ZEITGESCHICHTEN José Padilla

Interview: Thilo Schneider
Erstmals erschienen in Groove 154 (Mai/Juni 2015)

Als Resident-DJ der ibizenkischen Strandbar Café del Mar hat José Padilla zwischen 1990 und 1997 legendäre Sonnenuntergangs-Sets gespielt, den sogenannten Balearic Sound geprägt, dabei Fans von Madonna bis DJ Harvey gewonnen, sowie eine Compilation-Serie zusammengestellt, die sich so gut verkaufte wie kaum eine andere CD mit elektronischer Musik. Reich geworden ist er damit jedoch nicht, denn Padilla verlor nach Rechtsstreitigkeiten mit den Café Del Mar-Betreibern sein gesamtes Vermögen. Anfang Juni erscheint nun ein neues Album des 59-Jährigen auf International Feel. Thilo Schneider hat Padilla für ein Gespräch in seinem Haus auf Ibiza besucht und mit ihm über alte Zeiten, offene Rechnungen und einen möglichen Neuanfang geredet.

 

José, 2014 schien ein äußerst produktives Jahr für dich gewesen zu sein. Du hast ein Album für International Feel produziert, nach langer Pause wieder im Café del Mar aufgelegt und die Compilation „Sunset Hours“ veröffentlicht. Warum ausgerechnet jetzt all diese Aktivitäten?

Ich habe ein neues Management. Aber auch wenn ich sehr busy wirke, macht sich das leider finanziell noch nicht groß bemerkbar (lacht). Nein, ich bin glücklich, dass meine beiden Manager den Kontakt zum Macher von International Feel, Mark Barrott, hergestellt haben. Wir haben zusammen die Single „Solito“ gemacht, die sehr schön geworden ist.

 


Stream: José PadillaSolito

 

Kanntest du das Label bereits?

Ja, ich wollte von Anfang an die Promos bekommen, was gar nicht so leicht war, solange das Label noch in Uruguay beheimatet war. Es ist ein Label, mit dem ich mich identifizieren kann. Nach der Single dachten wir: Lass uns auch ein Album machen. Mark hatte die gute Idee, mich mit den drei jungen Produzenten Telephones, Wolf Müller und Tornado Wallace zusammenzusetzen. Alt trifft jung! Ich habe mit jedem jeweils eine Woche hier auf Ibiza verbracht. Es ist alles sehr schön geworden, was mich wirklich freut. Die Kids arbeiten schnell und bringen für ihr Alter ein unglaubliches Wissen mit. Ich würde eine Woche dafür brauchen, was sie an einem Tag machen. Es sind drei unterschiedliche Persönlichkeiten und mein Job war es, das Beste aus jedem herauszuholen. Um ehrlich zu sein, hatte ich vorher ein bisschen Angst. Aber sobald ich mit Telephones den ersten Track fertig hatte, habe ich gemerkt: Prima, das wird klappen.

Die Chemie hat also gestimmt. Hast du ein kleines Studio bei dir in der Villa oder wo habt ihr zusammen gearbeitet?

Wir haben einfach ein Studio in meinem Salon eingerichtet. Das ist ja das Gute am Produzieren heutzutage, dass das einfach so möglich ist. Als ich vor 15 Jahren mein Album Navigator produziert habe, war der ganze technische Aspekt noch ein verfluchter Alptraum. Die ganzen Kabel und Geräte! Heute braucht man nur noch ein Laptop, Midi, Soundcard und zwei Monitor-Lautsprecher.

 


Stream: José PadillaSomething (vom Album „Navigator“)

 

Wir habt ihr das Musikmachen dann strukturiert?

Jeder der drei hatte eine andere Art zu arbeiten. Meistens fingen sie mit einem Rhythmus an, dann kamen die Melodien und alles weitere dazu. Bei mir läuft das eigentlich genau umgekehrt, ich starte normalerweise mit Klängen und Harmonien, niemals mit dem Bass. Der kommt erst wenn der Track halb fertig ist. Wir haben in der Regel von 12 Uhr mittags bis abends zum Sonnenuntergang gearbeitet. Nachts bin ich dann durch meine Plattensammlung gegangen und habe mir überlegt, welche Samples man zu welchem Track nehmen könnte. So haben wir zusammen gearbeitet, und wir haben wirklich einen Track pro Tag produziert.

