Text: Alexis Waltz, Fotos: Yves Borgwardt
Erstmals erschienen in Groove 148 (Mai/Juni 2014)

Kaum ein ernstzunehmender Clubact hat in den vergangenen Jahren eine vergleichbare Erfolgsgeschichte hingelegt wie Tale Of Us. Das in Berlin lebende, aus Italien stammende Duo wurde mit einer Serie von Remixen und ihrem Hit „Dark Song“ 2011 schlagartig bekannt. Von Puristen misstrauisch beäugt, verführten Carmine Conte und Matteo Milleri in jenem Sommer die Crowds mit ihrem düsteren, stimmungsvollen und melodischen Housesound. 2013 setzten sie noch eins drauf: Mit ihrer Residency bei Circoloco im DC10 eroberten sie Ibiza und mit einer überraschenden Veröffentlichung auf Minus übertrugen sie ihren Ansatz in den Technokontext. Jetzt arbeiten sie an ihrem Debütalbum. Alexis Waltz hat die beiden auf Partys in das winterliche Lido di Jesolo bei Venedig und in die Berliner Panoramabar begleitet und versucht herauszufinden, was Tale Of Us ihren zahlreichen Konkurrenten voraushaben.

Am Strand tobt die Adria. Die Dämmerung färbt das Grün des Meeres schwarz. Die winterliche Stimmung am Lido di Jesolo, einem Badeort in der Nähe von Venedig, könnte Morrissey zu einem Song inspirieren. Nur etwa jedes zehnte Restaurant, Hotel oder Irish Pub hat geöffnet. Ab und zu schiebt sich gespenstisch ein Touristenbus durch die engen Straßen. In der Lounge eines austauschbaren Hotels steht plötzlich Carmine Conte (32) vor mir. Er trägt einen weiten, schwarzen Parka. Braunes Haar lockt sich über dem frisch rasierten Undercut. Sein Blick ist ernst, konzentriert, aufmerksam. Schnell werde ich gebrieft: Matteo und er haben heute Morgen bis um fünf in Nürnberg gespielt und mussten um zehn schon wieder aufstehen, weil es keinen Direktflug nach Venedig gibt. Die Party heute Nacht geht jedoch nur bis um vier. Vor einigen Jahren wurde in Italien ein entsprechendes Gesetz eingeführt. Aber Moment mal: Wo ist Matteo?

Carmine greift zum Telefon. Da taucht Eduardo, unser Fahrer auf. Er ist zugleich für die Promotion der Party heute Nacht verantwortlich. Im Sommer feiern am Lido di Jesolo internationale und italienische Touristen, im Winter gibt es zwei große Events. Feierfreudige aus dem gesamten Nordosten Italiens werden erwartet. Sechzig Euro kostet ein Ticket mit einer Übernachtung in einem der leeren Hotels. Sie haben nicht alle der 4.000 Tickets verkauft, aber das schlechte Wetter könnte sich als Vorteil erweisen: Wenn der traditionelle venezianische Karneval ins Wasser fällt, kommen mehr auf die Party, auf der Tale Of Us zusammen mit Hector als Support von Loco Dice auftreten. Matteo Milleri (26) tritt aus dem Fahrstuhl. Er trägt einen schwarzen Oversize-Wollmantel und setzt sein schelmisches, aber auch nach innen gekehrtes, nachdenkliches Grinsen auf. Seinen auffälligen blauschwarzen Augen entgeht nichts. Wir warten vor dem Hotel auf den Wagen, der Regen geht in Salven nieder. Da ist auch Tanja Felicia Viding, Matteos Freundin: groß, schlank, cool, streng gestylt, aufmerksam. Sie zieht Matteo auf: Wie lang er gebraucht habe, sich fertig zu machen. Er lächelt und küsst sie. Ob ich schon mal in Italien gefeiert habe, fragt er. „Nein. Was ist anders?“ Er lacht. „Das wirst du sehen. You are in for a treat.

