Es beginnt in der Wüste, scheinbar. Minutenlang eiert dort nach Westernmanier eine ausgeblichene Gitarre durch den Staub, bevor sich daraus, endlich, ein Beat erhebt. Wenn auch erst mal nur ein skelettierter, der sich mehr dahinschleppt, als dass er wirklich Antrieb („Drive“) bringen würde. Schon bald bekommt diese Bassdrum zwar Speck auf die Rippen. Schneller aber wird sie nicht mehr in den folgenden 77 Minuten. Ist ja auch viel zu heiß und trocken hier. Wenn man will, dann kann man in die erste Mix-CD von Mauricio Rebolledo also durchaus dessen Herkunft hineinhören: den mexikanischen Urlaubsort Playa del Carmen oder die Industriestadt Monterrey, wo er ebenfalls eine Zeit lang gesichtet wurde, bevor er anfing, als Teil des Cómeme-Kollektivs sowie zusammen mit Superpitcher als Pachanga Boys um die Welt zu ziehen.

„Roh und kraftvoll“, führt Rebolledo als Schlüsselbegriffe für diesen Mix an, seiner ersten größeren Veröffentlichung seit dem 2011er-Album Super Vato. Und das vollkommen zu Recht. Als „roh und kraftvoll“ empfand er schon die Musik des philippinischen Psychedelikrockers Wally Gonzalez, dessen „Wally’s Blues“ diesen Mix rahmt. Und ebenso wirkte auch das zugehörige Plattencover, das Rebo, wie ihn manche nennen, hier nachgestellt hat. Dazwischen klingt es dann tatsächlich so, wie man es erwartet von einer Mix-CD, auf der jemand stark behaart mit Cowboystiefeln auf Achtziger-Karren abhängt: stoisch, ledrig, düster, ohne aber jemals Rocktechno (wir erinnern uns, „Rocker“ und die Folgen) zu werden. Das Gegenteil von leicht und beschwingt jedenfalls. Ein Wabern, Wummern und Walzen, zusammengestellt aus dem abseitigen Techno, den seelenverwandte Querköpfe wie die Gebrüder Teichmann oder Barnt (mit seinem Hit „Is This What They Were Born For?“) hier beisteuern. Dazu kommen massenhaft Pachanga-Boys-Produktionen und -Remixe sowie Tracks von Labelnachbarn wie Christian S. (Cómeme), Sébastien Bouchet (Kompakt) oder The Twins (Hippie Dance). Und sogar Wolfgang Voigt oder Justus Köhncke fügen sich erstaunlicherweise ein in diese sehr dezidiert eigene Ästhetik.

Was einen zu der Frage bringt, welche die Kompakt-Leute selber anlässlich dieser Veröffentlichung aufwerfen: Warum sollte man sich, im Zeitalter der endlos herunterladbaren Online-Mixes, überhaupt eine Mix-CD, ja, kaufen? Die Antwort: Weil hier jemand der alten Idee folgt und nicht einfach nur ein DJ-Set nachstellt. Sondern bereits existierende Tracks sowie die eigene Produktionsästhetik zu etwas kühnem Neuem zusammenfasst. Zu einem Techno weitab der meisten anderen Techno-Diskurse zurzeit. Grandios.

 


Stream: RebolledoMomentum Drive (Snippets)