Text: Mariann Diedrich, Foto: Katja Ruge

 

Eigentlich wollte Stefan Kozalla alias DJ Koze gar keine Remixe mehr produzieren, dennoch erscheint nun mit Reincarnations Pt. 2 eine neue Remix-Compilation des Hamburgers – nach Music Is Okay und Reincarnations – The Remix Chapter 2001-2009 seine insgesamt dritte. Mariann Diedrich traf Kozalla für uns im Pampa-Büro in Kreuzberg und versuchte diesen Widerspruch im Interview aufzuklären.

 

In deinem letzten Groove-Interview sagtest du, dich würden Remixe nerven und du würdest aufhören wollen welche zu produzieren. Knapp die Hälfte von „Reincarnations Pt. 2“ besteht jedoch aus Remixen, die du nach dem Interview gemacht haben musst. Wie ist das passiert?

Knebelverträge! Eigentlich hat sich meine Meinung dazu auch nicht geändert. Ein paar Sachen haben sich dann aber auch so ergeben, wie zum Beispiel der Moderat-Remix: Da wollte ich eigentlich nur etwas mit den Spuren rumspielen und dann ist der Remix dabei entstanden. Vielleicht bin ich aber auch einfach inkonsequent…

Gibt es da nicht noch andere Gründe?

Nein, ich bin einfach schwach! Geld gibt es ja auch nicht von den ganzen armen Vögeln. Schwäche ist das, ein Zeichen von Schwäche.

Aber irgendetwas daran muss dir ja schon Spaß machen, oder?

Ja, Zeitvertreib. Wenn man nichts zu tun hat und da Spuren herumliegen, kann man ja mal daran rumspielen und man meint es doch nicht ernst und dann kommen dabei natürlich die besten Sachen heraus. Wenn man sich an seine eigene Musik setzt, fällt es einem immer sehr schwer, da hat man von vorneherein Druck. Ich hatte ja auch damals zu den Leuten gemeint, wenn sie mir Spuren schicken, kann ich nichts versprechen. So habe ich mich gleich von dem Druck befreit, da ich ja nicht weiß, ob irgendetwas herauskommt. Ich kann schließlich nicht liefern wie eine Manufaktur.

Gibt es bestimmte Kriterien, nach denen du Remix-Anfragen annimmst?

Ich muss irgendwelche Ingredienzen finden, die mich faszinieren, oder wo ich denke, dass man damit etwas Schönes, Neues machen kann. Meistens ist ja Gesang bei den Stücken oder es gibt irgendwelche Melodien. Zu ganz vielen Angeboten fällt mir auch gar nichts ein. Oder sie sind einfach perfekt, so wie sie sind! Neulich war das auch so, ich glaube bei Kurt Wagner. Oder bei Caribou. Das war einfach ein Unikat, ein super Stück, da brauch man keine neue Version, die fetter ist, oder herunter gestrippt, oder anders.

 


Stream: CaribouFound Out (DJ Koze Remix)

 

Um welche Single ging es genau?

Kurt Wagner, der Sänger von Lambchop, hat so ein Elektronik-Projekt. Die hatten mir eine Single geschickt, wo ich dachte, ich verstehe nicht, wieso ich dazu einen Remix machen soll. Oder wenn man zum Beispiel Apparat nimmt: Er hat es als Künstler geschafft, einen eigenen Planeten zu entwickeln, eine einmalige Trademark. Und dann ist ein Album da, das ich von vorne bis hinten durch hören kann.

Generell verstehe ich die Idee vom Remixen nicht so richtig. Das ist doch so eine Oldschool-Idee von Plattenfirmen, um nochmal extra auf die Werbetrommel zu hauen. Dass man dann noch irgendwelche bekannten Remixer nimmt, um andere Szenen zu erschließen, die dann aber total enttäuscht werden, wenn sie dann auf das Original-Album stoßen, weil das nichts mehr miteinander zu tun hat. Das war damals immer so. Und ein bisschen, finde ich, ist das immer noch so. Warum soll ein Album von Chilly Gonzales, so, wie er das gespielt hat. nicht ausreichen? Warum muss da jetzt noch ein Techno-Heiner eine 4/4-Nummer spielen, wo ein paar Elemente von dem Stück darin sind? Ich verstehe das gar nicht.

Das ist auch ein Grund, warum du keine Remixe mehr machen möchtest?

