Was für eine irre Zahl ist das denn bitte? Laut amerikanischen Wissenschaftlern verfügt das menschliche Gehirn über ein Speichervolumen von 2,5 Millionen Gigabyte. Aber jegliche Fragen darüber, wie das jetzt genau ermittelt wurde und ob wir etwa auch ein Dienstprogramm haben, das immer schön darauf achtet, dass wir auch ja die Festplatte korrekt auswerfen, sind natürlich albern. Denn wie kann es denn sein, dass man ein ganzes Jahr unentwegt Musik konsumiert, bespricht, reflektiert und natürlich genießt, und in seinen Bestenlisten trotzdem ein paar seiner persönlichen Perlen vergisst?

Eigentlich ganz einfach. Erstens, weil man sich natürlich nicht wie ein Profilneurotiker alle Releases das gesamte Jahr über notiert hat. Und zweitens, weil es einfach immer noch sehr viel richtig guter Musik gibt – das ist dann wohl tatsächlich die Nachricht des Jahres. Stellvertretend für die zahlreichen Veröffentlichungen, die 2014 mehr Aufmerksamkeit (oder überhaupt Beachtung) verdient gehabt hätten, gibt es hier zehn Releases, die dann doch nur fast übersehen wurden.

 

Colo – URColo – UR (Ki Records)

Wie kaum ein zweites Album symbolisiert UR die Idee hinter dieser Liste, hatte ich die LP bei meiner Bestenliste doch glatt vergessen. Dabei ist das Debüt dieser zwei Briten ziemlich nice. Hier kuscheln sich introvertiert-inbrünstige Vocals in Slow-Motion-Grooves und die Drums stammen gerne mal von einem IKEA-Tischbein. Außerdem viel Analoges dabei, alles live aufgenommen und ja, dieses Duo besteht definitiv aus zwei Romantikern. Musischer Zauber!

 

Container – Adhesive EPContainer – Adhesive EP (Liberation Technologies)

Schon klar, an der Grenze zwischen Techno und Noise zu fuhrwerken, ist jetzt nicht wirklich die krasseste Innovation. Und trotzdem ist diese EP des Amerikaners Ren Schofield alias Container irgendwie eine andere Baustelle. Dieser apokalyptische Mind-Schredder ist für die Tage, in denen die Hektiker noch ein wenig hektische Untermalung zur allgemeinen Hektik benötigen. Aber bitte nicht zu viel an diesem ADHS-Klebstoff schnüffeln.


Stream: ContainerGlaze

 

EyeScream – NoirEyeScream – Noir (Tympanik Audio)

Vor der Entdeckung keinen blassen Schimmer von diesem Typen und dem Label gehabt – Tympanik Audio ist in Chicago beheimatet und stellt den Klang der Plattform mit diesen Worten vor: electronic music for the rest of us. Sympathisch ist auch das Album von EyeScream. Auch wenn die Mischung aus Rechner-Glitch, Amelie-Soundtrack, Bill-Hicks-Samples und diesem plastischen Pathos immer zwischen zu kitschig und wunderschön pendelt.

 

Imago – Nocturne EPImago – Nocturne EP (Trivmvirate)

Ohne viel Aufmerksamkeit entwickelt sich das italienische Label Trivmvirate aus Rom zu einer Plattform, von der aus – auf fast konstant hohem Niveau – sakraler Techno erwartet werden darf. Stellvertretend für den morbiden Sound steht das Trio Imago, das auf seinem Debüt-Release mit einigen Dub-Schlieren, Acid-Spiralen und einer ungeheuer deepen Atmosphäre zu entzücken weiß – einige nennen das gerne mal episch. Aus Gründen.

