The Long Now

Zwischen Wachen und Schlafen

Fotos: Camille Blake (Kraftwerk), Presse (Acronym)

Jeder, der schon mal samstagnachts vom Strudel der Nacht eingesaugt und 20 Stunden später blass und durchgeschüttelt von irgendeiner Clubtür wieder ausgespuckt wurde, kennt das Gefühl: Das eigene Zeitempfinden will irgendwie nicht mehr so ganz mit der Realität korrespondieren. Zeit war auch zentrales Thema des diesjährigen MaerzMusik-Festivals, das vom 10. Bis 20. März 2016 im Haus der Berliner Festspiele und an verschiedenen Spielorten Berlins stattfand. Das zehntägige Festival, das 2002 in die Fußstapfen der Biennale trat und sich ursprünglich als „Festival für aktuelle Musik“ verstand, stellte sich in diesem Jahr zum zweiten Mal als „Festival für Zeitfragen“ dem intellektuellen Diskurs. Das so genannte „Digitale Universum“ solle als „Geburtsort neuer Zeitformen“ imaginiert werden, Schlagworte wie „globale Echtzeit“, die Auflösung realer räumlicher Distanzen und neue Maßstäbe von Geschwindigkeit durchzogen die Programmbeschreibung und leiteten auf die zentrale Frage hin: Was geschieht eigentlich mit unserer Zeit?

Zeitfragen, besonders logistische, stellten sich auch, bevor man sich am Samstagabend zum letzten Programmpunkt ins Heizkraftwerk begibt. The Long Now ist die Abschlussveranstaltung betitelt, was bei nicht weniger als 30 Stunden durchgängigen Programms wohl kaum übertrieben scheint. Muss man irgendwelche Vorkehrungen treffen? Stulle schmieren, Pyjama, Schlafsack und Zahnbürste einpacken, wie bei Max Richters vorangegangener „Sleep“-Performance, bei der sich das Heizkraftwerk für eine Nacht in ein auditives Schlaflabor verwandelte? Oder am besten vielleicht gar nicht schlafen? Bei 30€ Eintritt will man schließlich nichts verpassen. Durchhalten ist also die Devise.

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Unterschwelliges Dröhnen schlägt einem entgegen, als sich die Türen des massiven Betonklotzes öffnen. Das Gefühl, einen sakralen Raum zu betreten lässt sich nicht abschütteln. Man unterhält sich flüsternd, steht andächtig mit geschlossenen Augen im Raum oder trinkt einfach schweigend seinen kalten Kaffee, der hier aus einer Zapfanlage in Strömen fließt. Ohne Milch und Zucker zwingt man sich diesen bitteren, neuen Trend die Kehle hinab und keiner verzieht eine Miene, wie so oft auf Veranstaltungen, die sich dem hochkulturellen Legitimationsethos verschrieben haben. Ich trinke tapfer mit, ist es doch das einzige Hilfsmittel, um die Nacht durchzustehen. Schlichte Feldbetten und Fleecedecken sind im Raum verstreut und man kann nicht umhin, kurz innerlich zusammenzuckend an Bilder provisorischer Flüchtlingslager zu denken. Der italienische Pianist Marino Formenti ist am Klavier schon voll im Einsatz, fast unter dem Flügel auf der Bühne liegend kann man zwischen John Cages „4’33““ und Morton Feldmans „Triadic Memories“ beobachten, wie er sich schnell homöopathische Halstropfen in eine Tasse Tee aus der Thermoskanne träufelt. Bei gefühlten 10 Grad Innentemperatur ist es ihm nicht zu verdenken.

Umbaupause für John Cages Riesenensemble „Fifty-Eight“. Zeit, ein bisschen umher zu wandeln. In der ehemaligen Schaltzentrale des Gebäudes erklingt „Love Sounds“, eine 24-stündige Soundinstallation der Kulturkritikerin und Künstlerin Masha Tupitsyn, die Fetzen von Filmdialogen Liebender extrahiert und ohne den bildhaften Bezug im Raum stehen lässt. Auf der Zwischenebene werden Filmprojekte des Sensory Ethnographic Labs der Harvard Universität gezeigt, das Ethnographie und Ästhetik filmisch verknüpft. Bevor man sich jedoch auf die Dokumentation der Krabbenfischer auf ihrem Boot einlassen kann setzt in der Halle das 58-köpfige Bläserensemble ein. John Cage, der „Fifty-Eight“ im Jahr 1992 für die besondere Architektur des Landhaushofs in Graz mit seinen 58 Gewölbebögen komponierte, erlebte die Uraufführung seines Werks nicht mehr. Die Interpretation in der von Eisenbalken durchzogenen Halle des Heizkraftwerks, in der sich die 58 Bläser zwischen dem Publikum im ganzen Raum verteilten, dürfte jedoch ganz im Sinne des Komponisten gewesen sein: 45 Minuten lang wird der Raum zum Klangkörper, beim Umherwandern klingt das Orchester an manchen Stellen wie die riesige Orgel einer barocken Kathedrale, hinter der Säule wie ein kleines Ensemble, anderorts schon fast elektronisch dröhnend.

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Wer nach dieser Mammutperformance noch einschätzen kann, wie lang er sich bereits an diesem Ort befindet, dessen Zeitgefühl wird spätestens bei der Uraufführung der Kollaboration von Rashad Becker und Moritz von Oswald, „fathom“, außer Kraft gesetzt. Als „ausloten“, „erforschen“, „ergründen“ lässt sich das Verb to fathom übersetzen, aber auch als altertümliche nautische Längeneinheit. Würdevoll inszeniert sich von Oswald am Flügel, schmunzelt teilweise amüsiert über die ihm buchstäblich zu seinen Füßen liegenden, in Fleecedecken eingemummten Zuhörer, die mit träumerischen Augen zu ihm hinaufschauen. Ihre Aufmerksamkeitsspanne driftet simultan mit dem durchgehend stoisch angeschlagenen Klavierakkord, der von Becker elektronisch moduliert und verfremdet wird, hin und her. Auf den akustischen Teil folgt eine Art Partysituation im weitesten Sinne: Live-Electronica von Acronym alias Dan Vincente, dem Duo Dalhous und dem norwegischen Ambient-Künstler Biosphere locken Vereinzelte zum Ausdruckstanz auf die Tanzfläche.

Auf der Liege dämmert man in einem Zwischenzustand vor sich hin und als ich irgendwann von einem Bassschlag aus dem Halbschlaf gerissen hochschrecke und mich fröstelnd frage, ob und wie lange ich eigentlich geschlafen habe, ist es wohl Zeit, zu gehen. Ich stolpere in die schwarze Nacht und bin verwundert, dass es noch nicht hell ist. Oder ist schon wieder Nacht? The Long Now löst das Zeitempfinden auf und wird tatsächlich zur körperlichen und künstlerischen Grenzerfahrung zwischen Wachen und Schlafen, bewusstem Rezipieren und unterbewusstem Konsumieren. Was genau mit der Zeit geschehen ist, ist im Nachhinein schwer zu beantworten. The Long Now ist eine Zäsur und erhebt die Gegenwart zur Maxime.