DISCLOSURE „Wenn dich jemand verklagt, hast du’s geschafft“

Interview: Florian Obkircher, Fotos: Simon Emmett
Erstmals erschienen in Groove 156 (September/Oktober 2015)

Vor zwei Jahren lebten sie noch bei ihren Eltern in der südenglischen Provinz, heute werden sie per Hubschrauber zu ihren Mega-Shows in Las Vegas geflogen. Ein Gespräch mit dem Bruder-Duo Disclosure über ihren raketenhaften Aufstieg, den EDM-Stempel und ihr neues Album Carcal.

Als Disclosure im Mai 2013 das Cover dieses Magazins zierten, stand ihr Debütalbum Settle gerade in den Startlöchern. Durch einige EPs auf Liebhaber-Labels wie Greco Roman war das Duo in erweiterten Clubmusik-Kreisen wohlbekannt. Mit dem Album und der Unterstützung des Majors Island Records standen die Chancen für einen größeren Erfolg nicht schlecht. Wie groß dieser allerdings ausfallen sollte, hätten sich Guy und Howard Lawrence wohl selbst nicht träumen lassen: Settle verkaufte sich 1,6 Millionen Mal und war nicht nur für einen Grammy nominiert, die Single „Latch“ war außerdem der Startschuss für die Karriere von Songwriter Sam Smith und wurde eine halbe Milliarde Mal auf Streaming-Services abgerufen. Innerhalb von nur zwei Jahren avancierten die Brüder zu einem der größten jungen Dance-Acts des Planeten. Im Unterschied zu anderen Newcomern und Profiteuren des US-Elektronik-Hypes schafften es Disclosure aber stets, mit ihrem House-Pop auf der geschmackssicheren Seite zu stehen, wo sie Kritiker wie auch EDM-Fans gleichermaßen begeistern.

Bei unserem letzten Gespräch haben wir noch im engen Backstage-Raum des Londoner Clubs Heaven, den ihr an diesem Abend mit 1.600 Tickets ausverkauft hattet, gesessen. Im Oktober spielt ihr nun ein Solokonzert im legendären Madison Square Garden in New York – vor mehr als zehn Mal so vielen Fans.

GUY LAWRENCE: Irre, oder? Als ich drei Jahre alt war, gab mir unser Vater einen Konzertmitschnitt des Led-Zeppelin-Auftritts im Madison Square Garden von 1973 auf VHS-Kassette. Mit diesem Video lernte ich das Schlagzeugspielen. Nun dort selbst auf der Bühne zu stehen, damit erfüllt sich ein großer Traum für mich.

 

„Poppige Housemusik ist überall. In Fernsehwerbungen und im Mainstream-Radio. Deshalb war eine Kurskorrektur notwendig.“ (Howard Lawrence)

 

Erstaunlich finde ich anhand solcher Zuschauermengen und eurer Popularität, dass ihr mit eurem neuen Album nicht auf Nummer sicher gegangen seid, was das Tempo betrifft. Viele der Tracks sind mit 100 BPM deutlich langsamer als jene vom Debüt.

GUY: Uns war von Anfang an klar, dass wir kein zweites Settle machen wollten.
HOWARD: Mit unserem ersten Album wurden wir oft ins House-Pop-Fach gesteckt. Was wir okay fanden, weil der Sound frisch war und wir darauf abgezielt hatten. Heute ist die Situation aber eine andere: poppige Housemusik ist überall. In Fernsehwerbungen und im Mainstream-Radio. Deshalb war eine Kurskorrektur notwendig.
GUY: Wir wollten unseren warmen Synthesizersound behalten, aber mit verschiedenen Stilen und Tempos experimentieren. Die Palette auf dem Album reicht von 65 bis 130 BPM. Unsere Herangehensweise war wie die einer Rockband: Du machst Balladen genauso wie schnelle Nummern – mit dem mehr oder minder gleichen Instrumentarium.

Was außerdem auffällt: der starke Fokus auf das Songformat. Unter den 15 Stücken auf Caracal findet sich kein einziger instrumentaler Clubtrack.

