Genauso wie es Loco Dice verärgert, dass nach Swedish House Mafia fast alle US-Amerikaner deren Musik mit House assoziieren und nicht Frankie Knuckles oder Dice’ eigene Musik, ärgert sich Tempa darüber, dass Skrillex dasselbe mit Dubstep gemacht hat. Das breite US-amerikanische Publikum wusste mit elektronischer Musik lange nur wenig anzufangen. Dank Skrillex kann man zu elektronischer Musik abrocken wie zu Marilyn Manson, dank Skrillex kann die Konzertindustrie elektronische Musik als Stadionevent mit Feuerwerk vermarkten. Skrillex hörte den Namen Aphex Twin zum ersten Mal in einem Korn-Interview. Wenig später begann sein beispielloser Durchmarsch durch die elektronische Musik: Mit den melodisch aufgeladenen Wobble-Basslines und Emo-Hooklines entwickelte er seinen massentauglichen Dance-Sound. Aber gleichzeitig reagierte er auf diverse aktuelle Clubstile. Auf seiner ersten EP „My Name is Skrillex“ etwa verband er beißenden Breakcore mit wirklich lustigen, fratzenhaften Comic-Stimmen und präsentierte eine durchaus eigensinnige Sichtweise auf Justice und den Ed-Banger-Sound. Natürlich kann man ihm da auch ein Kalkül unterstellen: Auf der einen Seite ist es leicht, dass Stadion-Publikum mit Wobbel-Salven bei der Stange zu halten. Andererseits muss das Netz mit Neuigkeiten gefüttert werden, damit die Marke Skrillex nicht an Momentum und Aktualität verliert. Auf dem Debütalbum zeigt er sich einmal mehr als versierter Stil-Kurator. (M.I.A. und Kanye West sind Vorbilder). Recess wurde in Los Angeles, Seattle, Seoul, London, Stockholm, San Francisco und Brooklyn aufgenommen. Skrillex nimmt mehr neue Trends auf als ein House-Produzent in seinem ganzen Leben. Das Spektrum der Gäste reicht von einem angesagten Rapper über einen K-Pop-Star zu einem britischen Singer/Songwriter. Auch Diplo und die frühneunziger Hardcore-/Jungle-Helden Ragga Twins sind dabei. So kann Recess durchaus überraschen: Bei „Dirty Vibe“ mit Diplo treibt Skrillex mit seinen manischen Emo-Melodien Diplos Trap-Gewitter in einen eigenartigen Strudel. Die Ragga Twins-Kollaboration „Ragga Bomb“ ist stark – bis sie von Skrillex’ Signature Bassline weggerissen wird. Und „Fuck That“ ist eine erstaunliche Hommage an den aktuellen Londoner Clubsound von Maya Jane Coles oder Joy Orbison. Für den Rest muss man Korn-Fan sein – und sein Nachtleben im Stadion verbringen.

 


Stream: SkrillexRecess