Interview: Heiko Hoffmann, Übersetzung: Connie Löscher, Fotos: Wolfgang Tillmans
Erstmals erschienen in Groove 72 (November/Dezember 2001)

Read the original transcript of the interview in English.

Seit der multimedialen Offensive namens „Windowlicker“ gab es von Richard James nicht mehr viel zu hören. Die einzige neue Musik, die in den vergangenen zwei Jahren an eine – begrenzte – Öffentlichkeit drang, waren die Soundtracks zu zwei Videos des Regisseurs Chris Cunningham in Londoner Kunstausstellungen und eigene MP3-Dateien, die Aphex Twin in seine DJ-Sets einbaute. Nach der Veröffentlichung einer AFX-Single mit Remixen von 808 State- und DJ Pierre-Tracks Ende Juli, folgt nun ein neues Doppelalbum (im Spätherbst 2001, als dieses Interview in der Groove erschien, Anm. d. Red.) auf Warp.

 

Mit Richard James Kontakt aufzunehmen ist nicht gerade einfach. Genauer: mit Richard James kurzfristig zu kommunizieren, ist so gut wie unmöglich. Ein Handy besitzt er nicht, und das Telefon, das in seinem Haus im Südlondoner Bezirk Elephant & Castle steht (James lebt seit drei Jahren in einem ehemaligen Bankgebäude. Im ersten Stock wohnt Rephlex-Künstler Cylob, im zweiten ein weiterer befreundeter Musiker, die oberen drei Geschosse sind Richards Reich), hat er in den Keller verbannt und einen Anrufbeantworter rangehängt. „Mittlerweile ruft mich auch kaum einer mehr an. Ich höre alle fünf Tage die Nachrichten ab. Die einzige, die immer drauf spricht, ist meine Mutter“, so Richard James. Der sicherste Weg, um also zum Beispiel einen Interviewtermin zu vereinbaren, ist per E-Mail. Doch die checkt er nur, wenn er zuhause ist oder im Büro seines Labels Rephlex, das über einen DSL-Anschluss verfügt. Die Interviewkoordination klappte schließlich via SMS-Nachrichten mit seiner Freundin Joana Seguro, einer ehemaligen Warp-Pressemitarbeiterin, die am Vorabend des Treffens eine Party im Hof des Victoria & Albert Museums mit Rephlex-, Schematic- und vv/m Künstlern organisiert hatte, und auf der Aphex Twin im abschließenden DJ-Set das Publikum (zu dem auch Mitglieder von Autechre und Ladytron gehörten) zum Raven brachte.

Während James zur Veröffentlichung seines mittlerweile fünf Jahre zurückliegenden, letzten Albums Richard D. James noch die übliche Promotionschedule mit Städtereisen und bis zu einem Dutzend Interviews am Tag absolvierte, macht er sich mittlerweile rar. Zum Label-Jubiläum vor wenigen Monaten gab er zusammen mit Rephlex-Mitbetreiber Grant Wilson-Claridge eine handvoll Interviews unter der Voraussetzung, man spreche ihn nicht auf seine eigene Musik an. Für seine nach eigener Aussage letzte Warp-Veröffentlichung, dem Doppel-Album Drukqs, will er nun nicht mehr als drei Pressetermine erfüllen – weltweit. Das Treffen findet bei einem Billigitaliener in einem etwas heruntergekommenen Shoppingcenter in James‘ Nachbarschaft statt. Auch wenn das Interview für ihn nicht mehr als ein Zugeständnis an Warp Records darstellt, erweist sich Richard James als extrem gesprächig. Erst nach etwa drei Stunden entschuldigt er sich: „Ich muss jetzt los. Ich hatte meiner Freundin noch versprochen, mit ihr in den botanischen Garten zu gehen…“.

 

Du wohnst immer noch in diesem alten Bankgebäude hier um die Ecke, oder?

Ja, das ist eine gute Gegend. Mir gefällt es hier. Hier unten ist es sehr untrendy, deshalb bin ich hierher gezogen. Es gibt überhaupt keine jungen Leute – ich werde hier nie erkannt. Ich glaube, in fünf Jahren bin ich zweimal erkannt worden. Wo meine Freundin wohnt, im East-End, das sehr trendy geworden ist, kommen andauernd Leute bei dir zu Hause vorbei. Nach dem Motto: „Ach, du wohnst in einer coolen Gegend, also kommen wir vorbei und besuchen dich.“ Hier unten funktioniert das eher so: „Ach, da unten wohnst du! Da komm ich ja nie hin.“

Immerhin ist der Club Ministry Of Sound gleich nebenan.

Ja, und wenn die Schlange lang genug ist, reicht sie bis an mein Haus. Manchmal werfe ich mit meinen Freunden Wasserbomben auf die Leute, die da stehen. Das mache ich regelmäßig, obwohl das letzte Mal schon drei Monate her ist. Ich mache das vom Dach aus. Das ist klasse, weil niemand weiß, woher sie kommen. Es ist echt dunkel und man kann sich gut verstecken. Ich hab auch richtig gutes Video-Filmmaterial von meinen Freunden in diesen Teddybär-Dingern, die ich früher hatte. Eines Tages sind sie einfach in diesen Kostümen zur Schlange runter gegangen und haben die Leute angepöbelt.

Ein Freund von mir, Damon von Rephlex, hat es auf Video aufgenommen. Er hat drei oder vier Jahre lang ständig alles auf Video aufgenommen. Er ist irre. Er ist kein sehr guter Filmemacher. Er filmt nie die guten Sachen. Aber weil er die Kamera schon so lange hat und weil er alles aufnimmt, hat er eine Menge gutes Material, einfach aus Versehen. Er hat dieses ganze beeindruckende Material von Rephlex und wir sagen ihm immer wieder, dass er ein Video draus machen muss. Er hat 150 Bänder und es würde ungefähr drei Jahre dauern, die durchzugehen.

Gestern abend hast du auf einer Party im Victoria & Albert Museum aufgelegt. Dein Set hat wie eine Geschichtsstunde über die Breakbeats der letzten zehn Jahre geklungen – das reichte von Happy Hardcore über Jungle bis zu Drum’n‘Bass und schließlich auch deinen eigenen Stücken.

Ich wollte richtig trashige Rave-Musik auflegen, weil es in einem Museum stattgefunden hat. Es wäre einfach naheliegend gewesen, Musik mit Klasse aufzulegen, aber ich dachte es wäre lustiger, was Trashiges zu spielen.

Legst du verschiedene Sets bei verschiedenen Gelegenheiten auf?