Wir werden in ein einfaches, lebendiges Restaurant gebracht. Die Stimmung an der langen Tafel ist aufgekratzt. Der mexikanische DJ Hector bricht schon auf, er macht das Opening. Bei bodenständiger Pasta und Pizza geht es um die besten italienischen Restaurants in Berlin. Keine Clubs auf der Welt riechen so schlecht wie die britischen, London selbstverständlich ausgenommen. Der Boiler Room ist voyeuristisch, Tale Of Us spielen dort natürlich trotzdem. Matteo zeigt mir sein neues Tattoo, eine brennende Kirche, darunter die Worte „Tale Of Us“. Der Tattoo-Künstler hat auch viele Mitglieder der Berghain-Crew verziert – und ist gleichzeitig Friseur: „Die Haarschnitte waren dann umsonst.“

„Wo ist Dice?“, wundert sich jemand. „Mein erster Gedanke war, dass er in einem besseren Restaurant isst.“ Matteo macht eine Kunstpause: „Tatsächlich hatte er einen späteren Flug.“

 

Tale Of Us

Matteo Milleri (links) & Carmine Conte (rechts) | Foto: Yves Borgwardt

 

Sonnenbrillen, Masken, Mausohren

Der Veranstaltungsort ist eine Sportarena und heißt Pala Arrex. Der Parkplatz des riesigen Betonkomplexes ist weiträumig wie der einer Mall. Die Größe hat etwas Einschüchterndes. Wir gehen über eine breite Betonauffahrt in die Halle und fühlen uns wie Gladiatoren. Die House-Grooves von Hector erklingen, der gigantische Raum ist zu zwei Dritteln gefüllt. Schwarze Vorhänge verdecken die Plastiksessel der Zuschauertribünen. Die Bühne ist groß und hoch und funktioniert zugleich als Backstagebereich.

Die Privilegierten begrüßen sich. Wer sich nicht kennt, stellt sich vor. Am Anfang tümmeln sich hinter dem DJ-Pult ein Dutzend Menschen, am Ende sind es vielleicht fünfzig. Unter ihnen auch Alex, der Booker der Used + Abused-Party, die hier heute Nacht stattfindet. Tito Pinton gehört das Il Muretto, die größte Diskothek Jesolos. In den Neunzigern hat er amerikanische Housegrößen wie Tony Humphries oder Frankie Knuckles gebucht. Er hat die Location klargemacht. Und ein komplett in Weiß gekleideter Mann erklärt, er sei extra für die Party aus Ibiza angereist.

Matteo und Carmine stehen konzentriert nebeneinander an Mixer und Rechner. Sie lassen die Grooves wegdriften, bis nur noch die Melodien stehen bleiben. Mehrmals wird es völlig still. Der Break ist kein Höhepunkt, sondern zentrales Strukturelement. Alles ist Übergang, es geht immer darum, Antizipation zu erzeugen. Ständig meint man, dass im nächsten Moment der Bass in den Dancefloor bricht. Und es passiert doch gerade dann, wenn man nicht damit gerechnet hat. Die Crowd scheint zu begreifen, wie speziell Tale Of Us’ Umgang mit der Clubmusik ist. Sie feiert deren Aufbruch ins Poppige, Pathetische, Fragmentarische. Ich werfe mich ins Getümmel – und traue meinen Augen nicht. Die Crowd kocht über vor Energie. Die Jungs stürmen auf den Dancefloor wie gockelnde Halbstarke. Man wird ständig angerempelt, was offensichtlich nicht unhöflich, respektlos oder gar als Aufforderung zur Prügelei gemeint ist. Es sind derbe, wilde Feierclowns.

Tale Of Us setzen sich mit ihrer schwarzen Kleidung von ihrem Publikum ab. Die Männer tragen Basketball- und Fußballtrikots, auf Hüfte geschnittene stonewashed Jeans, farbige Polohemden und hochgegelte Kurzhaarfrisuren. Im Einzelnen nichts Ungewöhnliches, in der Summe bunter, knalliger und schriller, als es in Deutschland vorstellbar ist. Die Männermode hat was von einer Kutte, einer Uniform, die den prägnantesten Auftritt sicherstellen soll. Die Frauen sind hingegen extrem unterschiedlich gestylt. Elegant oder sexy, casual oder ultra aufgebrezelt. Letztlich geht es um ein bestimmtes Element, das den Style auf die Spitze treibt. Minimalistische Eleganz, die ihre Attraktivität aus mit Patina gealterten Materialen zieht, interessiert hier nicht. Alles ist neu, vielleicht für die Party gekauft, in satten Farben, mit Applikationen. Nieten auf dem Jogginganzug. Die Sonnenbrillen, Masken und Mausohren des Karnevals lassen das Strahlende schrill werden.

