Fotos: Caprices Festival, Grégoire Menuel

Das Schweizer Wintersport-Ressort Crans-Montana ist über eine Standseilbahn an das Zugnetz angebunden. Unter sanftem Rattern schiebt sich die „Funiculaire“, vorbei an Weinbergen, steilen Felsklippen und von Schmelzwasser gespeisten Bächen, eine gute Viertelstunde den Hang hinauf Richtung Montana. Die einzigen weiteren Fahrgäste sind an diesem Freitag Anfang April ein kleiner Junge mit einem Rennrad und eine klönende Altherrengesellschaft in Wanderuniformen. Auch oben angekommen, deutet nichts auf das bevorstehende Spektakel hin: Crans-Montana präsentiert sich in der gemütliches Idylle eines Wintersportorts in der Nebensaison. Die meisten Hotels und Wirtschaften haben bereits geschlossen und auch der Schnee hat sich auf die hohen Gipfel jenseits der 2000-Meter-Grenze zurückgezogen. Erst als ein gut gelaunter Feiertrupp mit reichlich Schnaps und einer Boombox bewaffnet aus einen kleinen Supermarkt stürmt, legt sich der Verdacht, vielleicht in das falsche Städtchen gekommen zu sein. Und schließlich durchbricht auch der erste Bass des Soundchecks auf der Hauptbühne die spätnachmittägliche Ruhe.

 

Lac grenon

Lac Grenon in Crans-Montana 

 

Seit 2004 findet das Caprices-Festival in Crans-Montana im französischsprachigen Süden der Schweiz statt. Im Laufe der Jahre haben die Veranstalter mit verschiedensten Ausrichtungen und Kapazitäten experimentiert. So gestaltete sich das Programm der zurückliegenden Ausgaben mit Künstlern von Nas, Iggy Pop, Deep Purple und Björk bis zu Carl Cox, Ritchie Hawtin und Underground Resistance ausgesprochen divers. Bereits 2014 verschob sich, nicht zuletzt durch die Kooperation mit dem MDRNTY-Veranstalterteam, der Fokus des Festivals, hin zu einem zunehmend elektronischen Line-up und konzentrierte sich in diesem Jahr fast ausschließlich auf den Dancefloor.

 

Moon

„Le Moon“-Stage 

 

Den Dreh- und Angelpunkt des Festivals bildete die Hauptbühne „Le Moon“ in einer umfunktionierten Sporthalle. Auf dieser geben sich im Laufe des Wochenendes Größen wie Dixon und Ellen Allien die Klinke in die Hand. Mit einer aufwändigen Lichtshow, einem perfekt auf die Größe des Publikums abgestimmten Line-Up und bester Technik schafften es die Veranstalter den Mehrzweckhallen-Charakter der Location zumindest auf der Tanzfläche komplett zu verbannen. Nachdem bereits die Sets von Kollektiv Turmstraße, Dixon und Solomun euphorisch gefeiert wurden, gab es für das gut 6.000-köpfige Publikum spätestens beim bedingungslosen Live-Act von Dubfire kein Halten mehr. Selbst die links der Bühne auf einer Terrasse positionierten VIP-Gäste vergassen sämtliche Etikette und rissen die Hände rhythmisch in die Luft. Im hell beleuchteten Eingangsbereich dagegen dominierte statt Rave-Atmosphäre ein ziemlich deplatziertes Promo-Spalier aus in drollige Uniformen gezwängte Studentenjobbern und die um eine Reihe von Bänken gruppierte Fressmeile. Schnell lagen die ersten Köpfe auf den Bänken, hier und da wurde verdächtig intensiv an einem Premium-Burger genagt und dank des Indoor-Rauchverbots entwickelte sich direkt durch die Vorhalle ein reger Verkehr zwischen der Bühne und dem Außenbereich. Auch das kühlte die Stimmung in der Halle etwas ab.

 

Caprices_MDRNTY

„MDRNTY“-Stage

 

Die eigentliche Party fand ohnehin abseits der Hauptbühne bereits ab dem frühen Mittag auf der nur über einen Skilift zu erreichenden Gipfelstation „Violettes“ statt. Unter dem transparenten Dach der „MDRNTY“-Bühne versammelten sich hier die Aushängeschilder des diesjährigen Line-ups. Dank des atemberaubenden Ausblicks auf das Gebirgspanorama fernab von Werbeoffensiven und VIP-Logen kam dann doch endlich so etwas wie befreites Rave-Feeling auf. Neben den Sets von Sven Väth und Ricardo Villalobos schaffte es vor allen Damian Lazarus die Stimmung trotz dichtem Schneetreibens bis zur Ekstase anzuheizen. Mit seinem Mix aus treibend reduziertem Tech-House mit poppig-spacigen Ausflüchten kanalisierte er die Atmosphäre aus Natur-Idylle und Gipfelrave hervorragend.

Im Allgemeinen ist den Organisatorn des Festivals ein großes Lob auszusprechen: Sowohl der reibungslose Shuttle-Verkehr, als auch die Versorgung und technische Ausstattung des Wochenendes ließen keine Wünsche offen, was jedoch bei, selbst für den ohnehin gehobenen Schweizer Standard gelinde gesagt exklusiven Preisen auch so erwartet werden darf. Wer so oder so auf seine jährliche Runde auf der Buckelpiste nicht verzichten möchte, für den stellt das Caprices jedenfalls eine ideale Möglichkeit dar, die beschaulichen Tagen in den Bergen statt mit Aprés Ski und Ballermann mit ein paar außergewöhnlichen Clubmomente zu beschließen.