Ich hab eine Menge verschiedene Sets. Obwohl ich seit Ewigkeiten keinen Ambient oder andere merkwürdige Sets gespielt habe. Ich mache viel Zeug mit meinem Laptop, und das kann wirklich alles bedeuten. Es ist meistens ein Mischmasch aus Live-Musik und Auflegen. Aber keiner merkt, dass ich live spiele, weil ich es nie wirklich sage. Das mache ich jetzt schon seit ungefähr anderthalb Jahren. Wenn man sagt, man spielt live, dann ist es eher wie ein Gig und die Leute kommen, stehen rum und starren einen an. Aber wenn man sagt, dass man auflegt, dann tanzen alle und gehen ab.

Ich erinnere mich, dass du beim Sónar Festival in Barcelona dieses Jahr eher ein Hardcore Gabba Set gespielt hast.

Es kommt auf den Ort an und darauf, in welcher Stimmung ich bin. Wenn der Ort mehr zum Tanzen ist, wie auf riesigen Raves, dann steh ich eher auf brutal schnelle Musik. Viele Leute sind auf Drogen und sie versuchen dann, zu dieser Musik zu tanzen. Ich finde das amüsant. In Clubs starren mich viele Leute heute einfach nur an. Sie kommen zu mir und starren, sie lächeln nicht mal. Und man hat den Eindruck, dass man nur vor fünf Leuten spielt, weil man niemanden dahinter mehr sehen kann. Manchmal spiele ich dann totalen Krach, nur damit sie sich verziehen. Bevor ich richtig berühmt war, habe ich echt gerne mitten auf der Tanzfläche aufgelegt. Die Leute haben einfach getanzt und mich nicht wirklich beachtet. Aber wenn man sowas wie ein Promi ist, dann starren einen alle einfach nur an, und es funktioniert nicht.

Du legst anscheinend ziemlich viel auf in letzter Zeit.

Ja, im Moment schon. Weil die Stücke, die ich in letzter Zeit gemacht habe, echt was für die Tanzfläche sind. Raving macht mir wieder Spaß. Das hat es eine Ewigkeit lang nicht getan. Und wenn man diese Tracks aufgenommen hat, dann ist es einfach phantastisch, sie am Tag danach aufzulegen und zu sehen, ob sie funktionieren.

 

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Letztes Jahr wurde deine Musik zu einem Video von Chris Cunningham in der Royal Academy in London gespielt. Gestern hast du im Victoria & Albert Museum aufgelegt und im Oktober ist ein gewisser „Prichard G. Jams“ im Barbican im Rahmen eines Stockhausen-Festivals angekündigt. Macht es dir Spaß, dass deine Musik an so traditionellen Orten der Hochkultur gespielt wird?

Ich treffe keine bewusste Entscheidung, an solchen Orten zu spielen. Ich würde jederzeit lieber in irgendeinem beschissenen Club spielen. Das Stockhausen-Ding mache ich, weil es wahrscheinlich einer seiner letzter Auftritte sein wird, und ich eigentlich bloß Karten haben wollte. Er hat in letzter Zeit ein paar mal live gespielt, aber nur die neuen Sachen, und die mag ich nicht. Aber diesmal spielt er seine ersten drei elektronischen Stücke. Einige Musiker, die in echt abgerissenen Schuppen angefangen haben und ihr ganzes leben lang underground waren, spielen plötzlich nur noch in der South Bank (Konzertort in London) und so einem Zeug. Ich finde das einfach falsch.

Es ist bekannt, dass du auch bei Leuten im Wohnzimmer spielst.

Ja, ich hab bei Leuten zu Hause gespielt. Letzten Monat hab ich eine E-Mail von einem Typ bekommen, der meinte: „Meine Großmutter ist gestorben und ich hab eine Menge Geld geerbt.“ Wir dachten, klingt cool, und sind mit einem riesigen Tourbus hingefahren. Das sind meine Lieblingsgigs: eine Mischung aus Freunden und ein paar Leute von der Straße. Ich spiele auch bald auf einem Hochzeitsempfang, und erst neulich hat mich so ein Mädchen gefragt, ob ich auf ihrer Party anlässlich ihres Examens in Kunstgeschichte Gabba spielen würde. Ich sagte: „Ja, absolut!“. So lang es in London ist und ich die Zeit dazu habe, mache ich sowas gerne.

Würdest du auch in diesem Restaurant hier spielen, wenn sie dich drum bitten würden?

Ja, ganz bestimmt.

 

„Ich mag kontrollierte Aggression.“

 

Was gefällt dir an Gabba-Musik?

Ich mag die Aggression daran sehr gern. Aber in der Regel kann ich es nicht leiden, wenn es völlig verzerrt ist. Ich mag kontrollierte Aggression. Ich finde, das ist sehr viel wirkungsvoller. Wenn einer einfach nur den Lautstärkeregler am Mischpult hochdreht, ist das nicht wirklich erschreckend. Aber so was wie das neue Zeug von Squarepusher finde ich viel verstörender, weil er so komplett durchgeknallt ist. Aber es ist überhaupt nicht verzerrt, es ist total knackig. Aber es hat eine viel größere Intensität. Man kann den Geist, die Motivation dahinter spüren, und das ist viel brutaler. Das ist der Unterschied zwischen einem Irren, der einfach in einem Einkaufszentrum wahnsinnig wird und sein Messer zückt, und einem Serienmörder, der kalt kalkuliert. Der Serienmörder ist viel furchterregender.

Was bedeutet dir Warp Records heute?

(lacht). Nicht viel. Der Unterschied zwischen ihnen und irgendeiner anderen Plattenfirma wird immer kleiner, deshalb werde ich auch keine Platten mehr auf Warp veröffentlichen.

Gibt es keine persönliche Bindung zwischen dir und den Leuten, die dort arbeiten?

Irgendwie schon. Aber ich kenne die meisten Leute, die da arbeiten, nicht mehr. Ich war mehr mit Rob (Mitchell, Mibegründer von Warp) befreundet und er ist jetzt sehr krank und leitet Warp eigentlich nicht mehr. Ich mag Steve (Beckett, Mitbegründer von Warp), aber ein Busenfreund war das eigentlich nie.

Warum veröffentlichst du dein neues Doppelalbum „Drukqs“ dann überhaupt auf Warp?

Äh, das ist eine gute Frage. Ich bin irgendwie vertraglich verpflichtet bei ihnen zu veröffentlichen. Ich habe überhaupt kein Problem mit ihnen, deshalb ist das kein großes Ding. Gleichzeitig starten Squarepusher und ich unser eigenes Label. Ich hab diese Acid-Mixe („2 Remixes by AFX“, MEN 1) gemacht. Das ist unsere erste Veröffentlichung.

 

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Ist das neue Label ein Rephlex-Sublabel?