Nein, das ist kein Grund. Ich verstehe es nur nicht. Aber ich kann es ja machen. (lacht)

Warum bringst du denn dann ein Remix-Album heraus?

Das ist ja wieder etwas anderes. Das ist sozusagen mein Oeuvre, nicht das von ihnen. Das ist mein Album, das man durch hören kann. Aber generell bin ich kein großer Freund von der Idee, das man ein Album macht und dann denkt die Firma oder das Label: „So, jetzt brauchen wir noch einen fetten Namen. Kann das nicht … remixen?“ Das ist doch alles Quatsch! Doch wie gesagt ist das bei uns auf Augenhöhe, mit dem Freundeskreis, Kumpels und so. Aber wenn ich es mache, ist es natürlich gut und dann rechtfertigt das auch alle Alben und Compilations.

Es sind überwiegend Freunde von dir, für die du Remixe machst?

Die eine Hälfte sind Freunde, die andere Hälfte sind Geldjobs. Nuttenjobs.

Also ist der finanzielle Aspekt auch ein Grund fürs Remixe machen?

Nee, es ist viel Arbeit und es gibt wenig Geld. Und dann gehen die auch gerne mal unter, wie zum Beispiel der zweite Herbert-Remix, den ich gemacht habe. Früher gab es das mal, da gab es viel Kohle, in den goldenen Zeiten. Aber eigentlich ist Remixen eine pain in the ass, das hat sich nicht verändert. Man sitzt tierisch lange dran, widmet seine ganze Kraft und Liebe einem anderen Künstler und dann geht die Scheiße unter. Dann muss man auch mal so eine Zweitverwertung anschieben, wie ich jetzt hier.

 

„Das ist ein Meisterwerk, das ist epochal!“

 

Ich finde dramaturgisch ist das Album ziemlich gut zusammengestellt. Hattest du den Album-Gedanken beim Produzieren der Remixe bereits im Hinterkopf?

Ziemlich gut ist ja sehr euphorisch. Das ist ein Meisterwerk, das ist epochal! Klaus Kinski dreht durch!…Aber was meinst du damit, war das eine Feststellung oder eine Frage? Da habe ich mir total viel Mühe gegeben, ich habe ja auch ein paar Remixe rausgeschmissen, damit das überhaupt in einem Fluss hörbar ist.

Du hattest also nicht bereits im Hinterkopf, als du die Remixe begonnen hast, dass diese eventuell auf eine Compilation draufkommen würden?

Nee.

Wäre das denn eine vorstellbare Idee für dich, an ein Remix-Album heranzugehen?

Auch nicht. Ich mache eigentlich immer meistens Musik und dann sammele und lagere ich das und dann irgendwann merke, ah, da ist ein Fundus und da passt was zusammen. Auch bei meinem Album war das so, ich mache nicht zielgerichtet ein Album, sondern ich fange einfach an. Dann lasse ich es liegen, wenn ich es dann nach drei Monaten immer noch fühle, mache ich wieder weiter und dann gucke ich. Aber am Ende ist es mir schon wichtig, dass das alles sinnig zusammengeführt wird.

Im letzten Interview hattest du auch gesagt, ein Album sei wie eine Art Visitenkarte eines Künstlers für seine nächsten Jahre. Welche Art von Visitenkarte ist dein neues Remix-Album dann wohl für dich?

Naja, ich bin immer noch ein Freund des klassischen Album-Formats. Das ist immer so ein Status Quo, das ist etwas, was ich musikalisch aussagen will, ein Statement halt. Ich glaube, viele DJ-Kollegen machen ein Album mit Tracks, damit die Promoter eine ungefähre Ahnung haben, was sie erwartet, wenn die Künstler im Club auflegen, ein Booking-Köder sozusagen. Das ist natürlich überhaupt nicht mein Ansatz. Wenn die Leute mein Album durch hören, würden sie mich wahrscheinlich nicht buchen, weil sie nicht im Berghain solche depressiven oder poppigen Nummern hören wollen.

Mir geht es vor allem darum, ein Kapitel abzuschließen und sich einer neuen Sache zu widmen. Das heißt aber nicht, dass man den alten Kram von der Festplatte einfach zusammenstellt, sondern wenn man das Gefühl hat, da ist ein Korpus zusammengereift, dann veröffentlicht man diesen. Das Remix-Album ist auch parallel zum Amygdala-Album entstanden. Und das heißt nun auch, dass erst mal nichts mehr von mir kommt. Ich hab mein Pulver verschossen.