HOWARD: Ich denke, dass uns klassisches Songwriting einfach näher liegt als die Produktion funktionaler Tracks. Wir hören schließlich erst seit fünf Jahren Housemusik. Davor waren wir eingefleischte Pop- und Soul-Fans.
GUY: Ich sehe im Songwriting unsere große Stärke. Nicht viele Clubmusik-Produzenten schreiben Songs.

Findest du? Woran könnte das liegen?

GUY: Vermutlich daran, dass sie übers Auflegen zum Musikmachen kommen und am Anfang einfach ein paar Stücke für ihr DJ-Set produzieren wollen. Und die wiederum sollen so klingen, wie die anderen Tracks, die sie auflegen.


Video: DisclosureHolding On (feat. Gregory Porter)

Ein neues Stück des Albums heißt „Jaded“. Darin prangert Howard die Verlogenheit im Clubmusik-Bereich an.

HOWARD: In dem Song geht es um Fake-Produzenten. Um vermeintliche Musiker, die ihren Kollaborateuren keine Anerkennung zollen. Ich will keine Namen nennen, aber das Phänomen ist ein altbekanntes: ein renommierter DJ oder Produzent holt sich eine Person, die den Song schreibt, eine andere, die den Song singt, eine weitere, die ihn mixt – und am Ende schmückt er sich mit den fremden Federn. Das Traurigste daran ist: Viele dieser Blender wären eigentlich sehr talentiert und könnten ihre Tracks ohne weiteres selbst produzieren. Aber sie sind so besessen von der Idee, einen Hit zu haben, dass sie nichts riskieren wollen.

Ist daran nicht auch der Markt Schuld? Als DJ bekommst du heute kaum noch internationale Bookings, wenn du nicht gleichzeitig auch produzierst.

HOWARD: Das stimmt schon. In unserem Fall war es ironischerweise anders herum. Weil wir Housemusik machten, gingen die Veranstalter davon aus, dass wir DJs sind. Wir hatten aber am Anfang überhaupt keine Ahnung davon, wie man auflegt. Als wir bei unserer ersten Clubshow mit Instrumenten auftauchten – Bassgitarre inklusive –, schaute uns der Veranstalter verdutzt an: ‚Was wollt ihr denn damit?‘, sagte er und deutete auf die DJ-Kanzel.
GUY: Wir spielten viele unserer frühen Live-Gigs in DJ-Kanzeln. Eine nervige Erfahrung, weil es so eng war. Erst dadurch fingen wir mit dem DJing an. Heute teilen wir unsere Bookings: In Clubs legen wir auf, in größeren Hallen und auf Festivals spielen wir live.

Disclosure_Simon_Emmett

Was ich anhand der „Jaded“-Thematik lustig fand: Ihr wurdet im Januar selbst von einer US-Musikerin verklagt. Sie warf euch vor, dass ihr die Texte eurer Hits „Latch“ und „White Noise“ von ihr geklaut hättet.

GUY: Oh ja, das war verrückt. Einer dieser seltsamen Nebeneffekte, die der Erfolg mit sich bringt. Unser Manager meinte damals, wir sollten das als Kompliment sehen: Erst wenn dich jemand verklagt, wenn jemand an deinem Erfolg mitnaschen will, hast du’s echt geschafft. Deshalb freuten wir uns darüber. Auch wenn die Angelegenheit am Ende eine ärgerliche Geld- und Zeitverschwendung war.

Ein anderes Indiz für Erfolg ist es, wenn Tweets über dich von den Klatschmedien aufgegriffen werden. So wie der von Rapperin Azealia Banks, in dem sie nach eurer Zusammenarbeit meinte, sie wolle dem kleinen Hässlichen von euch die Fresse polieren.

