Nicht nur die Musik der EDM-Stars ist unangenehm, sondern auch für was sie stehen: David Guetta erscheint als schmieriger, französischer Aufreißer. Skrillex ist ein halbstarker Rock’n’Roller, der die Gitarrenriffs durch Wobble-Basslines ersetzt hat. Deadmau5 ist so nicht zu charakterisieren, die Mäusemaske erzeugt keine solche Greifbarkeit. Zum einen steht sie für die Fratzenhaftigkeit aller kommerziellen Popmusik und bedient damit einen (ausgelutschten) medienkritischen Topos. Zum anderen ist sie ein Container, in den alles gefüllt werden kann. Und deadmau5 hat schon einiges eingefüllt: Auf Get Scraped, seinem Debut von 2006, versuchte er Vertracktheiten à la Aphex Twin mit Big-Room-Trance zusammen zu denken. Ein breakbeatlastiger Minimal-Sound machte Vexillology zu seinem besten Album bisher. Auf For Lack Of A Better Name wandte er sich dem poppigen, überdrehten Filterhouse zu, der später synonym mit EDM wurde, färbte ihn aber mit verhaltenen Emo-Tönen ein. Auf 4+4=12 bringt er die Basskeulen des Clash-Sounds in der Art von Boyz Noise oder M.I.A. in Anschlag. Auf Album Title Goes Here ist zu erleben, was er unter monströsen Trance-Breaks versteht. Und Anfang des Jahres hat er sogar einen (völlig amtlichen) Track für Richie Hawtins Label Plus 8 produziert. Dass er sich auf dem neuen Album schon wieder ein neues stilistisches Feld erschlossen hat, macht es nicht weniger erträglich.

While (1<2) ist ein zweieinhalbstündiges elektronisches Musical. Fast jeder Track zehrt von einem ins absolute Extrem getriebenen Kontrast: Elegische Soundtrack- Klänge und E-Gitarren-Riffs, Erik-Satie-Pianos und Bass–Music-Salven – dieses Übermaß an Eindeutigkeit ist über weite Strecken gerade in seiner handwerklichen Virtuosität Folter. Dieser Musik fehlt es an Atmosphäre, an Stimmung, an dem, was zwischen Musiker und Publikum entsteht. So spiegelt sich bloß die Einsamkeit des Kreativ-Genies in der Isolation der Massen im Stadion.