Deine Remixe bleiben den Leuten mitunter länger in den Ohren hängen, als die Originale – wie würdest du dir das erklären?

Ja, weil die einfach besser sind als die Originale. Ganz einfach, eigentlich.

Auf der anderen Seite wird auch gerne behauptet, deine Produktionen wären schwächer als deine Remixe.

Ja, das sind Schweine, die das sagen! Nee, keine Ahnung. Natürlich ist es dankbarer, Remixe zu machen, weil du zum Beispiel tolle Vocal-Spuren hast. Wenn gewisse Arbeiten schon Seele haben, ist es natürlich einfacher, diese in einem anderen Gewand erscheinen zu lassen, als vom Scratch anzufangen. Es ist viel unverbindlicher und durch den geringeren Druck heraus entstehen immer bessere Sachen. Aber trotzdem kann ich da nicht sehr viel zu sagen. Außer, dass das Schweine sind, die so etwas sagen.

Wenn deine Remixe von den Leuten so sehr geliebt werden, siehst du dich nicht auch in einer gewissen Verantwortung, weiterhin Remixe zu machen?

Wenn irgendetwas Spannendes kommt, dann kann ich ja wieder schwach werden. Aber bei irgendeinem Minimal-Kack-Label mit irgendeinem Scheiß-Song, da denke ich dann, ist das öde alles. Das fühle ich überhaupt nicht. Das muss sich ja auch gegenseitig etwas inspirieren. Und ganz oft ist es ja so eine Kultur, wenn man seinen ersten Release auf einem Label hat und denkt, man bräuchte da noch einen großen Namen. Jetzt müssen wir den Robag Wruhme fragen, oder den Roman Flügel, dann pusht das unser Label. Und dann sagen sie, wir haben aber kein Geld, dann ist das so eine einseitige Sache, die ich nicht gut finde. Das passiert ganz oft, ich kriege jeden Tag irgendwelche Anfragen, wo Leute irgendetwas herum schrauben und mich dann fragen, ob ich nicht einen Remix machen könnte. Das ist fast schon unverschämt. Ich finde, das muss sich gegenseitig befruchten, auf der gleichen Frequenz sein…

Hast du das Gefühl, die Labels und Künstler, die an dich herantreten, haben schon eine gewisse Erwartungshaltung, wenn sie dich nach einem Remix fragen?

Zum Glück habe ich mich davon etwas frei gestrampelt. Es ist ja auch mit jedem Album so, dass ich mich nicht in eine Schublade packe. Ich hoffe schon vermitteln zu können, dass ich mich in die Welt des Künstlers hinein denke und für deren Universum etwas beitragen könnte. Ich spinne dann ja auch etwas in den Gedanken des Künstlers herum – so tobe ich mich dann ein bisschen Caribou-mäßig aus, wenn ich ein Stück von ihm mache. Wenn ich weiß, dass er diese Psychedelik mag, bringe ich meinen Input mit rein.

Planst du, ob ein Remix clubtauglich werden sollte oder passiert das eher zufällig?

Das ist individuell immer unterschiedlich. Eigentlich versuche ich nicht, so fragile Songs wie Apparat in einen Bassdrum-Kontext umzumodeln. Auch Ada ist eigentlich eher abstrakter Kunst-Techno. Das hat zwar eine gerade pulsierende Bass-Drum, aber das wird wahrscheinlich keiner im Club auflegen, es ist eher ein theoretisches Stück.

Würdest du ihn auflegen?

Nee, der ist viel zu anstrengend und dark. Den WhoMadeWho-Remix oder den Apparat-Remix aufzulegen bringt mir Spaß. Aber sonst lege ich eher selten meine eigene Musik auf.

Also entscheidest du intuitiv, wie du an einen Remix herangehst, beziehungsweise wie du ihn bearbeitest?

Das kommt darauf an. Bei dem Ada-Remix (Ada – „Faith (Dj Koze´s Grungerwomen Remix)“, Anm. d. Aut.) zum Beispiel, da ist das Original schon so bezaubernd, lieblich und folkig. Da wollte ich schauen, ob ich das krasse Gegenteil machen kann. Etwas düsteres, doomiges, elektronisch kaltes, sodass nur ihre Stimme als Element bleibt. Weil ich es nicht spannend gefunden hätte, in ihrem Universum noch eine liebliche, organische Version von dem Stück zu produzieren.