Nein, das bin nur ich und Tom (Jenkinson, Squarepusher), aber Rephlex werden hier und da aushelfen. In der Hauptsache wird es aber von mir und Tom geführt.

Warum willst du noch ein Label?

Hauptsächlich weil Tom ein echtes Problem damit hat, auf einem Label zu sein, auf dem andere Künstler sind, die er hasst. Er hasst alles auf Warp. Er mag nur die alten Sachen. LFO ist wahrscheinlich die letzte Platte, die er mochte (lacht). Er will nicht alle anderen mitziehen. Mir macht es nichts aus, auf einem Label zu sein, auf dem es scheiß Leute gibt. Ich mag diese Musik auf Warp auch nicht. Und mir ist klar, dass sie von dem, was man macht, profitieren. So wie: „Oh, wir sind auf Warp!“, und die Leute nehmen das zur Kenntnis und kaufen deshalb ihre Platten und so. Aber es stört mich nicht so wie Tom. Aber weil er ein guter Freund ist, verstehe ich was er meint. Also machen wir es lieber selbst. Wenn es nach mir ginge, wäre Drukqs auf Rephlex, aber ich bin vertraglich verpflichtet, es Warp zu geben.

Als du angefangen hast, mit Warp zu arbeiten, hast du einen Vertrag über sechs Alben unterschrieben, oder?

Ich hätte ihnen noch zwei oder drei Alben geben sollen – ich kann mich nicht erinnern. Bevor ich ihnen dieses Album gab, hab ich ihnen also gesagt: „Wenn ich euch noch dieses eine Album gebe, müsst ihr mich danach gehen lassen.“ (lacht) Ich dachte, sie würden einfach sagen: „Kommt nicht in Frage. Wir verklagen dich!“

Was heißt das?

Ich habe ihnen ungefähr drei Jahre lang kein Album gegeben. Ich hab ihnen gesagt: „OK, ich gebe euch so was wie ein Doppelalbum, aber dann müsst ihr mich danach mein eigenes Label machen lassen. Und sie haben einfach ‚Ja‘ gesagt. Ich hab es auch bei Warner Brothers (der Plattenfirma von Aphex Twin in den USA und Japan) versucht, aber die waren nicht so leicht zu überzeugen. Ich meinte so was wie: „Ich will Aphex Twin auf Rephlex machen“. Und sie meinten bloß: „Auf keinen Fall, wir haben dich gekauft, du gehörst uns.“ Es ging hin und her. Ich meinte: „Wenn ihr nicht ja sagt, kriegst ihr nie was von mir.“ Und dann meinten sie: „Na OK, dann kriegen wir eben nichts.“ Ich darf den Namen AFX auf Rephlex benutzen, also werde ich einfach darauf zurückgreifen.

Ist dir der Name Aphex Twin wichtig?

Eigentlich schon. Ich könnte natürlich andere Namen benutzen, aber ich wollte Aphex Twin machen und dann einfach experimentelles Zeug machen. Ich nehme an, jede Menge Leute, die eigentlich gar nicht auf mein Zeug stehen, werden mein (Aphex Twin) Album kaufen. Und ich mag die Vorstellung, dass die etwas sehr experimentelles kaufen.

 

„Ich glaube, im Internet zu sein, kann der Sache nur guttun.“

 

Die 30 Stücke auf Drukqs sind bereits im Internet aufgetaucht. Macht dir das Sorgen?

Ich glaube, im Internet zu sein, kann der Sache nur guttun. Wenn einige Leute es runterladen und es ihnen gefällt, wird es sich durch Mundpropaganda verbreiten. Ich glaube, deshalb verkauft man wahrscheinlich eher mehr.

Du hast früher gesagt, dass es dir egal ist, wie viele Platten du verkaufst.

Naja, von dieser möchte ich so viele wie möglich verkaufen. Es wird das letzte Ding sein, das ich bei Warp promote. Ich will es einfach ein letztes Mal noch wissen. Nicht was die Musik angeht, sondern die Promotion.

OK, du willst so viele Platten wie möglich verkaufen, aber du willst keine Single veröffentlichen, es wird wohl kein Video geben, du willst nicht, dass Fotos von dir gemacht werden, du gibst weltweit nur drei Interviews und du gehst nicht auf Tour. Verstehst du das unter Promotion?

(lacht) Ich hab ein paar Kompromisse gemacht. Die CD liegt einfach in einer normalen Hülle, und sie wird echt billig sein. Wenn es nach mir ginge, würde ich sie in einem richtig hübsch gestalteten Digipack und so rausbringen. Aber das würde ein bisschen mehr kosten, und man würde eine Menge Geld verlieren. Außerdem, wenn es nach mir ginge, würde ich gar keine Interviews geben, ich würde keine Promotion-Auftritte machen. Das bisschen, was ich mache, ist alles, was ich an Anstrengungen auf mich nehmen werde.

Stimmt es, dass zusätzlich zu dem Album eine neue Single-Auskopplung geplant ist?

Ich überlege, eine extra Single mit einem durchgeknallten Cunningham-Video zu machen. Aber wahrscheinlich mache ich das nicht. Und wenn doch, dann wird sie frühestens in sechs Monaten rauskommen. Es hat mir wirklich Spaß gemacht, mit Chris (Cunningham, Regisseur) an „Come on Daddy“ und „Windowlicker“ zu arbeiten, und ich würde das gerne wieder tun. Aber Warp wollen es nur machen, weil sie Dollars vor den Augen haben. Aber ich habe eine echt gute Idee für einen Track, die Chris gefallen würde.

Warum machst du überhaupt Kompromisse?

Weil es das letzte Ding ist. Beim nächsten werde ich gar nichts tun müssen. Also kann ich genauso gut ein bisschen was tun. Der andere Grund ist, dass ich glaube, dass ich mit diesem Album das Maximum an Publikum erreichen werde, mit dem ich noch glücklich bin. Dann kann ich es mir auf Jahre hinaus leisten, keine Promotion mehr zu machen.

Meinst du nicht, dass du dich bereits seit „Windowlicker“ vor zwei Jahren in dieser Situation befindest?

Ja, vielleicht. Aber ich glaube einfach, dass es noch eine Kleinigkeit braucht. Noch einen kleinen Schub.

Warum kommt das Album jetzt heraus, fünf Jahre nach deinem letzten Album „Richard D. James“?