Du hast im Laufe deiner Karriere nicht gerade viel eigene Musik veröffentlicht. Hattest du dieses Mal einen bestimmten Klang im Kopf?

Das Gute ist, dass ich nicht gerade ein sozialer Mensch bin. Im Grunde werde ich immer weniger sozial (lacht). Ich mag es einfach nicht mehr, was ich um mich herum und vor allem auf Ibiza sehe. Also gehe ich wenig aus dem Haus. Manchmal höre ich mir einen DJ wie Joe Claussell an. Es war also wichtig für mich, mit diesen Youngsters abzuhängen. Die spielen den Kram, den ich schon vor 30 Jahren gespielt habe. Sie haben mich respektvoll behandelt. Ich kenne eine Menge junger Leute, die nur Dubstep oder EDM hören und das war’s. Mit solchen Typen will ich nichts zu tun haben, ich brauche aufgeschlossene Menschen mit musikalischer Bildung um mich herum. Ich denke auch nicht in Genres.

Hat sich die Art, wie du deine eklektisch angelegten DJ-Sets spielst, über die Jahre geändert?

Nein, das ist einfach die Art, wie ich auflege. Nur dass ich heute besser spiele (lacht)! Ich habe einen schlechten Ruf als DJ, zumindest was meine Mixing-Skills angeht. Meine Beat-Anpassungen waren immer ein Desaster, ich stehe seit jeher auf Kriegsfuß mit den Beats. Aber mit der neuen Technologie ist das alles natürlich einfacher geworden.

Hast du deine Plattensammlung inzwischen digitalisiert?

Ja, ich spiele mit CDs. Ich habe einen guten Recorder, also klingt es wirklich gut. Mit USB-Sticks und Serato habe ich mich noch nicht beschäftigt, und ich bin mir noch nicht sicher, ob ich diesen Schritt überhaupt gehen soll. Ich musste eine Menge Platten verkaufen, was mir nicht leicht gefallen ist. Aber wie viele meiner Alterskollegen war ich in finanziellen Schwierigkeiten und brauchte Geld. Also habe ich die Hälfte meiner Plattensammlung verkauft. Es ist eine traurige Tatsache in diesem Business, dass ich mein Alter inzwischen fühle. Man sollte da realistisch sein, auch wenn ich heutzutage besser auflege als früher mit all der neuen Technik, muss ich mich fragen lassen: Was willst du alter Kerl überhaupt?

Immerhin bist du einer der ersten Chillout-DJs gewesen!

Ja, aber das hat sich gegen mich gewendet. Weil Chillout in der Form verschwunden ist. Ich bin mir auch nicht sicher, ob ich der Erste war. Ich habe Anfang der Neunizger einmal einen Winter in London gelebt. Damals gab es dort einen Plattenladen namens Fat Cat Records. Jeder hat dort gekauft, sie hatten eine extrem gute Auswahl. Damals war Mixmaster Morris der King des Ambient-Sounds. Ich habe ihn immer etwas schräg von der Seite angeschaut, weil er in diesen verrückten silbernen Anzügen herumgelaufen ist. Super trendy, was ich nie war. Egal, wir sind gute Freunde geworden, er ist ein wirklich liebenswerter Typ.

 

jose-padilla-2

 

Am Anfang war Chillout ja nicht ein bestimmter, eng abgegrenzter Sound, sondern ein Sammelbegriff für alle möglichen unterschiedlichen Musikarten. Zum Klischee ist der Sound erst später geworden, oder?

Am wichtigsten war eigentlich, dass ich im Café del Mar zum Sonnenuntergang gespielt habe. Das war die Hauptattraktion. Ohne Sonnenuntergang hätte das Café del Mar keine Geschichte geschrieben. So ist es heutzutage noch: Die Leute kommen zum Sonnenuntergang, eine halbe Stunde danach ist der Laden leer. Deshalb versuchen sie inzwischen mit bekannten DJs wie Marco Carola gegenzusteuern. Und was viele Leute nicht wissen: Nach dem Sonnenuntergang habe ich zu meiner Zeit auch immer schnellere Sachen gespielt. Ich musste wirklich intelligent und clever mein Set aufbauen, damit die Leute das Café nicht verlassen. Ich ging da sehr psychologisch heran und beobachtete die Leute. Man schaut ihnen auf die Füße, beobachtet die Stimmung.