 


Stream: AdaFaith (Dj Koze´s Grungerwomen Remix)

 

Meistens versuche ich schon, etwas ganz anderes zu machen. Und zum Beispiel beim Moderat-Remix, der sehr nahe am Original ist, wollte ich anfangs nur einen Edit bauen, um ihn besser spielen zu können. Da es nur ein vierminütiger Popsong war, wollte ich die Spuren haben, damit ich vielleicht die instrumentalen Strecken etwas verlängern könnte. Und das ist dann in ein bis zwei Nächten passiert. Aber da denke ich dann auch, das es so super ist, wie es ist, dass ich nur eine Transponierung in den Club-Kontext gemacht. Dass es sich langsamer auspackt, nicht die Vocals der Strophen durch singen – das Gejaule da von Sascha, das kann man ja nicht hören auf Dauer – sondern, dass sie nur im Refrain vorkommen.

 

„Eigentlich versuche ich ja auch, bei meiner eigenen Musik Remixe zu machen, von Stücken, die es nicht gibt.“

 

Und wie hat sich das Remixen über die Jahre hinweg auf deine eigenen Produktionen ausgewirkt?

Eigentlich versuche ich ja auch, bei meiner eigenen Musik Remixe zu machen, von Stücken, die es nicht gibt. Wie gesagt, von Grund auf ist es für mich immer sehr schwer anzufangen. Und oft ist es für mich schön, Vocals oder einen Text zu haben, von dem aus es losgehen kann. Bei meinem Album sind es ja auch Zusammenspiele: Ich habe den Caribou-Remix gemacht und habe ihn dann gefragt, ob er nicht auf meinem Album singen könnte. Deswegen taucht er dort auf. Wir haben ein bisschen was hin und hergeschickt, dann hatte er mir Gesang aufgenommen, jedoch auf einer Nummer, die ganz anders klang. Und die habe ich wiederum geremixt. Das ist eigentlich mein Lieblings-Start, um überhaupt Musik zu machen. Mit irgendetwas anzufangen, dann singt im besten Falle jemand darauf, ich schmeiße wieder alles um, um dann nochmals neue Musik darunter zu bauen. Wie als wenn ein Maler etwas vom Projektor abmalt, dann den Projektor ausschaltet und etwas neues darüber malt und dabei eine Grundperspektive behält. Also von daher kann ich eigentlich gar nichts anderes außer remixen. Und manchmal muss ich es einfach so hinstellen, als ob es originäre Musik ist. Denn eigentlich mache ich die ganze Zeit Remixe. Auch von Sprüchen.

Ist der Erfolg von Remixen für dich genauso erfüllend wie deine eigenen Produktionen?

Ja, da mache ich keine Unterschiede.

Warum möchtest du dann damit aufhören?

Ja, weil ich mich so sehr verfranse. Da gehen irgendwann acht Jahre ins Land und man hat überhaupt nicht an seinen eigenen Kram gearbeitet und formuliert.

Aber du generierst mit deinen Remixen ja trotzdem einen eigenen Sound.

Ja, doch trotzdem merke ich, dass sich das total versendet. Dass so ein Album, wenn das in sich geschlossen und rund ist, einen viel größeren Impact hat. Auch für mich selber. Vielleicht ist das auch so ein Jungs-Ding – man braucht es in gewisser Weise, ein Kind zu gebären, das ist so eine gewisse Phase, da muss alles raus. Dann hat man durch geputzt und man kann sich neu entfalten und das bringt viel mehr Spaß. Und auch die Wirkung – das ist ja so ein kleiner Musikliebhaber-Nerd-Kreis, der sich Remixe anhört und herunterlädt, während es viel mehr Leute erreicht, wenn man ein Album macht. Und ich mag das auch sehr gerne, diese Welt, die man hat, wenn man ein Album von jemanden kauft. Dann denkt man sich beim Anhören, ach herrlich… Das ist viel größer und verbindlicher, als wenn mal da ein Remix und mal da ein Remix von dir erscheint. Und das ist doch das, was wir alle suchen im heutigen Zeitalter: Verbindlichkeit.

 

Die Compilation Reincarnations Pt. 2 von DJ Koze ist bei Pampa Records erschienen.

 


Video: DJ KozeReincarnations Pt. 2 (Trailer)

  • Fabian

    Herrliches Interview, ehrlich und direkt! :D

  • dr hotzenplotz

    ja, ganz großes kino!! danke!