(lacht) Der eigentliche Grund ist, dass ich einen von diesen MP3-Playern verloren habe, und da hatte ich 282 unveröffentlichte Stücke von mir und 80 unveröffentlichte Tracks von Squarepusher drauf! Ich hab ihn in einem Flugzeug vergessen. Ich war mit Grant (Wilson-Claridge, Rephlex-Besitzer) auf einem Flug nach Schottland, unterwegs zu einem Auftritt, ungefähr vor vier Monaten. Ich hatte die MP3s ungefähr sechs Monate gehabt, und er hat mich ausgelacht und gesagt: „Du wirst den doch wohl nicht verlieren?“, und ich meinte: „Den werde ich nie verlieren!“. Und fünf Minuten später hab ich ihn im Flugzeug vergessen.

Hattest du keine Kopie von der Musik auf der Festplatte?

Ich hab gar nichts verloren. Ich hab die Kopien. Ich glaube, ich hätte Selbstmord verübt, wenn ich die Masters verloren hätte. Seitdem gucke ich mit Argusaugen ins Internet. Ich dachte, sie würden ungefähr fünf Minuten später irgendwo auftauchen. Ich hatte „Aphex Twin – unveröffentlichte Tracks“ drauf geschrieben! (lacht). Wenn sie angefangen hätten, die Stücke ins Internet zu stellen, hätten sie Besuch von mir bekommen – egal wo auf der Welt – und ich hätte mir meinen verdammten Kram wiedergeholt. Aber wahrscheinlich hat es eine von den Stewardessen aus dem Flugzeug geklaut, die sahen aus wie ungefähr 35 und standen wahrscheinlich auf Bryan Adams oder so was in der Art. Wenn die das gehört hätten, hätten sie’s wahrscheinlich einfach gelöscht. Wenn es ein Fan gekriegt hätte, hätte mir das gar nichts ausgemacht. Das wäre ein schönes Geschenk für jemanden gewesen. Das hätte mir gefallen, solange sie’s nicht ins Internet stellen und mir meinen Verdienst für die nächsten zehn Jahre ruinieren. Ich habe Tom (Jenkinson) sehr schnell davon am Telefon erzählt, aber ich glaube, er hat mir nicht zugehört (lacht). Deshalb wollte ich so viele Tracks wie möglich, so schnell wie möglich rausbringen. Ich wollte eigentlich vier CDs rausbringen, aber das wäre einfach ein overkill gewesen, und es wäre zu viel Arbeit geworden. Eine Doppel-CD ist schon ein Hammer – einfach alles hinzukriegen, das Artwork, das Mastering, das Schneiden…

 

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„Richard D James“ war nicht viel länger als eine halbe Stunde. Als es rausgekommen ist hast du gesagt, dass „sowieso niemand länger als eine halbe Stunde zuhört“.

(lacht) Ja, aber damals gab’s noch keine Mp3s und ich wusste nicht, dass ich mal ein Gerät besitzen würde, auf dem alle meine Tracks sind, und dass ich das dann verlieren würde.

Glaubst du, dass die Leute eine Doppel-CD von dir überhaupt richtig würdigen können?

Man könnte sich das alles in einem Durchgang anhören, aber ich glaube, danach ist man tot.

Also ist der einzige wirkliche Grund, warum du jetzt ein Album herausbringst, dass du so viele Stücke wie möglich offiziell veröffentlichen willst, bevor sie inoffiziell die Runde machen?

Ja, so ungefähr.

Warum würde es dir was ausmachen, wenn jemand deine unveröffentlichten Tracks ins Internet stellen würde?

Weil ich dann kein Geld damit verdienen könnte. Es würde mich ganz einfach anpissen.

Warum würde es dir etwas ausmachen, kein Geld damit zu verdienen?

Weil das der einzige Grund ist, weshalb ich Musik rausbringe.

Du hattest dir früher schon mal überlegt, eine DAT-Cassette mit vier Stunden kostenloser Musik von dir rauszubringen, ohne Copyright auf den Aufnahmen. Hast du dir das jetzt anders überlegt?

(lacht) Ja, das ist schon ein bisschen ein Widerspruch. Glaube ich. Aber wenn man sich die Mühe macht und was rausbringt, dann kann man genauso gut auch rausholen was drin ist. Es kommt auf die Tracks an, denke ich. Wenn ich gesagt habe, dass ich eine DAT mit vier Stunden drauf veröffentlichen wollte, dann habe ich damit ältere Tracks gemeint, die ich niemals auf einem Album veröffentlichen würde. In dem Fall wäre es mir egal gewesen, aber die, die ich verloren habe, waren alle neu, keiner davon war älter als zwei Jahre.

Angeblich hat dir Mixmaster Morris kürzlich erzählt, dass er in Moskau eine CD für zwei Pfund gefunden hat, und dass da alle deine Tracks als MP3-Dateien drauf waren.

Es wird sogar noch blöder. Man wird eine DVD mit MP3-Dateien von Electronica 95-2000 bekommen können … oder so was. Man kann so wahrscheinlich 100 Alben auf einer DVD unterbringen. Man könnte den Warp oder den Rephlex Back Catalogue auf eine einzige DVD packen.

Klingen die Stücke auf dem Album neu in deinen Ohren?

Eigentlich nicht. Viele davon klingen ziemlich old-style, nehme ich an. Ich hab eine Menge Stücke gemacht, die wirklich einen neuen Stil verfolgen und die absolut nicht klingen, wie irgendwas anderes. Aber die wollte ich nicht veröffentlichen. Ich habe festgestellt, dass wenn man etwas veröffentlicht, in dem wirklich neue Ideen stecken, dann machen das ganz schnell alle nach und dann wird es bald sehr alt, aber wenn man stilistisch ältere Sachen macht, dann weiß man, wie es altern wird. Ich hab vorher schon Tracks gemacht, die wirklich frisch waren, und dann werden sie von ganz vielen Leuten kopiert, und das verdirbt die Sache.

Wenn ein neues Aphex Twin Album herauskam, konnte man sich zumindest immer drauf verlassen, dass es einen überraschen wird. Jedenfalls war das so bis „Richard D James“. Wenn man die 12“ „Hangable Autobulb“ vorher gehört hatte, konnte man sich den Klang von „Richard D. James“ ziemlich gut vorstellen. Bei „Drukqs“ scheint es sich vor allem um mehr von demselben zu handeln.

In gewisser Weise stimmt das. Aber es ist nicht wirklich dasselbe wie vorher. Vom Stil her schon, aber nicht von der Tiefe. Ich habe noch nie etwas so detailreiches gemacht. Hier gibt es ungefähr hundert mal mehr Details als auf älteren Platten. Es gibt vielleicht nur ein Stück, Nummer Sieben auf der ersten CD („Bbydhyonchord“), das geringfügig anders ist, eine andere Art Beat oder so hat. Und ich habe bergeweise solches Zeug gemacht, aber ich will das einfach nicht veröffentlichen.

 


Stream: Aphex TwinBbydhyonchord

 

Wie alt sind die Stücke auf dem Album?

