Protokoll: Tim Caspar Boehme
Erstmals erschienen in Groove 152 (Januar/Februar 2015)

Ambient ist immer ein bisschen eine Frage der Perspektive: Der in Michigan nahe Detroit lebende Produzent John Beltran hat sich nie groß für Genrepurismus interessiert. In seiner Musik bewegt sich der 45-Jährige seit den neunziger Jahren zwischen Techno, Breaks und Ambient. Eher neu im Reich der schwebenden Klänge ist der Hamburger Musiker Peter Kersten, der als Lawrence und Sten bisher vornehmlich House produziert hat. Doch als ehemaliger Gärtner ist er den Umgang mit langsam wachsenden Formen allemal gewohnt.

 

Wie seid ihr auf Ambient aufmerksam geworden und welche Musiker waren dabei besonders wichtig?

Lawrence: Bei mir waren klassische Musiker wie Erik Satie genauso wichtig wie Brian Eno natürlich, aber ich habe nie gezielt nach Ambient gesucht. Für mich gehören auch Harmonia und Roedelius dazu. Ich würde sogar frühe Techno-Musiker wie Derrick May und Juan Atkins dazuzählen, die damals Ambient-Edits ihrer Tracks gemacht haben.

John Beltran: Wenn man bei einem Großteil der elektronischen Musik der Neunziger die Kickdrum wegließe, wäre das Ambient, oder? Was mich betrifft, so habe ich früher die Musik nicht als Ambient kategorisiert, aber Tangerine Dream und selbstverständlich Brian Eno gehören zu meinen frühen wichtigen Einflüssen. Dann gab es diese coolen Soundscapes in Filmen wie Blade Runner. Für mich war auch das, was The Black Dog auf ihrem ersten Album gemacht haben, Ambient – diese ganzen Sachen im Hintergrund.

Lawrence: Einige Elemente von Ambient wie Arpeggiator-Patterns oder Akkordflächen sind zudem noch für viele andere Musikarten von entscheidender Bedeutung. Ich erinnere mich noch an die Ambient-Floors in den 90ern, später nannte man das Chill-Out-Floor, mit DJs wie Mixmaster Morris. Er galt als Ambient-DJ, dabei hat er ebenso Hip-Hop oder langsame House-Nummern gespielt.

John Beltran: Ambient-Musiker sind so ziemlich die offensten und tolerantesten Leute, scheint mir.

Ambient ist auch als Genre sehr offen und erlaubt ein Spektrum von freundlicher Wärme bis hin zu düster-bedrohlichen Klängen. Welche Arten von „Geschichten“ lassen sich mit Ambient eurer Meinung nach erzählen?

John Beltran: Die Compilation, die ich für Delsin zusammengestellt habe, handelt zum Beispiel von der Zukunft. Inspiriert war ich von Ray Kurzweils Vorlesungen über Singularität. Viele Filme handeln heute von zukünftiger Intelligenz, und ich wollte diese Stimmung des Posthumanen einfangen. Dieses fast trostlose Gefühl war ein wichtiger Einfluss für meine Compilation.

Lawrence: Dein Album heißt ja Music for Machines, und natürlich bist du da der „Dirigent“, aber du lässt die Maschinen zugleich selbst sprechen. Meinst du das mit „posthuman“?

John Beltran: Normalerweise denke ich bei meinen Alben nicht groß über Geschichten nach, doch in diesem Fall schon. Es ist eine unheimliche Geschichte, die Musik ist beinahe wie bei Twin Peaks geworden. Es ist ein Gefühl des Verlassen-Seins, doch es ist auf seltsame Weise auch beruhigend.

Wie steht ihr zu Brian Enos Idee von Ambient als „Klangtapete“?

Lawrence: Mir gefällt diese Idee von Musik als Tapete oder Möbel oder „Elevator Music“, doch ich glaube nicht, dass wir als Hörer oder sogar Brian Eno selbst die Musik so hören – mir fallen zumindest nicht sonderlich viele Beispiele von beeindruckenden Tapeten ein, und es geht ja schon darum, sie als Kunstobjekt oder als etwas mit Tiefe zu betrachten.

John Beltran: Der Punkt ist, dass die Musik dich umgibt und sozusagen trägt. Sie hat eine wärmende Wirkung, egal ob die Musik nun dunkel oder positiv ist. Und mir scheint, dass Fahrstühle einen schlechten Ruf haben.

Ambient wird manchmal als kritische Gegenreaktion auf die allgemeine Beschleunigung in der Gesellschaft gesehen. Könnt ihr damit etwas anfangen?

John Beltran: Ich habe einen dreieinhalbjährigen Sohn, ich brauche so viel Ambient wie möglich in meinem Leben. Mir scheint das aber auch auf die Gesellschaft insgesamt zuzutreffen. Nach 9/11 haben viele Leute in den USA sich auf die „happy road“ begeben. Ich selbst fing an, mich für lateinamerikanische, vor allem brasilianische, Musik zu begeistern. Bei Ambient scheint es mir jetzt so, dass die Zeit reif war für ein Comeback. Ambient hatte seine große Phase nach dem Wahnsinn der Achtziger, die frühen Neunziger waren die Ambient-Periode, und dorthin geht es jetzt zurück. Es passt gerade sehr gut zum Leben der Leute.

 

Das Album A Day In The Life von Lawrence ist bei Mule Musiq erschienen, die Compilation Music For Machines von John Beltran auf Delsin.