Foto (Wiener Naschmarkt): Friedrich Böhringer / Wikimedia Commons
Erstmals erschienen in Groove 150 (September/Oktober 2014)

„Wien ist eine sehr langsame Stadt. Ich glaube, das hat etwas mit dem Wiener Gemüt zu tun. Von Anfang bis Mitte zwanzig hatte ich eine Phase, wo ich dachte, ich müsste weg von hier. Da hat mich Wien etwas unterfordert. Ich hatte auch aus musikalischen Gründen kurzzeitig überlegt, nach London zu gehen, die Energie der Stadt hat mich schon immer fasziniert. Doch am Ende entschied mich dazu, hier zu bleiben. Vielleicht hatte ich etwas Angst, dass es mich zu sehr formen würde, das Tempo der Stadt oder wie andere produktive Musiker arbeiten. Mittlerweile habe ich es aber zu schätzen gelernt, dass ich mich in Wien so auf mich selbst und meine Musik konzentrieren kann.

Die Anrainer in Wien haben gerne ihre Ruhe, wenn sie zu Hause sind. Clubs haben deshalb auch immer Probleme, in der Stadt zu bestehen. Das Angebot empfinde ich trotzdem als sehr gut. Auch wenn sich die Clubs schnell verändern, wie zum Beispiel die Pratersauna – da gibt es nun mittlerweile eine Würstelbude, die Käsekrainer gleich direkt davor serviert. Am liebsten habe ich das Celeste, ein ganz kleiner Laden im 5. Bezirk, der früher mal ein Restaurant war. Dort hat man ein nettes, eher roughes Flair, vielleicht ein wenig äquivalent zum Golden Pudel Club in Hamburg. Jedoch ist das Celeste größer und konzeptionell auch als Kunstgalerie ausgerichtet. Es gibt zwei gute Plattenläden gleich nebeneinander auf der Westbahnstraße im 7. Bezirk, das Substance und das Market. Ganz in der Nähe davon haben zwei Jungs einen super Laden, der Wavemeister heißt, wo sie alte Gitarren und analoge Keyboards reparieren und verkaufen. Das sind nette Jungs, da ist man sehr gut aufgehoben. Für mein neues Album habe ich tatsächlich fast alle Synthesizer bei ihnen gekauft.

Man hat in Wien viele alte, gut erhaltene Kinos, wie etwa das Filmcasino oder das Gartenbaukino. Kinos mit Fünfziger-Sechziger-Jahre-Flair, die den Cineplex-Wahnsinn überlebt haben – das finde ich wunderschön. Zum Essen gehe ich am liebsten ins Kuishimbo, ein sehr netter kleiner japanischer Laden im 4. Bezirk in der Nähe vom Naschmarkt, der von einer Familie aus Kyoto geführt wird. Dort bieten sie traditionelle japanische Küche an, wie zum Beispiel Udon-Suppengerichte oder Ramen. Und sie haben ein ausgezeichnetes Karaage – die japanische Variante von frittiertem Hühnchen. Im Sommer bin ich gerne auf dem Karlsplatz vor der Karlskirche. Dort gibt es einen kleinen Stand, wo Bier und Longdrinks verkauft werden. Interessant ist, dass der Karlsplatz immer, obwohl er superzentral ist, ein recht totes Eck geblieben ist. Vor allem hat man in Wien den Luxus, schnell draußen zu sein. Und durch Orte wie die Alte Donau oder die Hügel um Wien, ist man schnell am Wasser oder bei einem netten Aussichtspunkt.

 

„Wien ist eine gute Stadt zum Verlassen und eine gute Stadt zum Zurückkommen, da sie etwas familiäres und heimeliges hat.“

 

Wien ist ja auch bekanntlich die Stadt mit der weltweit höchsten Lebensqualität. Das ist etwas, worauf man irgendwie stolz ist, das aber auch seine Tücken hat. Einerseits ist es natürlich schön, wenn die Lebensqualität so hoch ist, vom kulturellen Programm her viel geboten wird und öffentliche Verkehrsmittel pünktlich sind. Andererseits fehlt mit diesem Komfort auch eine gewisse Reibung, die vielleicht der Kultur oder Kunst oder auch dem Alltag gut tun kann. Ein Mangel an Reibung, den ich persönlich auch vermisse, aber den ich akzeptiert habe. Es hat seinen eigenen Charme, wenn dafür die Leute in Wien viel Zeit haben, um über sich nachzudenken. Die ‚Verkopftheit‘ macht für mich die Menschen hier so interessant. Ich sage immer gerne, Wien sei eine gute Stadt zum Verlassen und eine gute Stadt zum Zurückkommen, da sie etwas familiäres und heimeliges hat. Wenn ich weiß, ich muss länger verreisen, hat der letzte Abend in Wien immer etwas sehr spezielles.“

 

Das Album Joined Ends von Dorian Concept ist bei Ninja Tune erschienen.

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