Dort aufzulegen war also eine gute Schule?

Ja, und viele Leute wissen halt nicht, dass ich dort auch groovige Sachen gespielt habe. Sie erinnern sich an den Sonnenuntergang, wissen aber nicht, dass ich jeden Abend von 20 Uhr bis 1 Uhr nachts fünf Stunden aufgelegt habe.

Das Interessante ist ja, dass es keine wirklichen Vorbilder für DJs wie dich oder Alfredo gab. Keine DJ-Geschichte und keine Youtube-Clips, auf die man aufbauen konnte. Als ihr damals angefangen habt, habt ihr Pionierarbeit geleistet.

Ich habe schon vor den Café del Mar-Zeiten direkt am Wasser gewohnt und abends mit 30 Freunden Bier getrunken, gegessen und Platten für den Sonnenuntergang aufgelegt. Ohne das Wissen, dass das Café einmal mit dem gleichen Konzept öffnen wird. Ich habe damals noch als DJ acht Stunden jede Nacht in Diskotheken in San Antonio gespielt, es gab ja noch keine Gast-DJs zu der Zeit.

Und ihr habt als DJs auf die Club-eigene Plattensammlung zurückgegriffen?

Genau, die Platten haben nicht die DJs mitgebracht. Wir hatten ein Budget für jeden Plattenladen auf Ibiza, für das wir jede Woche einkaufen konnten. Die haben einen dann aber nicht gehört, sondern dem Club. Wir DJs hatten auch einfach nicht genügend Geld, um uns Platten zu kaufen (lacht).

Du hast auch als erster auf Ibiza Kassetten mit deinen DJ-Sets verkauft, oder?

Ja. Es gab eine Zeit Ende der Achtziger, da war ich ziemlich ausgebrannt, weil ich viel getrunken und anderen Scheiß gemacht habe, einfach um immer weiter zu funktionieren. Ich habe damals echt mein Gehirn frittiert. Dann habe ich meine eigene Bar eröffnet, was in einem Desaster endete, weil einer meiner Geschäftspartner sich in dem Laden das Leben genommen hat. Es war furchtbar. Danach habe ich angefangen Tapes aufzunehmen und zu verkaufen.

Das war bevor das Café del Mar aufgemacht hat?

Ja, kurz davor. Am Anfang habe ich all meine 30 Tapes in einer halben Stunde verkauft. Weil es sonst niemand gemacht hat. Ganz am Anfang waren das vor allem Soul-, Funk- und Jazz-Tapes. Dann haben mich immer mehr Leute nach Dance-Sachen gefragt. Damals hatte ich noch nicht viel davon, vielleicht ein oder zwei House-Tapes. Ich selbst habe das auch noch nicht aufgelegt. Deswegen habe ich meine Kollegen Alfredo und Pippi gefragt, ob sie ihre Sets mitschneiden und mir geben könnten. Dafür habe ich ihnen 10.000 Peseten gegeben und die Mixes verkauft. Ich habe die Master aus dem Space und Pacha immer noch hier! Anfangs hat meine Freundin die Tapes bei mir zuhause dupliziert, dann habe ich mir in Madrid eine professionelle Telex gekauft, eine Studio-Tape-Maschine, mit der man ein einstündiges Tape in drei Minuten kopieren kann. Die war sehr teuer damals.

Wenn du Alfredo 10.000 Peseten für ein Tape gegeben hast, wie viel Geld war das damals?

Ungefähr 60 Euro, das war vor 25 Jahren gutes Geld. In meiner Hauptzeit habe ich sehr viel Geld mit den Tapes gemacht. Und was ist passiert? Leute haben angefangen, Kopien von meinen Tapes zu machen. Es standen ja teilweise bis zu fünf Reihen Leute vor meinem Stand, die ihr Geld loswerden wollten! Die Deutschen haben die Tapes als Souvenir gekauft, es gab ja noch keine Compilations. Also standen im nächsten Jahr bereits drei, vier Leute auf dem Markt, die Tapes verkauft haben, die lediglich Kopien von meinen waren – nur billiger. Im dritten Jahr, als schließlich mehr als 20 Leute Tapes verkauft haben, habe ich damit aufgehört.