Das geht von sieben bis acht Jahren bis zu ein paar Monate. Aber die meisten sind neu. Das letzte, das ich gemacht habe, ist auch das letzte auf dem Album „Nanou2“.

 


Video: Aphex TwinNanou2 (Fan-Video)

 

Auf dem Cover von „Drukqs“ ist ein Foto vom Inneren eines Klaviers. Und auf dem Album sind auch ein paar Klavierstücke.

Ich liebe Klaviere, seit ich klein war. Vor anderthalb Jahren habe ich ein neues Klavier gekauft, das ist so ein midi-kontrolliertes von Yamaha. Es ist eines von diesen Klavieren, die man manchmal in Hotels sieht, bei denen sich die Tasten selbst spielen. Eigentlich will ich vier haben, die man dann alle für Live-Shows miteinander verbinden kann.

Das ist das erste Mal, dass du Klavierklänge für eine Platte aufgenommen hast, oder?

Ja, ich hab eigentlich früher keine Klavierstücke gemacht. Ich hab mir gedacht, dass ich mein Klavier noch ein paar Jahre behalten und dann Zeug rausbringen könnte, und das würde dann sehr viel ausgereifter klingen. Aber ich bringe gerne Sachen zu früh raus, und das ist ein erster Versuch.

Ein paar der Stücke klingen sehr einfach, auf anderen scheinst du das Klavier irgendwie präpariert zu haben.

Ja. Viele der Stücke sind abgewandelt. Ich habe die Saiten präpariert. Ich benutze dafür Schrauben, Nägel und ein bisschen Gummi. Ich hab sehr viele Kleinigkeiten gemacht, damit man die Harmonik der Saiten verändern kann. Als ich das Klavier gekauft habe, habe ich gedacht, dass es gleich kaputt geht, wenn ich anfange, es auseinanderzunehmen. Es war sehr teuer. Also habe ich ein Jahr lang nur stinknormale Klavierstücke aufgenommen. Und dann, nach einem Jahr, habe ich angefangen, es auseinanderzunehmen. Ich habe auch ein paar echt komplizierte Sachen gemacht, so elektronische Versionen, die in Wirklichkeit programmiert sind. Aber von denen habe ich keine auf das Album gepackt, weil ich die einfachen zuerst rausbringen wollte. Meine Lieblingsklavierstücke sind die ganz einfachen. Ich mag es nicht, wenn sie überladen sind. Satie zum Beispiel ist mein Lieblingsklavierkomponist. Seine Stücke sind täuschend einfach, er verliert nirgends eine Note zuviel.

Du hast schon als Kind mit einem präparierten Klavier gespielt. Hat dich John Cage (klassischer Komponist, der für seine Stücke mit präpariertem Klaiver bekannt wurde) bei deiner Rückkehr zum Klavier beeinflusst?

Ich kenne sein ganzes Zeug in und auswendig, und wahrscheinlich habe ich die Idee für die neueren Sachen durch ihn bekommen. Aber als ich jünger war, habe ich sowieso nur die Saitenklänge aufgenommen. Wenn man neugierig ist, und jemand schenkt einem ein Klavier, dann ist es ganz natürlich, dass man den Deckel abnimmt und an den Saiten rummacht. Das ist wahrscheinlich gar keine so wahnsinnig tolle Idee von John Cage. Ich hab mir eine Menge von seinem Klavierzeug angehört, und ich mag das alles nicht. Es gibt nur ein Stück, dass wirklich schön ist, obwohl ich mich nicht erinnern kann, wie es heißt. Aber das meiste ist nur so ein nebensächliches Zeug, in dem überhaupt keine Gefühle stecken.

Was bedeutet „Drukqs“ – der Titel deines neuen Albums?

Ich überlasse es den Leuten, sich was zu überlegen. Aber mir ist wichtig zu sagen, dass es nicht „Drug“ bedeutet. Alle sagen „Oh, es heißt ‚drugs‘ oder ‚drug use‘“ oder so, aber das tut es nicht. Es bedeutet tatsächlich etwas, ich will aber nicht verraten was.

Verhält es sich mit den Titeln der Stücke genauso?

Kommt drauf an. Ein paar davon habe ich gemacht, als ich die Stücke geschrieben habe, andere hatten erst keinen Titel und dann habe ich mir die Titel später ausgedacht. Man kann auch Stücke ohne Titel rausbringen, aber das macht den Verlagen Kopfschmerzen – oder wenn die Leute deine Stücke im Fernsehen spielen oder im Radio. Die sind genervt, und man bekommt auch kein Geld. Aber ich wollte, dass es unmöglich ist, die Namen der Stücke auszusprechen (lacht).

Wie hast du die Stücke, die auf das Album gekommen sind, ausgesucht?

Die Leute fragen mich immer: „warum bringst du dieses oder jenes Stück nicht raus?“. Aber es dauert ungefähr eine Stunde oder so, um eine DAT durchzugehen – und ich habe hunderte DATs. Und bis ich auch nur zehn durchgegangen wäre, hätte ich schon wieder vergessen, welche gut waren. Man kann das nicht alles im Kopf behalten. Also ist es einfach unmöglich, ein Album zusammenzustellen. Ich muss einfach nur eine bestimmte Anzahl Bänder aussuchen, die ich durchgehe, und dann damit weitermachen. Aber ich kann keine richtige Zusammenstellung meiner ganzen Musik machen.

Ist dir die Reihenfolge der Stücke wichtig?

Ist sie. Und ich habe Ewigkeiten gebraucht, um das hinzukriegen. Ich sitze normalerweise nicht so lange an so was, aber diesmal schon. Es ist wie eine Reise, wie ein musikalisches Tagebuch. Es ist auch in der Reihenfolge persönlicher Ereignisse. Ein Stück in der Mitte zum Beispiel ist „Mt Saint Michel + Saint Michaels mount“, das ist mein Sommerurlaub-Stück. Ich habe es auf dem Laptop in Frankreich gemacht, als ich rumgereist bin. Andere Stücke habe ich in Wales oder in einem Auto und so aufgenommen. Viele Leute machen das heute, und ich mag das. Mit dem Laptop wird Musik wieder mehr wie Volksmusik. Man kann es so schnell machen, und man braucht kein Studio mehr.

 


Stream: Aphex TwinMt Saint Michel + Saint Michaels mount

 

Hat es das leichter gemacht, bestimmte Stimmungen und Atmosphären einzufangen?

Ja, und ich kann das jetzt auf jeden Fall besser als früher. Ich hoffe, meine Musik ist über die Jahre persönlicher geworden. Nein, ich denke, das ist sie ganz bestimmt. Man verliert seine Naivität, wenn man älter wird, und man kann da eigentlich nicht wieder hin zurück. Aber ich glaube, ich bin jetzt besser darin als früher, mich in meiner Musik auszudrücken.

