FESTIVAL DER UNTERSCHIEDE

Rückschau: CTM Festival (30.01.-07.02.)

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Am 30. Januar veröffentlichte die Zeitung Mannheimer Morgen ein Interview, in welchem Frauke Petry, Chefin der selbsternannten Alternative für Deutschland, zu Protokoll gab, dass sie als „Ultima Ratio“ den Waffeneinsatz gegen geflüchtete Menschen an deutschen Grenzen per se nicht ausschließe und verwies auf geltendes deutsches Gesetz, das den Einsatz von Schusswaffen an der Grenze erlaubt. Eingeführt wurde dieses 1961 – dem Jahr, in welchem die Mauer hochgezogen wurde und Deutschland nicht nur symbolisch, sondern de facto in West und Ost getrennt wurde. Das ist leider eine gute Analogie für deutsche Diskussionskultur im Jahr 2016: Auch die kennt nur die eine oder die andere Seite, kaum ein Dazwischen und erst recht nicht komplexe Sachverhalte. Dazu gehören auch rechtliche: Petry scheint die Genfer Konventionen vergessen zu haben.

Am selben Tag, als der Mannheimer Morgen sein Petry-Interview veröffentlichte, startete die 17. Ausgabe des CTM Festivals, das sich dieses Jahr ein bemerkenswertes Motto auf die Fahnen geschrieben hatte: New Geographies. Während der politische Diskurs drumherum sich um die Verfestigung von geografischen und kulturellen Grenzen bewegte, sollten diese innerhalb von zehn Tagen überwunden werden, damit neue Orte und Ordnungen erschaffen werden – ob auf dem Dancefloor oder in digitalen Lebenswelten. Es wäre nun recht einfach, der CTM und dem kunstfokussierten Geschwisterfestival transmediale weltfernen Utopismus vorzuwerfen. Tatsächlich aber war selten eine Ausgabe des sonst eher auf ästhetische Themen ausgerichtete Festivals politischer als diese. Denn ob die Verneinung von festgefahrenen gesellschaftlichen Strukturen durch Punk oder Technos nimmermüder Zukunftsoptimismus: Popmusik ist immer auch Petrischale für neue Lebensentwürfe und also neue Geografien – sei es nun ein besetztes Haus oder ein Techno-Club.

Ein von GROOVE (@groove_mag) gepostetes Foto am

Allemal besser als Waffengewalt: Musik. Künstler Pedro Reyes baute für Disarm (Mechanized) aus Pistolen und Gewehren Instrumente.

Obwohl – oder besser: gerade weil – das CTM in diesem Jahr politischer als sonst ausfiel, gab es kaum einen erkennbaren roten Faden, weder musikalisch noch hinsichtlich der transportierten Haltungen. Die stilistische wie auch thematische Diversität des Line-Ups fiel dermaßen breit aus, dass selbst innerhalb der jeweiligen Abende kaum Anknüpfpunkte zwischen den einzelnen Acts erkennbar wurden. Während Jlin mit ihrem ultracleanen Footwork-Entwurf die Panorama Bar bearbeitete, breitete Lena Willikens auf dem Berghain-Floor ebenso traditionsbewussten wie verspielten Techno aus. Derweil im Heimathafen Neukölln Abdel Karim Shaar Pop- und Volkslied-Standards seines Heimatlandes Libanon interpretierte, ließen der Sibirier Buttechno und das Duo Love Cult – wie auch Buttechno oder der ebenfalls anwesende hmot bereits auf der Sibirien-Ausgabe der CTM zu sehen gewesen – im HAU2 stoische Beats und Knistersounddesign mit wackeligen Filmaufnahmen zusammentreffen. Anderen Tags spielte Maurice Louca mit Band eine noisige Mischung aus instrumentalem Rock und Noise, bevor im Keller der Werkstatt der Kulturen zu mexikanisch angereichterten Trap-Sounds und Techno getanzt wurde. Es war ein Festival der Unterschiede, das von Kontrasten lebte.