 

„Das Lustige war, dass ich beim Musik auflegen auch gleichzeitig Kaffee machen und verkaufen musste.“

 

Direkt danach hast du angefangen im Café del Mar aufzulegen?

Ja, genau. Das Lustige war, dass ich beim Musik auflegen auch gleichzeitig Kaffee machen und verkaufen musste. In dem kleinen DJ-Booth war die Kaffeemaschine und die Leute haben bei mir bestellt, während ich gleichzeitig Platten aufgelegt habe. Es war da verdammt heiß im Sommer (lacht). Da habe ich dann auch Tapes aufgenommen, von denen ich manchmal 100 Stück am Tag für umgerechnet zehn Euro verkauft habe. Die Café del Mar-Betreiber haben davon 30 oder 40% für sich behalten.

Gab es damals schon einen Fokus auf den Moment des Sonnenuntergangs?

Das hatte mit den Tapes nichts zu tun, den gab es ja schon vorher. Die Kassetten waren 45 Minuten lang und es gab darauf Jazz, Uptempo-Sachen und natürlich den Sonnenuntergangsmoment zu hören.

Was waren typische Platten, die du zum Sonnenuntergang gespielt hast?

Generell gab es ja damals nicht so viel Musik im Vergleich zu heute. Es kam immer auch ein bisschen auf das Wetter an. Im Sommer war es sehr hell, im Frühling und Herbst gab es mehr Farben und Wolken am Himmel. Ich habe mein Set meist so aufgebaut, dass der Track, der lief, während die Sonne im Meer versinkt, sehr emotional ist. Oft habe ich klassische Soundtracks gespielt, oder Oldschool-Electronics wie Vangelis, Brian Eno oder Pinguin Café Orchestra. Ich habe versucht, jeden Tag etwas anderes zu spielen. Das habe ich rein intuitiv gemacht – man hat dieses schöne Setting, Menschen und einen Sonnenuntergang – da war klar, dass ich etwas Gefühlvolles spielen muss. Die Leute haben manchmal geheult! Es war ein sehr starker Moment. Art of Noises „Moments In Love“ war eines dieser großen Ambient-Electronic-Tracks, einer der besten in der Musikgeschichte finde ich.

 


Stream: Art of NoiseMoments In Love

Haben die Leute damals viele Drogen genommen im Café del Mar?

Ganz Ibiza war und ist verdrogt! Aber im Café del Mar wurde nicht groß konsumiert. Joints, ja. In Spanien ist es erlaubt drei Gramm Haschisch zu besitzen. Es gab ein paar Pillen, aber keinen starken Kokain-Gebrauch. Es hat ja auch zu einer Tageszeit stattgefunden, in der die Leute zu Abend gegessen und sich sich geduscht haben. Das Drogennehmen fing erst ab Mitternacht an. Und das war im Café del Mar dann sehr witzig, weil es nur eine Toilette gab (lacht). Ich selbst war zu der Zeit für ein paar Jahre total clean, nur Kaffee und Zigaretten. Wie heute auch wieder.

Und der nächste Schritt war dann, eine CD herauszubringen?

Ja. Ich hatte damals ein schlechtes Gewissen, weil ich immer dachte, dass irgendwann die Polizei kommt und mich einbuchtet, weil ich hier die Musik anderer Leute verkaufe. Ich habe bei allen Major-Firmen wie Virgin angefragt und alle haben Nein gesagt. Die haben sich sicher gefragt: Wer ist dieser verdammte Typ, Ambientmusik aus Ibiza?! Aber eines Tages habe ich an meinem Lieblingsstrand ein deutsches Mädchen namens Sheila kennengelernt. Sie hat mir geraten mich an das Londoner Label React zu wenden. Und die haben mir gesagt: Klar, machen wir. Das Budget war 5000 Pfund für alles: Lizensierungskosten, Artwork etc. und 500 Pfund für mich. Wir haben die erste CD veröffentlicht und im ersten Jahr 10.000 Stück verkauft. Also haben wir uns auf eine zweite geeinigt. Die hat sich dann 30.000 Mal verkauft. Nach der vierten wollten sie einen Deal mit mir über weitere drei Compilations. Die fünfte hat sich dann 500.000 Mal verkauft.