Fällt es dir leicht, neue Einfälle zu haben?

Ja, das ist wirklich einfach.

Der letzte offensichtliche Einfluss von außen auf deine Musik waren wahrscheinlich Breakbeats und Jungle.

Ich liebe das einfach. Das ist wirklich aufregend, und es kommt aus der frühen Rave-Musik, und es gibt jetzt keinen mehr, der das wirklich kann. Die Musik war wie eine Karussellfahrt, aber niemand scheint das im Moment noch zu machen. Ein paar Leute versuchen es, aber die sind nie so gut wie der Hardcore-Kram, der von Leuten kam, die sich mit E weggeballert hatten. Ich habe schon lange keine hochgedröhnte Musik mehr gehört, die ich aufregend fand. Ich höre mir bergeweise Musik im Internet an, und Tausende von Demos von Künstlern ohne Plattenvertrag. Und das einzige, was ich gehört habe, das irgendeine Art von dieser Energie hatte, ist Bogdan (Raczynski, Rephlex-Künstler). Aber sogar er scheint ein bisschen desillusioniert zu sein.

Stößt du bei den Demotapes, die du geschickt bekommst, auf interessante Musik?

Nein, tatsächlich findet man so nie gute Musik. Das Zeug, das wir geschickt bekommen, ist immer sehr allgemein. Wenn ich was neues finden will, dann nicht im Briefkasten von Rephlex.

Die Leute schicken ihr Zeug an Rephlex, weil sie denken, dass es auf das Label passt, aber das ist nicht das, was du willst.

Genau. Es ist das Gegenteil, und ich sage das den Leuten auch immer. Ich finde tatsächlich sehr viel gutes Zeug unter mp3.com. Ich wünschte, alle würden mp3.com benutzen, das wäre phantastisch! Man sucht im Prinzip nur nach „klingt wie“ und sucht sich das obskure Zeug raus, so kommt man an die guten Sachen. Wenn ich dort suche, suche ich nicht nach Aphex Twin, weil das schlecht ist, stattdessen sucht man nach irgendwas wirklich obskurem wie „Venetian Snares“. Wenn jemand denkt, dass das wirklich wie Venetian Snares klingt, dann weiß man, dass die ein bisschen eklektischer sind. Ich suche auch gerne nach Gabba, aber leider gibt es davon nicht viel auf mp3.com.

Von „Windowlicker“ wurden 300.000 Exemplare verkauft. Hast du den Eindruck, dass die Musik, die du machst, jetzt akzeptabler geworden ist im Vergleich zu früher?

Die Leute gewöhnen sich dran, den ganzen merkwürdigen Scheiß zu hören. Immer mehr Leute hören sich Krach an. Unharmonisches wird jetzt eher akzeptiert. Das ist prima.

Deine Musik war sehr einflussreich. Zu den herausragenderen Musikern, die gesagt haben, sie seien von deinen Platten beeinflusst, gehören Radiohead. Hast du dir eines ihrer letzten beiden Alben „Kid A“ oder „Amnesiac“ angehört?

Ich mag sie nicht. Ich hab vielleicht fünf oder sechs Stücke gehört und fand, dass sie echt mies klingen.

Mies?

Ja, echt vorhersehbar und mies. Ich meine, ich vergleiche das einfach mit meiner Lieblingsmusik, und im Vergleich dazu ist das furchtbar. Aber im Vergleich zu den ganzen scheiß langweiligen R&B-Stücken, ist es wahrscheinlich in Ordnung. Im Vergleich zu diesen Teenager-Punk-Bands – oder wie auch immer man die nennen soll –, die sich für echt anarchistisch und so was halten, sind sie wahrscheinlich toll. Wenn man ausschließlich so einem Zeug ausgesetzt ist und Radiohead kommen dann an, dann hält man sie wahrscheinlich für Genies.

Glaubst du nicht, dass es eine gute Sache wäre, wenn auch nur ein Prozent der Leute, die ein Radiohead-Album kaufen, sich dann das Zeug auf Rephlex mal anhören würden?

Das kümmert mich ehrlich gesagt nicht besonders. Ich bin ganz zufrieden so, wie die Dinge im Moment liegen. Ich mag es, wenn Scheißmusik im Umlauf ist. Ich mag es, wenn Leute nicht darüber informiert sind, was gerade los ist. Wenn sich zu viele Leute anhören, was ich mir anhöre, würde mir das gar nicht gefallen. Ich wollte immer als anders betrachtet werden. Ich mag es, Sachen zu mögen, die andere Leute nicht mögen. Wenn Merzbow in den Charts wäre, würde es mir nicht mehr gefallen. Ein paar Leute wollen nicht machen, was alle anderen machen. Das ist ganz einfach. (lacht)

Gibt es Sounds, die du nicht ertragen kannst?

Das einzige, was ich nicht über längere Zeit hinweg hören kann, sind hohe Frequenzen. Ich hab ein paar elektro-akustische Stücke, die alle auf sehr hohen Frequenzen aufgenommen sind, und ich finde das sehr schwer anhörbar. Aber Krach fand ich noch nie anstrengend anzuhören.

Als deine ersten Platten wie „Analogue Bubblebath“ vor zehn Jahren herauskamen, hielt man dich für das perfekte Beispiel eines „gesichtslosen“ Technokünstlers, der hinter seinem Equipment verschwindet. Jetzt, neben Moby und Keith Flint von The Prodigy, ist dein Gesicht wahrscheinlich das bekannteste in der elektronischen Musik.

(lacht) Ja, aber irgendwie auf andere Art. Ich hab das gemacht, weil das Ding bei Techno ja war, dass man nicht erkannt werden sollte und so. Es gab da so eine Art ungeschriebenes Gesetz, dass man sein Gesicht nicht aufs Cover drucken darf. Es sollte wie eine Schalttafel sein oder so. Deshalb hab ich mein Gesicht aufs Cover gedruckt (das erste Mal auf dem „I Care Because You Do“-Album von 1995). Deshalb hab ich es ursprünglich getan. Aber dann hab ich mich wohl hinreißen lassen.

Glaubst du, du hast dich zu sehr hinreißen lassen?

(lacht) Nein. Wen interessiert das? Ist mir egal. Ich meine, es wäre mir nicht egal, wenn mich die Leute auf der Straße erkennen würden. Wenn das passieren würde, würde ich denken, dass ich mich zu sehr habe hinreißen lassen.

Hast du das Gefühl, dass nach „Come to Daddy“ und „Windowlicker“ dein Image stärker geworden ist als deine Musik?

