DER BOOKER Steve Hogan (William Morris)

Text: Alexis Waltz
Erstmals erschienen in Groove 149 (Juli/August 2014) als Teil des „Techno-Kapitalismus“-Specials

William Morris Endeavor Entertainment ist eine der großen, internationalen Bookingagenturen, die seit einiger Zeit in die Clubmusik drängen. Steve Hogan baute vor sechs Jahren in der Londoner Niederlassung die Electronic Division der Agentur samt Künstlern wie Loco Dice, Maceo Plex, Moderat oder Richie Hawtin mit auf. Wir sprachen mit ihm über Künstlergagen, das sogenannte Block Booking und was er gerne in der Szene verändern würde.

Doch in ebenjener wird William Morris durchaus kritisch betrachtet: Es heißt, die Agentur dominiere viele Festivals und verdränge kleinere Konkurrenten. Traditionslosigkeit kann man ihr jedenfalls nicht vorwerfen: Die Firma wurde 1898 von dem aus Deutschland stammenden, jüdischen Emigranten William Morris in New York gegründet. Zu ihren Künstlern gehörten Charlie Chaplin, Marilyn Monroe, Elvis Presley oder die Rolling Stones.

 

Steve, mit welchen Künstlern arbeitest du persönlich?

Ich habe einen sehr vielfältigen Roster. Ich will nicht in eine bestimmte Schublade gesteckt werden. Ein guter Agent sollte alles buchen können: Rockbands, R&B- oder HipHop-Acts. Ich habe viele der coolen Underground-DJs: Seth Troxler, die Martinez Brothers, Joris Voorn, David Squillace und Groove Armada. Mit denen arbeite ich seit Jahren zusammen. Und ich habe ein kommerzielleres Alter Ego. Da arbeite ich mit Zedd oder Nervo zusammen. Diese Künstler gestatten mir eine andere Sicht auf die Dinge. Mit Seth und den anderen habe ich mit Clubs wie dem Trouw oder der Panorama Bar zu tun, in die ich selbst gerne gehe. Auf der anderen Seite habe ich gerade eine Tour von Dimitri Vegas & Like Mike durch Großbritannien gebucht. Da wurden für fünf Shows 17.000 Tickets verkauft.

Wie wählt die Agentur neue Künstler aus?

Wir haben eine A&R-Gruppe mit acht oder neun Agenten, den Vorsitz hat Pete Tong. Wir bekommen jeden Monat hunderte von Tapes. Allen bringen wir denselben Respekt entgegen. Jeder hört die Einreichungen durch und wir äußern unsere Kommentare und Gedanken. Wenn sich etwas so anfühlt, als sollte es genauer angeschaut werden, bringen wir das Thema in die wöchentliche Videokonferenz all unserer Offices. Innerhalb von ein paar Wochen entscheiden wir uns dann. Wir sind natürlich sehr selektiv. Wir sind auch stolz, dass wir Künstlern, die schon zehn oder fünfzehn Jahre dabei sind, langlebige Karrieren verschaffen. Manche Agenturen nehmen zehn neue Künstler auf – in der Hoffnung, dass ein oder zwei ihren Durchbruch haben. Das machen wir nicht.

Was macht ihr anders als andere Agenturen?

Jenseits der Abrechnung und dem Vertraglichen sind uns die Reiserouten sehr wichtig. Es ist üblich, dass DJs an einem Tag in Polen spielen, am nächsten in Portugal. Das ist eine extreme Belastung, körperlich wie psychisch und das wollen wir vermeiden. Bei uns soll der Flug von einem Auftritt zum nächsten nicht länger als zweieinhalb Stunden dauern.

Wie bestimmst du die Künstlergage für eine bestimmte Veranstaltung?

Wir sagen in der Regel nicht: dieser Künstler kostet so und so viel. Wenn es ein aufstrebender DJ ist, haben wir einen Richtwert – irgendetwas zwischen 500 und 1500 Euro. Wir wissen dann, dass es um einen Betrag dieser Größenordnung gehen muss. Wenn ein Club mit einer Kapazität von 500 Leuten fünf bis sechs Euro Eintritt verlangt, sollte die Künstlergage bei etwa 50 Prozent der Tür liegen. Den Rest kann der Club für Marketing, Personal, Hotel und Flüge ausgeben und einen Gewinn machen. Bei größeren Shows mit 5.000 Tickets handeln wir basierend auf den tatsächlichen Kosten der Veranstaltung und den wahrscheinlichen Ticketverkäufen einen Preis aus. Es ist wichtig, dass der Promoter etwas verdienen kann. Wenn er mit einem Künstler Geld verliert, bucht er ihn in neun von zehn Fällen nicht wieder.

Immer wieder ist vom sogenannten „Block Booking“ die Rede: Festivals müssen die unbekannteren Künstler einer Agentur mitbuchen, wenn sie einen Headliner haben wollen. Wie sieht diesbezüglich die Politik von William Morris aus?

Das machen alle Agenturen seit vielen Jahren – schon als in den Sechzigern Bands für Woodstock gebucht wurden. Es ist normal, einem Festival zu sagen: Du kannst den Headliner haben, aber du musst mir auch bei einigen meiner kleineren Acts helfen. Festivals haben damit kein Problem.

Wenn du in der Szene eine Sache ändern könntest – was wäre das?

Durch Acid House und „Peace and Harmony“ sind wir zu dieser Musik gekommen. Heute erlebe ich, wie Agenten, Promoter und Manager die Gründe aushöhlen, die uns ursprünglich in diese Szene gebracht haben. Das klingt jetzt vielleicht etwas hippiemässig, aber wir sind die Gatekeeper. Deshalb haben wir die Verantwortung dafür, dass sie weiter existiert – auch, wenn wir einmal nicht mehr da sind.