränen auf einen leicht als Liebesgeschichte durchgehenden Future-R’n’B-Sound. Derart emotionale Aufruhr bildet die Widersprüche unseres postmodernen Daseins besser ab, als das ein zorniger Stinkefinger je könnte. Mitreißende Songs wie „Four Degress“ oder „Crisis“ kehren das euphorisierende Element von Pathos gegen sich selbst und eröffnen dadurch unerschöpfliche Interpretationsmöglichkeiten, die den Hörer gerne mal zutiefst berührt, verwirrt und zugleich mit einem Gefühl der Nähe und des Sich-verstanden-Fühlens zurücklassen. Was könnte auch besser den schizophrenen state of affairs erfassen als dieses emotionale Gerangel aus Euphorie, Wut, Trauer und Verzweiflung? Gerade dadurch entwickelt Hopelessness eine Intimität, die man im Pop nur selten findet. Und bringt so auf verstörend schöne Art und Weise die geballte Ohnmacht und Wut im Angesicht des alltäglichen Wahnsinns zum Ausdruck. Auch wenn mir eingefleischte Antony-Hegarty-Fans hier vielleicht widersprechen mögen: Mohawke und Oneohtrix Point Never setzen Hegartys Stimme und Texte genau so in Szene, wie es Antony and the Johnsons oder auch Hercules And Love Affair nie konnten, sodass man das Gefühl hat, sie zum ersten Mal so zu hören, wie sie schon immer gehört werden wollte. Hopelessness ist Pop und Statement, und in dieser konsequent zusammengedachten Form schon jetzt ein kompromissloses Meisterwerk.

 


Video: AnohniDrone Bomb Me