An welchem Punkt hast du gedacht: Verdammt, was passiert hier gerade?

Als die Fünfte heraus gekommen ist. Die hat sich alleine in Großbritannien 100.000 mal verkauft!

Bist du zu der Zeit so etwas wie ein Star geworden?

Mein Freund, das ist eine hässliche Geschichte. Ich war nie ein Geschäftsmann. Ich versuche diese lange Geschichte kurz zu fassen: Café del Mar haben hinter meinem Rücken den Namen schützen lassen und sind zu Universal gegangen, wo die Compilation inzwischen erschien, und haben gesagt, dass ihnen der Name gehört und nicht Herrn Padilla und dass sie das Geld wollen. Wir reden hier von 500.000 Pfund.

Und das haben sie nicht vorher mit dir zu klären versucht?

Nein. Ich habe noch eine sechste Compilation gemacht, weil ich dazu vertraglich verpflichtet war. Zwischenzeitlich war die ganze Sache vor Gericht. Sie haben mich buchstäblich um die Hälfte meiner Zukunft gebracht.

Das war dann auch das Ende deiner Café del Mar-Zeit?

Ja, das war das Ende. Das Ganze war verdammt traurig. Wenn es Leute gewesen wären, die ich nicht gekannt hätte, aber ich war mit den Jungs befreundet. Ich habe ihnen nichts getan, habe weder mit ihren Frauen geschlafen noch Geld von ihnen gestohlen. Das war das Härteste was mir jemals passiert ist. Ich verstehe es auch einfach nicht. Warum haben sie es mir angetan? Ich war gerade dabei ein Haus zu kaufen. Es war alles sehr hässlich. Ich musste dann extrem viel auflegen, habe eine Depression bekommen und bin darüber fast verrückt geworden. Um ehrlich zu sein, habe ich damals die falschen Entscheidungen getroffen: Alkohol und Drogen. Meine Einstellung war: Fick dich, Welt! Total daneben, ich hätte schlauer sein müssen. Aber egal, man ist wer man ist, auch mit all seinen Fehlern. Ich mache dafür niemand anderen verantwortlich als mich selbst. Ich habe viel gearbeitet, um meine fünf Anwälte zu bezahlen. Ich habe den ersten Prozess verloren, den zweiten dann gewonnen. Daraufhin haben sie Einspruch erhoben und das Ganze ging zum obersten Gericht. Und dort haben wir Geschichte geschrieben: Ich habe verloren und zum ersten Mal wurde der Trademark-Name einer Person, die ihn zuvor besessen hat, weggenommen. Wenn ich damals Recht bekommen hätte, hätte ich den Namen für ein bis zwei Millionen Pfund verkaufen können. All mein Geld ging also an die Anwälte und ich hatte keinen Cent mehr in der Tasche.

 

padilla-heute

 

Dass Pioniere oft über den Tisch gezogen werden und das Geschäft von anderen gemacht wird, ist ja eine Geschichte, die sich in der Musikszene häufig wiederholt.

Wenn man heute im Sommer dort entlang spaziert, sitzen da Tausende von Leuten – jede Bar ist voll. Die Besitzer sind alle reich geworden. Und ich habe Schwierigkeiten, meine Miete zu bezahlen! Das ist die harte Realität.

Aber hast du im vergangenen Jahr nicht wieder dort gespielt?

Ja, zwei Mal. Aber sie wollten mich schon wieder nicht dafür bezahlen! Das ist ihr Konzept. Abgesehen von den wenigen Glücklichen wie Richie Hawtin und Sven Väth, die hier ein Vermögen verdienen, bekommt ein großer Rest sehr wenig Geld. Es gibt einfach hunderte DJs, die im Sommer hier leben. Die spielen für wenig Geld bis umsonst mit ihren USB-Sticks und Laptops. Das kann ich einerseits verstehen, anderseits möchte ich ihnen zurufen: Ich weiß, ihr seit jung und alles, aber verkauft euch nicht unter Wert! Diese Mentalität macht den ganzen Markt kaputt. Die Musik, die ich spiele, hat ihren Wert und ebenso meine Reputation. Ich war zwar immer ein schlechter Geschäftsmann, aber ich kannte meinen Wert. Wenn man nicht vom Auflegen leben kann, sollte man zuhause bleiben und was anderes tun. Es ist einfach unlogisch, dass die einzigen Profiteure bei dem ganzen Geschäft die Clubbetreiber und Veranstalter sind. Ich meine, man zahlt hier ja schnell 60 Euro für ein paar Bier.