 


Stream: Tale Of UsAnother Earth

 

Tale Of Us spielen ihren Hit „Another Earth“ und die Handylampen leuchten. Loco Dice tritt an den Mixer. Sein hypnotischer Housesound klingt überraschend derb und hart und reißt alle, auch Matteo und Carmine, mit. Die Crowd dreht völlig durch. Handgemalte Banner werden hochgehalten, T-Shirts fliegen auf die Bühne. „Il Dice“ ist ein Star.

Carmine und Matteo strahlen erleichtert und plaudern mit Freunden und Bekannten. Keiner denkt daran, sich ins Hotel bringen zu lassen. Die Promoter werfen schwarz-weiß gestreifte Shirts mit dem neongelben Used & Abused-Logo in die Menge. Ein überdrehter Raver erkennt Tale Of Us. Er drückt mir sein frisch geröstetes Panino in die Hand und lässt sich mit den beiden fotografieren. Zwei Tänzerinnen in sexy Outfits legen einen Ausdruckstanz mit starren Blicken und expressiv abgespreizten Fingern hin. Direkt hinter Dice trinkt, palavert, tanzt und lacht die Backstage-Meute. Ständig muss er seine langen Übergänge, für die er ein Gitarren-Wahwah-Pedal verwendet, für ein Selfie unterbrechen. Das Ganze hat etwas von einer Sportveranstaltung, von einem Rockkonzert und einem Stadtfest. Das schadet nicht, weil das Publikum so viel Energie hat und so dermaßen auf die Musik abgeht. Es gibt eine Afterhour, aber Tale Of Us wollen schlafen. Morgen fahren sie nach Mailand, um Steuerliches zu regeln, dann zu einem Boiler Room-Gig in den Alpen auf 3.000 Höhenmetern.

 

Carmine Conte

Carmine Conte | Foto: Yves Borgwardt

 

Zelda in Umbrien, The Crow in Pescara

Zum Interview treffe ich die beiden in Carmines Kreuzberger Dachgeschosswohnung, in der sich auch sein Studio befindet. Matteo wohnt in derselben Straße. Sein Studio hat er einige Häuser weiter. Es ist Mittwoch, den beiden ist die Intensität und Anstrengung des Wochenendes noch anzumerken. Matteo ist blass und ein wenig fahrig. Carmine wirkt abwesend, ganz und gar in Gedanken. Auf einer Staffelei steht ein Ölbild, Zeitungen schützen das Parkett. Um zu entspannen, malt er. Die Leinwand ist schwarz, am unteren Rand gibt es rote und gelbe Pinselstriche. Das sei eine brennende Stadt, sagt er. Ein Bild aus einer Graphic Novel habe ihn dazu inspiriert. „Ich bin nicht für das Sprechen gemacht“, erklärt Carmine. Seine Worte sind klar und ausdrucksvoll, aber es kostet ihn Kraft, sie zu formulieren. Matteo ist das Gegenteil: Beobachtungen, Gedanken, Witze purzeln aus ihm heraus. Kein Thema ist außen vor. Es gibt kein Problem, das nicht diskutierbar wäre.