HOWARD: Oh Man. Ich weiß, sie hasst mich.
GUY: Das Ding ist, nicht jede Zusammenarbeit klappt reibungslos. Oft sind die Songs, die dabei entstehen, gut. Aber eben nicht gut genug für das Album. Oder es passiert, dass wir mit jemandem ins Studio gehen und dort erkennen, dass die Person zwar ein toller Sänger, aber kein guter Songwriter ist. Aber richtig schief lief bislang noch keine Session. Eigentlich auch die mit Azealia nicht.

Auf dem neuen Album habt ihr zehn Gastsänger am Start. Wie seid ihr bei der Auswahl vorgegangen?

HOWARD: Eine gute Balance aus großen Namen und neuen Talenten war uns wichtig. Auf der einen Seite haben wir Künstler wie Sam Smith und The Weeknd an Bord, auf der anderen ist ein junger Musiker namens Jordan Rakei mit dabei, den ein Freund von mir in einer Bar in Brisbane entdeckt hat.


Video: DisclosureOmen feat. Sam Smith

War es nicht verlockend, nach den Sternen zu greifen und Superstars wie Rihanna oder Justin Timberlake zu fragen?

GUY: Klar hätten wir das tun können. Aber wir wollten niemanden fragen. Wir wählten Leute aus, die von sich aus Bock hatten, mit uns zu arbeiten. Leute, die sich die Zeit nahmen, mit uns ins Studio zu gehen und einen Song am Piano zu schreiben. Nenn mich altmodisch, aber sich Audiodateien übers Internet zu schicken, finde ich schrecklich unsexy.

Alle Gastsänger sind unter 30 Jahre alt. Bis auf einen…

HOWARD: Gregory [Porter, Anm. d. Red.]! Ich liebe seine Stimme. Beim Autofahren höre ich meistens den Radiosender JazzFM. So wurde ich auf ihn aufmerksam. Letztes Jahr lernten wir ihn dann bei den Grammy Awards kennen, wo er den Preis für das beste Jazz-Album des Jahres erhielt.
GUY: Die Zusammenarbeit mit ihm war spannend. Klassischerweise samplen House-Produzenten ja gerne Soul- oder R’n’B-Platten. Oft sind es dieselben Samples, die immer wieder in Tracks auftauchen. Das obligatorische Brandy-&-Monica-Sample zum Beispiel, oder Gesangsteile von Craig David.
HOWARD: Unser Manager meinte: ‚Warum nehmt ihr mit Gregory nicht selbst einen Soul-Song auf und samplet ihn?‘ Gesagt, getan. „Holding On“ war anfangs eine langsam beschwingte Jazz-Ballade, die ich mit Gregory am Klavier geschrieben hatte. Anschließend gaben wir Guy die Gesangsspur und er bastelte damit die Version des Stücks, die am Album zu hören ist. Wir remixten unseren eigenen Song.

 

„Amerika ist musikalisch jetzt dort, wo England vor zwei Jahren war.“ (Guy Lawrence)

 

In unserem letzten Interview sprachen wir über die EDM-Erfolgswelle in den USA. Ihr meintet damals, Amerika stecke noch mitten in der Dubstep-Phase, während in England House schon im Mainstream angekommen sei. Und dass es nur eine Frage der Zeit sei, bis House auch in den USA zünden würde. Rückblickend habt ihr mit der Prognose goldrichtig gelegen.

GUY: Stimmt. Amerika ist musikalisch jetzt dort, wo England vor zwei Jahren war. Die Radiostationen dort springen gerade richtig auf House an. Unser erster Hit „Latch“ und Sachen von Duke Dumont laufen drüben auf Heavy Rotation.

Wenn die USA noch immer zwei Jahre hinterherhinken, wo steht England dann jetzt gerade?
HOWARD: Natürlich ist auch House noch ein riesiges Thema. Der Unterschied zur Szene in den USA ist aber, dass sich eine zentrale Radiostation wie BBC Radio 1 gegen den Support kurzlebiger Hypes und Eintagsfliegen ausgesprochen hat. Sie fördern bewusst anspruchsvollere Club-Musik und Künstler, die schon länger dabei sind. Wär schön, wenn dieses Modell Schule machen würde.