Auf gewisse Weise vielleicht schon. Aber ich nehme an, dass mich nur die Leute wiedererkennen, die auch meine Musik kennen. Wenn es andersherum wäre, würde mir das nicht gefallen. Neulich wollte „The Face“ eine Titelgeschichte mit mir machen und ich hab gesagt: „Auf gar keinen Fall!“, aber dann dachte ich, ich mach’s, wenn man mich nicht drauf erkennt. Aber dann haben sie’s sowieso nicht mehr machen wollen, und ich war ziemlich froh darüber. Es ist kurz davor, zu viel zu sein.

Diesmal ziehst du es vor, dein Gesicht nicht aufs Plattencover zu packen.

Ja, und zwar mit voller Absicht. Und ich habe auch keine Videos mehr gedreht, und es ist nicht meine Schuld, dass sie andauernd die gleichen alten Videos auf MTV oder sonstwo hoch und runterspielen. Ich will den Leuten nicht aufgedrängt werden, so wie andere berühmte Leute. Ich will nicht in einen Laden laufen, wo sich die Leute dann umdrehen und sagen: „Oh nein, doch nicht der Blödmann!“.

„Windowlicker“ und die Bilder, die da dranhängen, sind wahrscheinlich der Grund, weshalb viele Leute dein neues Album kaufen werden.

Das kommt vor, und es nervt ein bisschen. Aber andererseits haben die meisten Leute, die meine Musik mögen, mit „Windowlicker oder „Come to Daddy“ angefangen. Aber dann finden sie raus, was ich vorher gemacht habe. Wenn sie „Windowlicker“ nur wegen des Videos und seiner Kommerzialität mögen, dann werden sie das neue Album in die Tonne treten, wenn sie sich’s anhören. Ich bin kein kommerzieller Künstler, ich kann aber einer sein, wenn ich will.

Kommen wir mal auf kommerziellere Künstler zu sprechen – sowohl Madonna als auch Björk haben bei dir angefragt, weil sie mit dir arbeiten wollen, oder?

(lacht) Ja, na klar! Das wollen sie alle!

Was ist der Unterschied zwischen den beiden?

Björk ist viel interessanter. Millionenmal interessanter – von der Persönlichkeit her. Madonna ist ziemlich normal, sie ist einfach eine sehr berühmte „Sharon“.

Sie scheinen beide ein ähnliches Interesse dran zu haben, sich junge und vielversprechende Künstler zu suchen, um mit denen zu arbeiten.

Ja, das ist ziemlich ähnlich. Ich kann’s nicht garantieren, weil ich sie nicht so gut kenne, aber Björk kenne ich schon. Ich denke, sie tut es aus (zögert)… Björk ist wie ein kleines Mädchen im Süßwarenladen. Sie macht das nach dem Motto: „Oooh, das mag ich und das mag ich! Ich will das und das auch noch!“. Madonna ist brutaler. So wie: „Die sind angesagt, ich bleibe jung und modern, wenn ich was mit ihnen mache!“.

Aber Madonna war die erste von beiden. Beispielsweise hat sie auch zuerst mit Chris Cunningham gearbeitet.

Sie ist schon ziemlich offen, nehme ich an. Eigentlich fand ich es eine richtig gute Idee, mit ihr Stücke zu machen. Ich wollte es bloß nicht damals machen. Sie ist einfach zu berühmt. Wenn ich das machen würde, würden alle bloß sagen: „ach ja, du bist also der, mit dem sie ein Stück gemacht hat“. Deine ganze eigene Karriere würde einfach so verschwinden. Alles wofür du vorher gearbeitet hast.

Wäre es nicht interessant gewesen, etwas mit Madonna unter deinen Bedingungen zu machen? Zum Beispiel für Rephlex?

Ich wollte, aber sie wollte lieber, dass ich ein Stück für ihr Album mache oder eine Single, und das wollte ich nicht. Ich hab überlegt, ein Whitelabel auf Rephlex zu machen. Ich habe sogar ein Stück für sie geschrieben und hatte diese ganzen Ideen: Das Stück ist so ein abgefucktes Acid Ding und ich wollte, dass sie einfach nur blöde Geräusche macht, es sollte kein Gesang auf dem Stück sein. Nur so Grunzen und Stöhnen und Schweinegeräusche. Ich wollte echt hören, wie Madonna ein Schwein nachmacht (lacht). Irgendwie gefiel ihr das. Vielleicht hätte sie es sogar gemacht, aber damals hat sie sich mehr um ihre nächste Single gekümmert. Mir war es damals nicht so wahnsinnig wichtig und ich bin sicher, ihr auch nicht. Sie denkt vermutlich: „es gibt ja auch noch andere!“.

Wann war das?

Letzes Jahr. Ich hab sogar ziemlich viel mit ihr geredet. Hab ihr von meinem Liebesleben und so erzählt. Ich weiß, dass sie auf Chris (Cunningham) stand und sie wollte Sex mit ihm, aber er stand überhaupt nicht auf sie (lacht). Ich glaube, das hat sie ein bisschen genervt, dass sie ihn nicht haben konnte. In der Regel kriegt sie jeden, den sie will. Sie kam auch zu einer unserer Rephlex-Abende in London. Aber das war sehr einschüchternd, weil sie ihre Bodyguards dabei hatte.

Haben andere Popstars eure Parties besucht?

Kylie (Minogue) ist auch zu Rephresh (die Rephlex Partynacht in London) gekommen. Sie kennt (den Warp-DJ) Russell Haswell. Er mag sie echt gerne und hat Ewigkeiten versucht, mit ihr zu vögeln. Sie ist zu der Party gekommen und alle meine Kumpels haben versucht, sie in die Kiste zu kriegen. Und einer meiner Freunde, der sonst nur echt komische Schnecken abkriegt, hat mit ihr getanzt und ihr am Arsch rumgefingert – und sie stand drauf. Und ein anderer Freund von mir hat es auf Video aufgenommen. Das war der Hammer. Sie hat übrigens auch eine Stunde lang das Licht gemacht, als ich aufgelegt habe.

 

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Warum hast du Björk abblitzen lassen?