Beide stammen aus Mittelitalien. Einer ist in den USA, der andere in Kanada geboren, als die Eltern dort beruflich unterwegs waren. Doch ihre Teenagerzeit könnte nicht unterschiedlicher verlaufen sein. Matteos Eltern besitzen einen Familienbetrieb in Umbrien, der wirtschaftsbezogene Datenbanken herstellt. In seiner Familie zählte der Erfolg in der Schule und im Beruf. Kulturelles fand im Hintergrund statt, Matteo selbst hatte nie eine Lieblingsband. Seine Leidenschaft waren Computerspiele wie Zelda: „Da geht es nicht nur um coole Grafik. Ich liebe es, wenn aus den Figuren, der Umgebung und der Musik etwas ganzes, eigenes entsteht.“ Caminos Familie stammt aus einer Kleinstadt in der Nähe von Pescara. Mit Musik kam er durch seine beiden Großväter in Berührung, der eine spielte Saxofon, der andere Flöte. Seine Großmutter sang ihm folkloristische Lieder vor. Mit sechs oder sieben hatte er ein Erlebnis, das ihn jahrelang nicht loslassen sollte. Er besuchte ein Klavierkonzert in einer Kirche: „Als ich den Pianisten hörte, wurde es zu meinem Traum, vor solche wunderbaren Menschen zu treten und ‚Für Elise‘ zu spielen.“ Carmine begann Klavierunterricht zu nehmen. Mit 18 Jahren konnte er fast so gut spielen, um am Konservatorium aufgenommen zu werden: „Mein Leben war in dieser Zeit sonderbar. Es bestand nur aus Musik – und Sport. Ich rollerbladete und fuhr Snowboard. Mein Problem war, da ich meinem Klavierlehrer nicht klarmachen konnte, was ich spielen wollte. Ich war total zerstreut und langweilte mich schnell. Das frustrierte mich so sehr, dass ich aufhörte.“ Als Jugendlicher hörte Carmine Michael Jackson, Queen, später Metallica: „Ich liebe ihre ersten vier Alben! Später entdeckte ich dann Soundtracks. Ich bin ein Einzelgänger, in den Sommern ging ich oft allein ins Kino – wegen der Filmmusik. Den Soundtrack von The Crow von Graeme Revell höre ich seit 1990 immer wieder. Dieser oder ein anderer Soundtrack wird das letzte sein, was ich in meinem Leben hören will.“

Der Magic Moment

Mit 15 oder 16 Jahren begann Carmine auszugehen. Damals, in der Mitte der Neunziger, dominierte New-York-House die italienischen Clubs. Im legendären Cocoricò in Riccione erlebte er italienische Housegrößen wie DJ Ralph. Carmine zog nach Mailand und studierte Jura. Als ihm ein Freund 2004 die Software Reason zeigte, flammte seine Begeisterung für das Musikmachen wieder auf: „Von einem auf den anderen Moment erweckten die Programme und die Geräte ein völlig neues Leben in mir. Alles aus meiner Jugend war plötzlich wieder da. Und es erschien in einem ganz neuen Licht.“ In den folgenden Jahren produzierte er zahllose Tracks: „Ich hatte kein Ziel. Es war wie ein Buch mit leeren Seiten aufzuschlagen und irgendwo etwas reinzuschreiben. Und ich hatte eine Menge zu schreiben. Ich wusste, dass meine Musik nicht gut war. Es war genau wie beim Sport: Ich trainierte, trainierte, trainierte. Bis ich gut wurde oder bis ich, wie beim Snowboarden, begriff, dass ich niemals gut sein werde.“ Das Jurastudium beendete er nach drei Jahren nach der Zwischenprüfung: „In einem kleinen Raum zu sitzen und mich um die Probleme anderer Menschen zu kümmern – das konnte ich nicht. Das verschaffte mir keinen Grund zu existieren.“

