Keinem anderen Musiker gelang es in den neunziger Jahren so gut zwischen dem tendenziell hermetischen Technosound von Detroit und der explodierenden europäischen Partyszene zu vermitteln wie Jeff Mills. Er stellte die hämmernde Bassdrum der 909 ins Zentrum seiner Tracks und riss aus den epischen Arrangements des Detroit Sound kurze, schroffe Melodiefetzen heraus. Der hagere Afroamerikaner wurde zum Star der Szene. Aber er fremdelte mit dem Monster, das er erschaffen hatte. Dem Hedonismus der Raves stand er misstrauisch gegenüber. Ab ca. 2000 veröffentlichte er nur noch selten Technotracks. Statt sich mit den damals aktuellen stilistischen Entwicklungen auseinanderzusetzen, erfand er ein neues, albumlanges Format, in dem Grooves und Ambient-Passagen zu Collagen verbunden wurden. Die Arrangements blieben aber simpel und abrupt, und ebenso blieb er seinem analogen, effektfreien Sound treu. Ab 2009 steigerte Mills seinen Output enorm. Dieses eineinhalbstündige Album ist sein zehntes innerhalb von fünf Jahren und es erscheint neben dem Download auch als ein in einem Plexiglasblock eingelassener USB-Stick. Es wäre falsch, dieses Objekt als Mills´ (hilflosen) Versuch zu sehen, sich in der Bildenden Kunst zu betätigen. Eher wirkt der Block wie ein Requisit aus einer Science-Fiction-Serie, ein Fundstück aus der Zukunft, dessen Sinn die Erdbewohner nicht begreifen, der so eine Aura des Geheimnisvollen ausstrahlt. Mit einer ähnlichen Naivität nähert sich Mills den so abstrakten und wie poetischen Sounds und Rhythmusfetzen, die mit einem überraschend geringen Aufwand ein umfassendes Gefühl von Fremdheit, Einsamkeit und Isolation erzeugen. So sind diese altersweisen Tracks neue „Rings of Saturn“. Nur die Wut ist längst verflogen.