Wie erlebt ihr diesen EDM-Hype eigentlich, wenn ihr etwa auf Riesenfestivals wie dem Electric Daisy Carnival in Las Vegas spielt?

HOWARD: Wir kamen dort an und dachten uns: ‚Oh man, das wird schlimm.‘ Wir fürchteten, dass die Leute Progressive House-Bomben von uns erwarten. Aber dem war überhaupt nicht so. Wir spielten unser normales Set – und das Publikum ging voll ab.
GUY: Ich glaube, in Europa hat man zum Teil eine falsche Vorstellung von diesen Festivals. Natürlich ist alles über-drüber. Aber auf unserer EDC-Bühne spielten auch Eats Everything und Loco Dice – also durchaus glaubwürdige Underground-DJs.
HOWARD: Zeitgleich mit uns legte Alesso auf der Hauptbühne auf. Das Seltsame war: Sein Publikum war nicht großartig anders. In den USA firmiert alles unter EDM, auch wir. Vielleicht sind die Leute deshalb offener. Weil die feinen Unterschiede vom feierwilligen Publikum nicht so wahrgenommen werden. Während man das Publikum bei Gigs in England nach und nach für sich gewinnen muss, drehen die Amerikaner schon ab der ersten Nummer durch.


Video: DisclosureF For You feat. Mary J. Blige

Wird man als erfolgreiches EDM-Duo in Las Vegas hofiert?

HOWARD: Kann man sagen, ja. Wir wurden mit dem Hubschrauber zur Bühne geflogen. Obwohl die Fahrt im Auto nur 20 Minuten gedauert hätte. Wir waren total begeistert. Zu begeistert offenbar, denn unser Manager sagte schon beim Aussteigen zu uns: ‚Jungs, gewöhnt euch besser nicht daran.‘

Dabei scheint die Vorstellung gar nicht so abwegig. Ich wette, für Sam Smith ist das heute Alltag.

GUY: Wer weiß? (lacht).

In einem Interview erzählte er mir, dass er dank euch sein Lampenfieber überwunden hat.

GUY: Sam spielte sein erstes großes Festival-Konzert mit uns. Beim Bestival auf der Isle of Wight vor 10.000 Zuschauern. Vor der Show standen wir am Bühnenrand und blickten auf das Menschenmeer hinaus. Ich fragte ihn: ‚Alles klar bei dir? Bist du bereit?‘ Er nickte. Ich kannte ihn damals noch nicht wirklich gut, deshalb glaubte ich ihm. Erst viel später verriet er mir, dass er sich in dem Moment vor Angst fast in die Hose gemacht hätte.

Euer Debütalbum hat sich 1,6 Millionen Mal verkauft. Erlaubt mir die Frage: Was machen zwei so bodenständige Jungs vom Land eigentlich mit so viel Kohle?

HOWARD: Wir kauften uns im letzten Jahr beide ein Haus in London. Eine gute Investition, weil wir bis dahin bei unseren Eltern in der südenglischen Provinz gelebt haben. Ein wenig Geld haben wir beiseite gelegt – und den Rest in unsere neue Live-Show gesteckt.

Ach komm …

GUY: Wirklich! Seit kurzem ist alles, was du bei Disclosure-Konzerten auf der Bühne siehst, in unserem Besitz. Von den Lichtern bis zu den Video-Screens. So dass wir bei jedem unserer Auftritte sicher gehen können, dass die Show immer gleich aussieht. Bei Festivals hatten wir in der Vergangenheit oft Probleme.
HOWARD: Das Gute ist, solche Geräte musst du dir nur einmal anschaffen. Das heißt: Ab jetzt können wir die Kohle hemmungslos für Helikopterflüge verprassen.

 

Caracal von Disclosure erscheint am 25. September auf PMR/Island.

 

Disclosure auf Tour:

08.02.16 Hamburg (Sporthalle) – Tickets
11.02.16 Köln (Palladium) – Tickets
12.02.16 Berlin (Columbiahalle) – Tickets