Altersbedingt kam Matteo sieben Jahre später nach Mailand – um Wirtschaft zu studieren. Zugleich suchte er nach eigenen Worten „das Unkonventionelle, Abseitige, Mystische, Traumhafte und Gefährlich.“ Er stieg bei einer Graffiti-Crew ein und promotete die „Just This“-Partys, die an jedem Ort nur ein einziges Mal stattfanden. Dabei machte er die folgenreiche Bekanntschaft mit Seth Troxler: „Damals war er irgendein DJ aus Detroit.“ Matteo wollte auch Musik produzieren. Aber keine Clubtracks, sondern Stücke für Computerspiele wie eben Zelda oder Final Fantasy. Carmine und Matteo lernten sich dann 2008 auf einer Schule für Toningenieure kennen. Matteo erinnert sich: „Wir waren in einem Raum mit zwanzig Menschen, die alle nerdig und bleich aussahen und über Kabel redeten. Einer sah aus, als würde er dort nicht hingehören – Carmine. In der Pause erzählte er, dass er nach Ibiza fahren will. Ich sagte: ‚Du bist verrückt, wir haben für den Kurs bezahlt.‘ Er ging trotzdem. Und ich folgte ihm einige Wochen später.“ Matteo brach nicht nur den Toningenieurskurs, sondern auch das Wirtschaftsstudium ab: „Ich habe überhaupt keinen Abschluss. Für meine Familie war das ein Schlag. Sie hatte hohe Erwartungen, ich bin immer auf die besten Schulen gegangen. Und ich habe gesagt: Ich fahr nach Ibiza. Als ich nach drei Monaten zurückkam, dachten sie, ich hätte mich ausgetobt. Aber ich zog im nächsten Winter nach Berlin. Mein Vater sagte: ‚Wir helfen dir nicht mehr. Das ist dein Weg.‘ Mit Carmine fing ich ein neues Leben an.“

 

Matteo Milleri

Matteo Milleri | Foto: Yves Borgwardt

 

Für hundert Euro und einige Biere

„Dark Song“ erschien zwar erst ein Jahr später, im Mai 2011, aber er wurde schon vorher von DJs gespielt und so wurde auch Manfredi Romano alias DJ Tennis auf Tale Of Us aufmerksam. Er ließ sie das erste Release seines neuen Labels Life and Death bearbeiten, „Disco Gnome“ von Thugfucker. Damit begann im Winter 2010/11 eine beachtliche Serie von Remixen. Matteo: „Der Remix entsprach gar nicht der Musik, die wir damals machten. Unsere Tracks waren atmosphärischer, nicht so in your face, hatten nicht so fette Basslines. Aber wenn ein Riff perfekt ist, ist es perfekt. Dann muss man das mitnehmen. Der Remix ist von mir. Ich habe nicht viel gemacht: Wir haben andere Drums, einen anderen Synth für das Riff und eine andere Bassline verwendet. Der Track brachte uns dann in die Deep-House-Szene. Wir waren selbst überrascht, dass er dort erfolgreich war. Vielleicht ist das unser Markt! Das verwirrt mich bis heute.“

Der Sommer 2011 gehörte Tale Of Us. Mit „Dark Song“ und den Remixen zu „Disco Gnome“, „Sense“ von DJ T. und „Every Minute Alone“ von Whomadewho hatten sie vier Hits. Sie definierten den Sound der Stunde und befriedigten die Lust auf Melodien und poppige Stimmungen, die so verschiedene Künstler wie Art Department, Steffi, DJ Koze, Shlomi Aber oder Wolf + Lamb geweckt hatten, mit noch nicht gekannter Konsequenz. Natürlich wurden Tale Of Us auch bald gebucht. Aber nur Carmine konnte auflegen: Nachdem er Reason entdeckt hatte, kaufte er sich auch ein Paar Plattenspieler und „spielte viele Stunden für Freunde und für die Wand“. Matteo hat es erst beim Touren gelernt: „Am Anfang war ich einfach nur dabei, stand neben Carm und hing ab.“ Er lacht: „Ich hab gar nicht verstanden, was das ist, auflegen.“ Bis heute treten sie nur gemeinsam auf, ihre Sets seien nur mit „vier Händen und zwei Köpfen“ durchführbar.