Wann hat dieses ganze Big Business mit den allgegenwärtigen DJ-Gesichtern auf den Werbetafeln überhaupt angefangen?

Im Grunde erst vor zehn Jahren. Klar gab es das schon auch vorher, aber nicht in so einem verrückten Ausmaß. Heutzutage sind DJs Marken wie McDonalds oder Walmart. Die ganze Insel, und damit werde ich mich jetzt bei den örtlichen Politikern unbeliebt machen, ist ein einziger großer Puff geworden. Und die Musik erfüllt vor allem den Zweck, die Stimmung oben zu halten. Sobald man als DJ den Sound etwas runterfährt, muss man schon eine gute Crowd haben, damit sie einem folgt. So was gibt’s ja auch noch, Nicky Siano hat zum Beispiel vergangenes Jahr im DC10 gespielt. Die Leute haben es gemocht, auch wenn er nur Oldschool-Zeug gespielt hat. Junge DJs spielen in der Regel anders, ihre Sets wirken sehr strukturiert auf mich.

 

„Das Pacha war früher einer der besten Clubs der Welt mit großartigem Soundsystem und einem sorgfältig ausgesuchtem DJ-Booking. Heute spielt dort ein Steve Aoki. Da geht es nur noch ums Geld.“

 

Die wenigsten jungen DJs mussten auch täglich acht Stunden auflegen.

Genau, ich habe da einfach einen anderen Background. Mir kommt die Musik heute oft etwas oberflächlich vor. Gerade die jungen Leute, die von diesem EDM-Scheiß vergiftet werden! Diese Musik lässt einem echt das Hirn schmelzen. Manchmal denke ich: José, du bist einfach zu alt, um das zu verstehen. Du klingst ja wie dein eigener Vater! Aber nein, ich verstehe einfach nicht, wie man mit dieser Musik Spaß haben kann. Das Pacha war früher einer der besten Clubs der Welt mit großartigem Soundsystem und einem sorgfältig ausgesuchtem DJ-Booking. Heute spielt dort ein Steve Aoki. Da geht es nur noch ums Geld. Die Leute, die in den Club gehen, werden nicht mehr als Menschen angesehen sondern als Jetons. 5000 Leute die 100 Euro Eintritt zahlen sind eine halbe Millionen, so ist die Denke heute. Ich verstehe ja, dass man geschäftsmäßig handeln muss, man hat ja ein Business am Laufen und 100 Leute arbeiten für einen. Aber trotzdem: Die romantischen Tage auf Ibiza sind lange vorbei.

Du bist also sehr frustriert über den Zustand der Insel?

Nun, ich hatte immer eine Art Hassliebe zu der Insel und momentan ist es eher Hass als Liebe. Ibiza gibt mir nichts mehr.

Aber kannst du dir vorstellen, wo anders zu leben?

Oh ja! Ich besitze nichts außer meinem Namen. Ob ich jetzt hier, in Mumbai oder Granada lebe – ich werde immer José Padilla sein. Ich würde super gerne auf Ibiza bleiben, mir ein kleines Anwesen kaufen und den Rest meiner Tage hier verbringen. Letztendlich gehe ich ja kaum noch aus. Ich mag ja selbst davon leben und es ist nicht gut, das Ganze immer zu kritisieren. Ich habe aber das Bedürfnis nach echtem Leben und diese Insel ist der pure Eskapismus. Nirgendwo in der Welt bin ich so schlecht behandelt worden wie hier. Vor zwei Jahren habe ich im Blue Marlin gespielt, einem poshen Strandclub. Ich wusste nicht, dass man dort die DJ-Booth auch buchen kann. Ich habe gehört, es kostet 3000 bis 4000 Euro, damit man mit seinen Freunden beim DJ abhängen und Champagner trinken kann. Ich beende also mein Set, bestelle etwas zum Essen, sitze im Hintergrund, da kam eine Angestellte vom Club und hat mir gesagt, dass ich die Booth verlassen muss. Damit irgendwelche russischen VIP-Leute reinkommen und sich auf meinen Platz setzen können. Ich habe meine verdammte Quiche gegessen und bin abgehauen. Das ist das heutige Ibiza!