 

Peder Mannerfelt – Lines DescribingPeder MannerfeltLines Describing Circles (Digitalis)

Der schwedische Produzent ist unter seinem bürgerlichen Namen wohl eher weniger bekannt, deswegen kurze Zusammenfassung seiner bisherigen Tätigkeiten: Mannerfelt ist als The Subliminal Kid in Erscheinung getreten, Teil von Roll The Dice und außerdem Co-Produzent und Live-Mitglied bei Fever Ray. Das Debüt seines zweiten Solo-Projekts ist mit seinen Bass-Drones, Rhythmus- und Sound-Puzzlestücken ein starkes Album – irgendwo zwischen Minimal Techno, Abstract und Industrial.

 

Janek Schaefer – Lay-by LullabyJanek SchaeferLay-by Lullaby (12k) http://www.12k.com

Dieser Kerl ist sowieso verrückt. 2014 veröffentlichte der britische Teilzeit-Professor und Sound-Nerd Janek Schaefer mindestens drei Alben. Lay-by Lullaby ist die Musik zu seiner bildhauerischen Installation Collecting Connections, die sich mit der permanenten Bewegungsmanie des modernen Lebens beschäftigte. Oder anders gesagt: Eine Ambient-LP über die Tristesse von Straßen und Autobahnraststätten. Traurig. Schön. Kontemporär.

 

SD Laika – That’s HarakiriSD Laika – That’s Harakiri (Tri Angle)

Auch wenn sich Peter Runge alias SD Laika bisher stets um Anonymität bemühte, sein diesjähriges Debütalbum That’s Harakiri wird langfristig eher ein Problem für sein eigenbrötlerisches Vorhaben darstellen. Die Stimmung seiner Musik schlägt in diese merkwürdige Kerbe, die Industrial und Grime sowie Techno und Breakbeats zusammendenkt. Aber für Runge sind das ohnehin nur Schemen, die er brutal zerstückelt, manipuliert und in eine derbe Form neu arrangiert. Alles Harakiri? Auf keinen Fall, sondern roh, bösartig und ziemlich überraschend.

 

Shamir – Northtown EPShamir – Northtown EP (Godmode)

Keine Liste ohne einen dieser Knaben, der für sein junges Alter fast schon unverschämt talentiert ist. Shamir Bailey ist kaum 20 Jahre jung und bei weitem kein Experte in Sachen Musikproduktion. Und trotzdem verleitet mich seine „Northtown EP“ dazu, ihn als Nachfolger von Kanye West zu deklarieren. Den Vergleich bitte schnell vergessen und vernachlässigen, aber dafür diese Soul-Funk-Disco-House-R’n’B-Hybride hören. Ungeheuer slick, dieser Shamir. 

 

The Soft Pink Truth – Why Do The Heathen Rage?The Soft Pink TruthWhy Do The Heathen Rage? (Thrill Jockey)

Matmos, das Drew Daniel mit seinem Lebens- und Produktionspartner belebt, hat ja irgendwie schon immer mehr Aufmerksamkeit bekommen, aber das soft-pinke Nebenprojekt des Amerikaners wusste 2014 tatsächlich zu überraschen, denn sein drittes Album zog alte Metal-Klassiker durch den elektronischen Reißwolf. Der Parodie-Alarm schrillt hier ganz schön heftig, wenn Metal-Vocals auf House- und Breakbeats treffen. Skurril. Und mittendrin Antony Hegarty und „The Power“ von Snap! Warum auch nicht?


Stream: The Soft Pink TruthSatanic Black Devotion

 

Diverse – Uhura Traxx EPDiverse – Uhura Traxx EP (LACK 004)

Zu behaupten, das Label LACK REC. wird schon bald eine ähnlich wohlwollende Zuwendung wie Giegling in diesem Jahr erfahren, wäre keineswegs der Start eines Hypes. Quatsch! Vielmehr wäre es ein Zeichen dafür, dass in unserer hyper-professionalisierten Szene weiterhin die Talentierten und Oldschooler goutiert werden. LACK REC. hat nach einem Jahr und unter seinen bisher fünf veröffentlichten Vinyls keinen Makel vorzuweisen – und diese EP ist Berliner Ghetto-House vom allerfeinsten. Nächstes Jahr dann in allen Listen, wetten?