Die regionalen und kulturellen Differenzen, die das CTM mit seinem Programm – das die deutliche Handschrift von Ko-Kurator Rabih Beaini trug – in den Fokus nahm, warfen jedoch auch Probleme auf. Die begleitende Ausstellung Seismographic Sounds im Kreuzberg Kunstquartier Bethanien beispielsweise bot zwar einige interessante Stücke, so richtig zu einem kohärenten Ganzen wollte sie sich jedoch nicht zusammenfügen. Hier ein wenig Kapitalismuskritik, dort intime Porträts von israelischen Musiker_innen – der rote Faden ließ sich auch dort nicht auffinden. Zumal betonte Diversität immer Gefahr läuft, es zu gut zu meinen – ganz nach dem Motto: Schaut her, das sind die anderen, die machen dies und das. Kritik wurde beispielsweise an Vincent Moons Installation Rituals beziehungsweise seiner auf dem Eröffnungskonzert präsentierten Doku-Performance Híbridos (Processos Abertos) geäußert: Wo hört der dokumentarische Bericht von religiösen Ritualen aus aller Welt auf, wo fängt der exotisierende Voyeurismus durch die westliche Brille an? Auch Peder Mannerfelt, der mit der Performance „Appreciation / Appropriation. A Live Presentation and Adaption of the Swedish Congo Record“ den westlichen Umgang mit Samplequellen aus afrikanischen Ländern problematisieren wollte, trieb es mit seiner kolonialistischen Ästhetik vielleicht etwas zu weit.

Ästhetisch beeindruckend, nicht unbedingt aber aussagekräftig: Deep Web von Robert Henke und Christopher Brauder

Parallel dazu wurden allerdings noch andere, ortlose neue Geografien erschlossen. So eindrucksvoll die von Robert Henke und Christopher Bauder entwickelte Installation Deep Web vor der imposanten Kulisse des Kraftwerks auch klang und aussah: Die von Lasern bestrahlten, sich bewegenden Sphären und Henkes ausgeklügeltes Sounddesign waren vor allem ein tolles ästhetisches Erlebnis, weniger allerdings eine konzise Aussage über die Auswirkungen der unserer zunehmenden Vernetzung, die sie es abbildete. Das jedoch erledigten andere. Besonders beeindruckend war die Show von J. G. Biberkopf, der erst letztes Jahr auf Kuedos Label Knives debütierte und dessen totalentfremdeter Digitalsound von einem herausragenden Visual-Konzept der Künstlerin MBJ Wetware begleitet wurde. Dagegen flachte die Performance von Visionist am selben Abend im Berghain leider in konzeptueller Wahllosigkeit ab. Die gleichermaßen durchdachteste wie auch spektakulärste Show bereitete aber ein mehrköpfiges Team unter der Leitung der Künstlerin Mari Matsutoya, dem unter anderem die Produzentin Laurel Halo angehörte: Am Freitag sowie am Samstag schwebte mit Hatsune Miku ein Hologramm auf der Bühne des Haus der Kulturen der Welt im Mittelpunkt des Interesses. Miku ist Avatar des Software-Synthesizers Vocaloid und damit eigentlich der ultimative Popstar: Wer möchte, kann mit Miku (dem Synthesizer) Songs schreiben, die vielleicht sogar von Miku (dem Hologramm) performt werden und von Miku und ihrer Welt handeln. Enttäuschung ausgeschlossen! Die Interpretation des Teams um Matsutoya allerdings konzentrierte sich eher auf eine kritische Auslegung dessen, was passiert, wenn wir unser Leben und Lieben ins Digitale verlegen. Ein auf mehreren Ebenen denkwürdiges Event, an dessen Ende das standesgemäße Selfie mit Miku oder wahlweise einem Miku-Cosplayer nicht fehlen durfte.

Was bleibt also von diesem politisch ausgerichteten und divers aufgestellten Festival über? In seinen besten Momenten, insbesondere den Clubabenden im Berghain vielleicht der Gedanke, für den eine Protagonistin aus Vincent Moons Híbridos (Processos Abertos) das Motto lieferte: „Wenn ich mich in Trance befinde, bin ich mit allem verbunden.“ Daneben aber bot das CTM Festival weniger mögliche Utopien an, als dass es vielmehr dringende Fragen stellt: Warum fordern um uns herum immer mehr Menschen die Festigung von Grenzen, wo doch nur deren Überwindung zu dermaßen viel Austausch und Kritik wie in diesen zehn Tagen einlädt? Warum setzen wir uns nicht intensiver mit der Komplexität unserer zunehmend vernetzten Welt und insbesondere ihren zur Peripherie degradierten Teilen auseinander, anstatt uns vor ihnen – wortwörtlich – mit aller Gewalt verschließen zu wollen? Das machte das CTM in diesem Jahr mit allen kritikwürdigen wie gelungenen Aspekten zur Petrischale für neue Lebensentwürfe und also neue Geografien – und damit zu einem wichtigen Beitrag gegen selbstgerechte Abstumpfung jeglicher Art. Und sei es nur in einem vergleichsweise kleinen Rahmen, den so ein Berliner Festival bieten kann.