Björk wollte auch schon mit Tom (Jenkinson) arbeiten. Sie will es mit allen. Sie hat schon Zeug mit Bogdan (Raczynski) gemacht. Er sollte ein Stück auf ihrem neuen Album haben und dann haben sie’s aber doch nicht verwendet. Die waren sehr geschickt und geschäftsmäßig. Sie wollten ihm nur zehn Prozent geben, aber ich finde, wenn man mit jemandem zusammenarbeitet, sollte man immer fünfzig Prozent bekommen. Das scheint mir nicht sehr respektvoll. Aber sie kümmert sich nicht um so was. Sie hat Leute, die sich darum kümmern, für den Fall, dass was schief läuft. Irgendwie ist das ein bisschen traurig. Ich meine, sie will mit den Leuten arbeiten, die sie mag und gleichzeitig hat sie immer nur das „neueste Ding“ im Kopf, so ein „Goldfischgedächtnis“. Aus irgendeinem Grund glauben die Leute immer, dass die neuesten Sachen auch die besten Sachen sind.

Ich bin eigentlich überrascht, dass Björk mit dir arbeiten wollte. Ich hätte gedacht, dass du für sie schon zu etabliert bist.

(lacht) Ja, das hab ich auch gedacht. Ich meine, sie hat auch mit anderen alten Leuten gearbeitet, zum Beispiel mit diesem Streichquartett und so was. Und die sind nicht berühmt. Wenn ich wirklich mit ihr arbeiten wollte, dann könnte ich dafür sorgen, dass es passiert, aber es ist mir dann auch nicht so wichtig. Wenn ich mit Sängern oder Sängerinnen arbeite, dann würde ich lieber mit jemandem arbeiten, von dem noch niemand was gehört hat. Opernsänger oder so.

Würde es dich nicht interessieren, was mit Björk, der Musikerin zu machen, statt nur mit Björk, der Sängerin?

Oh ja. Das sage ich ihr sowieso immer. Ich sage immer zu ihr: „Ich weiß nicht, warum du dir immer diese ganzen Leute ranholst, du solltest es lieber selbst machen“. Und das hat sie versucht. Sie hat ihren Laptop und alles. Vielleicht macht sie das, wenn sie echt alt ist und alle finden, dass sie nicht mehr hübsch ist. Ich glaube, dann muss sie es machen. Weil dann werden die ganzen kleinen Technojungs nicht mehr mit ihr arbeiten wollen, weil die dann bloß noch sagen: „Björk? Ach ja, du meinst diese alte Frau. Mit der arbeite ich nicht!“. Im Moment kann sie die einfach so anrufen, ein bisschen isländisch reden und dann sind die Willens, alles zu tun… Björk ist total geschäftsmäßig, wenn es um so was geht. Wenn man mit Björk Deals aushandelt sagt sie: „OK, ich faxe dir die Einzelheiten und du schickst mir das…“. Wenn ich mit jemandem einen Track aufnehme, dann muss ich mit ihm oder ihr befreundet sein. Ich muss ein bisschen Zeit mit ihm oder ihr verbringen, dann müssen sie bei mir zu Hause vorbeikommen, fünfzig Tassen Tee trinken, ein paar Joints rauchen und sich besaufen. Man kann mir nicht einfach ein Stück schicken. Das ist echt kalt und ich glaube, sie hat gar nicht begriffen, dass sie das schon ihr ganzes Leben lang so macht. Ich glaub sie hat vergessen, wie man Beziehungen zu Leuten aufbaut.

Aber du hast doch auch in der Vergangenheit schon mit Leuten gearbeitet, die du nicht richtig gekannt hast.

Ja, aber nur bei Remixen und nur, um Geld zu verdienen. Das ist eigentlich keine Zusammenarbeit.

Du hast in der Vergangenheit mal erwähnt, dass die einzigen beiden Leute, mit denen du wirklich gerne arbeiten würdest, Tom Jenkinson und Luke Vibert wären. Planst du immer noch, mehr mit ihnen zu machen?

Tom ist schwierig, weil er wahnsinnig ist. Er verschwindet einfach. Ich glaube, der ist einfach in dem Moment verrückt geworden. Deshalb habe ich einen Monat lang nicht mehr mit ihm gesprochen. Wir haben uns noch nicht mal einen Namen für unser Plattenlabel ausgedacht. MEN ist nur die Katalog-Nummer. Er hat gerade seine Amerikatour abgesagt. Sein Hirn schaltet die ganze Zeit um. Er sagt etwas und macht was anderes. Als Freund treibt der dich komplett in den Irrsinn, er ist jeden Tag bei dir zu Hause, und dann bekommst du ihn wieder drei Monate lang nicht zu Gesicht, und auch sonst sieht ihn niemand. Im Moment mache ich mir ziemliche Sorgen um ihn, weil ich keinen kenne, der in letzter Zeit mit ihm geredet hat.

Aber macht ihr noch zusammen Musik?

Ja, aber wir haben nicht das gleiche Equipment benutzt. Wir versuchen, auf das gleiche Programm zu kommen, deshalb war es bis jetzt unmöglich, Stücke zusammen zu machen. Aber in den nächsten sechs Monaten werden ich, Tom und Luke von zu Hause aus über das Internet Stücke zusammen machen.

Du scheinst ziemlich viel Zeit online zu verbringen.

Ich hab in den letzten 12 Monaten ungefähr 3000 CDs gekauft – alle online. Ich hab alle Mailorderfirmen wie Amazon in einem E-Mail-Ordner. Ich hole mir die CD, lege sie in den Laptop, hole zwei Stücke von einem Album runter und verkaufe die CD (lacht). Ich hab einen Plattenladen angerufen und die schicken einfach jemanden vorbei, der die CDs abholt, ich muss sie also nicht mal in den Laden tragen.

Was waren die letzten drei CDs die du gekauft hast?

„Metal Machine Music“ von Lou Reed, irgendeine Jungle-CD und ein Kraftwerk-Bootleg.

Verstehst du dich gut mit deinem Briefträger?

Verdammt, die hassen mich. Die hassen mich wirklich! Sie klingeln nie an meiner Tür, sie stecken immer nur die Karten in den Kasten. Es kommen andauernd irgendwelche Päckchen mit Scheiße drin, also muss ich ständig zum Postamt gehen und sie abholen.

Gibt es neue Künstler, die du empfehlen möchtest?

Mein Lieblingskünstler im Moment ist Ceephax Acid Crew. Das ist Andy Jenkinson, der Bruder von Tom Jenkinson. Das ist der verdammte Hammer. Ist schon komisch, immer wenn Leute mich fragen: „also, wer wird denn jetzt der nächste große Star der elektronischen Musik?“, sage ich immer, er ist es. Aber er macht nur ein Stück alle drei Monate oder so. Ich bin sein größter Fan und ich rave immer ganz vorne bei allen seinen Gigs.

Stimmt es, dass du in der Vergangenheit Material aufgenommen hast, das unter dem Namen anderer Leute rausgekommen ist?

Ich hab für kommerzielle Sachen andere Stücke gemacht, aber da ist bislang noch niemand drauf gekommen. Ach und Squarepusher, das bin ich (lacht)!