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HOUSE GOES HIP HOP

Alte Wurzeln, neue Früchte

Househop

Illustration: Super Quiet
Erstmals erschienen in Groove 158 (Januar/Februar 2016)

In diesem Jahr ist in Sachen House nicht viel wirklich Bemerkenswertes zu hören gewesen. Die Beatport-Charts für – räusper – Deep oder Tech-House sehen noch genauso aus und klingen vor allem genauso wie in den Jahren zuvor und der sogenannte Outsider House stagniert. Junge Labels wie Mood Hut oder Rhythm Section International nahmen 2015 zwar das Tempo zurück, ein neuer Sound war jedoch auch von ihnen nicht zu hören – stattdessen viele Saxofon-Soli. 2015 war aber das Jahr, in dem sich überwiegend hierzulande viele HipHop-Einflüsse in die Houseszene einschmuggelten, und nicht nur das: Die dazugehörige Attitüde zeichnet sich ebenfalls immer deutlicher ab.

Abzulesen war das an einem wilden Kollaborationswillen. Nachdem der junge Berliner Max Graef bereits 2013 auf sich aufmerksam machte und mit seiner Debüt-LP Rivers Of The Red Planet im Folgejahr endgültig von sich überzeugte, gründete er 2015 gemeinsam mit Glenn Astro und Delfonic das Label Money $ex, auf dem sich wiederum IMYRMIND oder Hodini sowie zahlreiche Gäste einfanden. Graef selbst trug auch zu der Compilation Give’n’Take des Dresdner Labels Uncanny Valley bei, dessen Protegé Scherbe wiederum zum zweiten Mal mit Big Bait-Begründer Peter Clamat als Citizen Funk zusammentraf.

Nicht unweit davon lud der mittlerweile nach London verzogene Damiano von Erckert, seines Zeichens mit Graef und Glenn Astro befreundet, neben Hodini auch Retrogott ins Studio – ihrerseits als Retrogott und Hulk Hodn eine feste Instanz im Boom-Bap-geschulten Deutsch-Rap-Game. Die eigenen HipHop- und House-Produktionen per Pseudonym abzutrennen, wie das Hodini tut, ist auch keine Seltenheit: Beatmaker Twit One avancierte vor zwei Jahren als Tito Wun zum House-Head.

Verwirrt angesichts so vieler Namen und Querverweise? Kein Wunder. Es ist eine kleine, aber höchst aktive Clique, die derzeit auf sich aufmerksam macht. Nun ist es keinesfalls so, dass der Austausch unter House-Produzenten per se ein Novum sei. Auffällig ist aber die Unbekümmertheit und die Produktivität, mit der die kreativen Bromances (wir reden hier eindeutig von einem Jungsclub) gepflegt werden. Die HipHop-verwurzelten Künstler eint einerseits die Haltung, andererseits der Hang zu rohen Sounds und unquantifizierten Rhythmen. Das Zusammenrücken beider Genres ist so überraschend nicht, getroffen wird sich schließlich vor den Crates: Soul, Funk, Disco gewannen zuletzt wieder an Relevanz, umfassende Re-Issues und zahllose Edits erschienen – Sample-Material für die neuen Brückenschlagenden. Es handelt sich um ein Digger-Phänomen, das Instrument der Wahl ist dementsprechend die MPC. Die Tracks lassen sich höchstens bei Big Bait und seltener bei Damiano von Erckerts Label Ava. noch unter herkunftsbewusstem Deep House verschubladen. Der mit UK-Elementen angereicherte Sound von Cuthead und die zum Teil schräg verpackten Jazzelemente bei Max Graef machen schon wieder ihre eigene Kategorie auf.

Die zeichnet sich dadurch aus, Vinyl nicht allein als Materialquelle, sondern als Sportgerät zu verwenden. 15 Tracks umfasst beispielsweise Throwback von Glenn Astro, keiner davon länger als fünf Minuten. Damiano von Erckert machte mit seinem Drittwerk Also Known As Good ebenso wenig Zugeständnisse an den Four-to-the-Floor-verwöhnten Dancefloor. Mit HipHop-verwurzeltem House lassen sich keine 16-taktigen Build-ups forcieren, stattdessen werden Agilität und Spontaneität gefordert, was wiederum stark an die Anfangstage der DJing-Kultur im HipHop erinnert. Das lässt diese Musik so frisch wirken: Sie umschifft nicht nur stilistische Konventionen, sondern verspricht zugleich deren Auflockerung. Das dürfte all denjenigen gut schmecken, denen der sogenannte Emo-House ebenso zum Hals heraushängt wie Peaktime-devoter Tech-House.

„8, 7, 6, 5, dann White Noise, dann die Bassdrum und alle jubeln. Für mich ist das hässlich!“, ließ sich in der Groove einer zitieren, der ebenfalls mit HipHop angefangen hat und den wir für seine Unangepasstheit lieben: DJ Koze.

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