Seit seiner Debüt-EP „Northtown“ ist Shamir Bailey als junges Talent im vergangenen Jahr auffällig geworden. Gerade einmal zwanzig Jahre alt, hat er jetzt mit seinem ersten Album ein so unverschämt selbstbewusstes Statement hinterhergeschickt, dass man schon große Vergleiche auffährt, um den aus Las Vegas, genauer Northtown, stammenden Sänger halbwegs einzusortieren. Mit Namen wie Janis Joplin und Kanye West scheint ein wenig Hilflosigkeit auf Seiten der Kritiker am Werk zu sein. Doch im Grunde sind diese Referenzen ganz richtig gewählt.

Shamir hat zuallererst eine begnadete Stimme, die zwar nicht von Alkohol und Drogen zerschrammt ist wie bei Joplin und auch nicht so heiser krächzt wie bei Kanye, aber dafür ähnlich einzigartig klingt. Wenn man die Songs von Ratchet ohne Vorwarnung hört, hat man nicht den Eindruck, dass da ein Mann singt. Sein androgyner Gesang wird von Shamir selbst jedoch weniger unter Gender-Gesichtspunkten betrachtet als vielmehr nüchtern charakterisiert als das, was er ist: Stimmlage Countertenor. Wie Philippe Jaroussky oder Andreas Scholl, nur dass Shamir sich weniger im Klassik-Fach bewegt als in einem bunt zusammengeworfenen Gemisch aus R’n’B, HipHop, House, Disco und Funk. Was sich auch in seinem Gesangsstil niederschlägt, der ein wenig gequetscht und leicht angeraut klingt, fast als hätten sich mehrere verschiedene Sänger bei ihm in einem Körper vereint. Shamirs naiv-fröhliche Begeisterung erinnert an die ansteckende Euphorie des ersten Albums von Hercules & Love Affair, die ja anfangs ebenfalls durch einen Gastsänger mit eher ungewöhnlichem Organ auf sich aufmerksam machten. Auch Ratchet ist ein Album, das mit einfachen, manchmal krude wirkenden Produktionsmitteln die Freude am Tanzen zelebriert, ohne sich an ein Insider-Publikum von Genre-Puristen zu wenden. Es ist Pop im weitesten Sinne, der nach Bewegung verlangt. Dabei ist Shamir weniger unbedarft, als seine Inszenierung vermuten lässt. Schon in der Eröffnungsnummer „Vegas“ bedenkt er seine Geburts- und Heimatstadt mit so ernüchterten Zeilen wie „You’re In Hell“ oder „The City’s All Bright / At Least At Night“. Das alles über einem lasziv verschleppten Beat, der die illusionslosen Worte mehr als karikiert: Sogar in einer Stadt der trügerischen Oberflächen lässt es sich leben, und Shamir scheint das, alles in allem, recht gern zu tun.

Bleibt noch die Frage nach dem Titel. „Ratchet“ bedeutet auch so etwas wie „Sperrvorrichtung“, doch gesichert oder eingeschlossen wirkt hier nichts. Shamir gibt sich als sehr große Hoffnung zu erkennen, als ein Musiker, der sich über seine Fähigkeiten völlig im Klaren ist und der diese gezielt nutzt, um kräftig locker zu lassen. Mit vollem Erfolg.

 


Video: ShamirCall It Off