 


 

Drei Klassiker von José Padilla

Texte: Harry Schmidt

 

Café del Mar – IbizaCafé del MarIbiza (React, 1994)

Ungewöhnlich genug, dass Padillas Beitrag zur Clubmusikgeschichte am Besten durch seine Compilations charakterisiert wird. Dabei ist er – wie gleich zu Beginn dieser Blaupause aller kommenden Ambient-Lounge-Sampler – immer wieder auch selbst als Produzent in Erscheinung getreten. Ob man es Chillout-, Nu- oder Future-Jazz, Downtempo oder Downbeat nennt: Mit dieser Compilation hat Padilla 1994 eine beispiellose Welle ausgelöst, die – seitdem kaum verebbt – aktuell als eigenes Genre unter dem Begriff Balearic einen zweiten Frühling erlebt. In der Rückschau bemerkenswert die Mannigfaltigkeit der Quellen: Indie-Wave von Penguin Café Orchestra neben seinerzeit bereits etablierten Electronic-Acts wie William Orbit, Leftfield und Underworld. Dazu Entdeckungen wie Sun Electric und One-Hit-Wunder wie Sisterlove und Ver Vlads.

 


Video: SisterloveThe Hypnotist

 

Ibiza - Volumen DosCafé del MarIbiza – Volumen Dos (React, 1995)

Für manche schon der frühe Höhepunkt der Serie. Die Idee, einen Soundtrack des Lebens ganz aus dem Genius loci eines Clubs zu entwerfen, wurde rasch unter den Stichworten Fahrstuhlmusik, Hintergrundbeschallung und funktionalistischer Rückzug angefeindet – mutlose Musik, die sich mit der Rolle einer Tapete zufriedengebe. Eine heute geradezu reaktionär wirkende Argumentation: Runder in wendungsreicher Dramaturgie und ausgefeilter Dialogregie ist das auch Padilla selbst, der nur die ersten sechs Ausgaben der Café-del-Mar-Compilations persönlich zusammengestellt hat, später nur noch selten geglückt. Vom tiefenentspannten Anfang (Silent Poets: „Moment Scale“) über entrückten Synthpop (A Man Called Adam: „Easter Song“) und der majestätischen Deepness des zentralen Ankerstücks (Salt Tank: „Sargasso Sea“) bis hin zum schicksalsschwer dräuenden Ende (Sabres Of Paardise: „Haunted Dancehall“) – eine wirklich exzellente Selection, inklusive der Flamenco-Jazz-Ikone Paco de Lucia.

 


Video: Paco de LuciaEntre dos aguas

 

The G-Stone BookCafé del MarIbiza – Volumen Cinco (Manifesto, 1998)

Letztlich hat fast jeder seinen eigenen Café-del-Mar-Favoriten. Daher stellvertretend für die Nummern Drei (Volumen Tres), Vier (Volumen Cuatro) und Sechs (Volumen Seis) der Serie die wenn nicht beste, so doch mit einer halben Million verkaufter Kopien auf jeden Fall erfolgreichste Ausgabe von Padillas Traumkulissen-Malereien. Eröffnet mit Bollywood-Klängen von A.R. Rahman reiht er seine Perlen in der Dämmerung auf: Lambs „Transfatty Acid“ im K&D-Remix, „Penelope“ von 4 Wings, Âme Strongs „Tout Est Bleu“, die Massive-Attack-Bearbeitung von Les Negresses Vertes’ „Face A La Mer“, Electribe 101s „Talking With Myself ’98“. Wer hierzu nicht chillt, kann vermutlich gar nicht entspannen. Ohne Padillas Compilations wäre das Café del Mar nicht das geworden, was es ist: ein Mythos, der um die Welt geht.

 


Video: Les Négresses VertesFace à la Mer (Massive Attack Remix)