 


Download: Tale Of UsGroove Podcast 30

 

Nach ihrem ersten gemeinsamen Auftritt 2011 auf einer Visionquest-Party spielten sie in der nächsten Nacht in Umbrien – und waren so kaputt, dass der Auftritt zur Katastrophe wurde. Der Promoter war so schockiert, dass er sie nicht bezahlen wollte. Matteo: „Wir haben uns geschworen, dass so etwas nie wieder passiert. Wenn wir spielen, trinken wir nicht mehr als ein paar Bier.“ Die wilde Zeit seit der Ankunft in Berlin 2009 ging zu Ende, als sie begannen, mit einem professionellen Booker zusammenzuarbeiten. „Davor waren wir eher so: Uns gibt jemand hundert Euro, um zu spielen. Klar, machen wir“, erinnert sich Matteo. „Das ist heute ganz anders und ich vermisse diese Spontanität.“

Die Phase Zwei

Der Sommer 2011 lief grandios für Tale Of Us, doch schon im Herbst kamen Zweifel auf. „Nach einem Jahr wurden wir traurig“, so Matteo. „Wir hatten das Gefühl, uns ausverkauft zu haben. Wir hatten vielleicht fünfzehn Remixe gemacht, von denen viele irgendwie gleich klingen. Wir haben uns von dem beeinflussen lassen, was die Leute hören wollten. Man produziert in zwei Stunden einen Mix und wird Nummer eins auf Beatport. Da muss also was dran sein, dachten wir.“ 2012 wurde das Jahr der Neuorientierung für Tale Of Us. Manfredi spielte ihnen viel Musik vor, Boards Of Canada oder Indierock-Klassiker wie The Smiths. Matteo und Carmine begannen ihn bei der A&R-Arbeit von Life and Death zu unterstützen. Wie bei ihrer eigenen Musik sagen sie: „Wir sind uns nie sicher.“ Mit Manfredi produzierten sie einen Remix von „Make It Good“ des britischen Singer/Songwriters Fink, der auf Youtube millionenfach gehört wurde. Sie begannen ihre Kollaboration mit der Berliner Band The/Das, die als Body Bill eine Reihe von Alben veröffentlicht hat und an der Grenze zwischen Rock und Elektronik operiert. Bei „Fresh Water“ verarbeiten Tale Of Us die kurzatmigen, hämmernden Basslines, die für New Wave und Indie-Rock typisch sind.

Diese Zeit des Forschens war 2013 vorbei. Im vergangenen Jahr gelang ihnen eine beispiellose Konsolidierung ihrer Position in der Szene. Ihre Residency bei Circoloco im DC10 auf Ibiza verschaffte ihnen enorme Aufmerksamkeit. Mit Airplay von Dixon, einem Remix für Innervisions und ihrer Bearbeitung von Mano Le Toughs „Primative People“, erhielten sie einen Ritterschlag der House-Aristokratie. „Um aus der Routine zu kommen“, schickte Matteo Richie Hawtin im Frühling einen neuen Tale Of Us-Track, „Another Earth“. Hawtin veröffentlichte nicht nur das Stück auf Minus, sondern nahm sie auch in seine mit Katrin Schlotfeldt betriebene (mittlerweile aufgelöste) Booking- Agentur Clonk auf. „Another Earth“ ist Hommage und Weiterentwicklung des Minus-Sounds zugleich. Es reichert die Kickdrum-lastigen Minus-Grooves um melodische Nuancen an. Die Hookline projiziert ein überdrehtes Heavy-Metal-Gitarrensolo in eine futuristische, glamouröse Zukunft. Matteo: „Der Track lief auf Events, von denen wir nicht einmal wussten, dass es sie gibt.“

 


Stream: Mano Le ToughPrimative People (Tale Of Us Remix)

 

Eine andere Party, ein anderer Groove

Ein zweites Mal erlebe ich Tale Of Us in der Berliner Panorama Bar. Es ist schon Sonntagnacht, als sie dort spielen, aber es fühlt sich nicht an wie das Ende der Party. Die Schlange vor dem Berghain ist noch lang, die Panorama Bar ist kaum zu betreten. Auch hinter der Bar wird getanzt. Andersartiger als in Jesolo könnte das Publikum kaum aussehen. Eine subtile Mischung aus lässig herabhängendem Stoff und engen, knappen Kleidungsstücken kommuniziert Coolness und Körperbewusstsein, Spiritualität und Spaß. Neben dem DJ Pult tummeln sich Freunde und Kollegen. Seth Troxler ist auch da. Matteo und Carmine sind entspannter als auf der Riesenbühne, auch während des Sets gibt es Gelegenheit zu plaudern. Die heruntergedimmten Afterhour-Grooves sind vertrackt und versetzen die Crowd in ein ruhiges Wogen. Wie Höhlenbewohner malen sie ihre enormen Klangräume mit geheimnisvollen, dramatischen Bildern aus.

 

Tale Of Us

Tale Of Us | Foto: Yves Borgwardt

 

Das große Thema der beiden ist zurzeit, ob Tale Of Us auch die großen Bühnen anstreben sollen oder ob das ein Ausverkauf wäre. Carmine fragt mich, wie ich die beiden Auftritte fand. Mich erstaunte, wie radikal verschieden die Grooves sind, aber wie sehr sich Sounds und Stimmungen durchziehen. Carmine zeigt auf seine Staffelei: „Picasso hat man nicht vorgeworfen, dass er seinen Stil gewechselt hat. Es ist nicht leicht, aus der Panorama Bar zu kommen und am nächsten Tag vor fünftausend Leuten zu spielen. Dort geht es um einzelne Momente, auch um Stille. Auf der Mainstage darf man die Leute nicht verlieren. Wir haben uns auch in Richtung Techno bewegt, weil wir die Herausforderung suchen. Wir wollen uns entwickeln.“

 

„Es ist nicht leicht, aus der Panorama Bar zu kommen und am nächsten Tag vor fünftausend Leuten zu spielen.“ Carmine Conte

 

Bei nichts sind sich Tale Of Us so sicher wie beim Zweifel an ihrer eigenen Musik. Von zwanzig Tracks sei vielleicht einer brauchbar. Sie haben bislang nur zwei Maxis mit ausschließlich eigenen Tracks veröffentlicht, ansonsten besteht ihre Diskografie aus Remixen und Kollaborationen (mit Ryan Crosson, Jay Haze, Seth Troxler, Fango, Footprintz, Vaal, The/Das und diversen Life & Death-Künstlern). Gerade haben sie sich zwei Monate freigenommen, um an ihrem Album zu arbeiten. Es ist schon ihr dritter Anlauf. Das erste fanden sie so schwach, dass sie Teile für EPs und Remixe verwendeten. Das zweite entstand im vergangenen Jahr. Matteo: „Das ist angestrengter Ambient, eine schlechte Kopie von Aphex Twin, kombiniert mit Vatican Shadow.“ Carmine: „Im Moment, als wir es fertig hatten, klang es alt. Es hatte nichts Prächtiges, Herrliches, Glorioses. Es war zu geschlossen, zu klein. Musik muss richtig gut sein, um auch nur für einen Moment bestehen zu können. Bei „Another Earth“ ist uns das vielleicht gelungen, indem wir Minus in eine neue Richtung pushten, indem wir unser düsteres Ding, unsere Gefühle mit deren Technoding verbunden haben.“

Gegenwärtig arbeiten sie in drei Studios. Carmine findet Ideen und schickt sie Matteo. Der sucht auf den Analoggeräten interessantere Sound und mischt. Im dritten Studio von Fabian Fenk und Anton Feist von The/Das wird synchronisiert und nach ungewöhnlichen Klängen geforscht. „Früher haben wir an eine Tag zwei Tracks produziert, heute versuchen wir den ganz besonderen Sound zu finden, den niemand anders hat. Das dauert ein Leben“, sagt Matteo und ergänzt: „Ich weiß nicht, ob es ein Album-Album ist. Das Gute ist, dass wir, es nicht brauchen, um zu touren.“ Wir gehen in Carmines Studio. Er spielt uns ein Stück vor, das er gerade produziert hat. Eine anmutige, strahlende Melodie, die in einen federnden Groove eingewoben ist. Carmine hört konzentriert zu: „Das erinnert an Depeche Mode.“ Andere Musiker wären auf diese Hookline stolz. Matteo schaut mich an und setzt sein Signature-Grinsen auf: „Das ist zu hell, zu positiv. Das ist die Art von Track, die wir nicht veröffentlichen.“