Text: Philipp Weichenrieder, Foto: Ashes 57
Erstmals erschienen in Groove 145 (November/Dezember 2013)

Lange Zeit war Footwork in Europa nur Wenigen ein Begriff. Mit der Compilation Bangs & Works brachte Planet Mu die Musik aus Chicago über den großen Teich und bereitete damit auch DJ Rashad den Weg. Der Chef-Botschafter des Genres veröffentlicht nun sein fünftes Album.

Zur Vorbereitung auf die Veröffentlichung seines neuen Albums tourte Rashad Harden den kompletten August zusammen mit seinem Partner-in-Crime DJ Spinn durch Europa. So etwas war bis vor wenigen Jahren noch in weiter Ferne für den Mitdreißiger. DJ Rashad zählt zu den Wegbereitern und Aushängeschildern der jüngsten musikalischen Entwicklung aus Chi-City, die eigentlich schon in den Neunzigern ihre ersten Subbässe und scharfen Snares in die Welt schickte, in Europa aber lange Zeit unbeachtet blieb.

Die Wurzeln von DJ Rashads Footwork liegen in der Ghetto-House-Szene von Chicago. Mitte der Neunziger war der von Jesse Saunders‘ Label Dance Mania maßgeblich geprägte Stil mit seinen sexuell expliziten Vocalsamples äußerst populär. Als musikalische Einflüsse von damals nennt Harden unter anderem Paul Johnson, Cajmere, DJ Deeon, DJ Milton, DJ PJ oder Traxman. Mit diesem Soundtrack tanzte der erst zwölfjährige Harden in den Chicagoer Crews House-O-Matics und Wolf Pac. Schließlich wollte er bei Battles nicht nur als Tänzer mitmachen, sondern auch als DJ den Takt vorgeben. Nach einer Weile musste er die Priorität auf eine Sache legen, wie er erzählt: „Die Leute damals haben einen nicht ernst genommen, wenn man DJ und Tänzer gleichzeitig war. Außerdem hatte ich irgendwann so ziemlich alles erreicht, was ich in den Tanz-Crews erreichen wollte. Also hörte ich damit auf und legte nur noch auf. Ich wollte als DJ einfach angemessenen Respekt bekommen.“

Rave auf 160 BPM

Mit 13 Jahren bekam Rashad einen Job beim örtlichen College-Radio WKKC, bei dem er samstags mit rumhing und aufzulegen übte. Mit dabei war damals auch Gant Garrard alias Gant-Man, der später, 2005, mit seinem Remix von Beyoncés „Check On It“ den ersten offiziellen Juke-Remix für ein Major-Label machen sollte. DJ Rashad legte House, Techno und Ghetto House auf Teen-Partys auf, besorgte sich dann eine Drum Machine und begann, eigene Musik zu produzieren. 1998 landete der von ihm geschriebene Track „Child Abuse“ auf einer EP von DJ Chip und DJ Thadz auf Dance Mania, doch keine zwei Jahre später stellte das Label seinen Betrieb vorerst ein. „Als Dance Mania dicht machte, schlossen sich damit auch viele Türen für Ghetto House“, resümiert Harden. „Wir haben aber einfach weitergemacht. Es war immer noch Ghetto House, aber es klang etwas anders. Dann kamen Gant-Man und Puncho und nannten die Musik Juke.“ Wie bei den meisten Genres, die irgendwann mal einen Namen verpasst bekommen haben, ist nicht ganz eindeutig, ob die Bezeichnung wirklich so entstanden ist oder wer den ersten Juke-Track veröffentlicht hat. DJ Rashad folgt der Annahme, dass 1998 DJ Punchos Track „Juke It“ zum Genrenamen führte.

Juke war, vereinfacht gesagt, beschleunigter Ghetto House und ging eine engere Verbindung mit Hip-Hop ein, was zu Teilen auch kommerziellen Erfolg hatte. Zugleich entstanden abstraktere Tracks, die mit viel Bass unterfüttert waren und statt mit 4-to-the-floor mit schnellen Drumpatterns auf die Bewegungsbedürfnisse der Tanz-Crews eingingen. Diese fingen an, in atemberaubender Geschwindigkeit ihre Beine und Füße dazu zu bewegen und den Oberkörper gleichzeitig so still wie möglich zu halten: Footwork war geboren und damit auch ein weiterer Schritt auf der Verwirrungsskala der Namen gegangen. DJ Rashad fügt noch einen Namen hinzu: „Wir haben Juke gemacht, aber auch andere Sachen nebenbei, die wir Trax nannten. Das war für die Tänzer, die Footwork tanzten und kamen, um viel Bass zu hören und nicht die kommerziellen Juke-Sachen.“

Auf seinem 2003 erschienen und mit DJ Spinn zusammen produzierten Debütalbum Juke Trax verbanden sie Elemente aus Juke, wie Claps auf den Vierteln, mit verrückten Basslinien und sperrigen Polyrhythmen. In vielen von DJ Rashads aktuellen Tracks ist der vorgebende Viervierteltakt vom hörbaren Element zur abstrakten und nur noch gelegentlich ausformulierten Struktur geworden. Die Samples aus allen möglichen Quellen wie Hip-Hop, Soul, Rock, Jazz, Oldschool-House, Filmen oder TV-Shows werden kürzer und schneller eingesetzt, die Bässe tiefer angesetzt, die Snare schleppend auf das Umfeld der ersten und dritten Zählzeit gesetzt. In Rashads DJ-Sets konstituieren sich daraus in Höchstgeschwindigkeit von um die 160 BPM energiegeladene Rave-Momente.

They Don’t Give A Fuck

Die Diskursmacht beim Durchsetzen des Namens Footwork für dieses Stadium der Musik besaß vor allem die Compilation Bangs & Works, die 2010 auf Label Planet Mu herauskam und das Genre in Europa bekannt machte. Im selben Jahr veröffentlichte das Label auch DJ Rashads EP „Itz Not Rite“. Das britische Label schuf eine Plattform für Footwork, was dazu führte, dass die Musik aufgrund ihrer breakähnlichen Strukturen und schweren Bassläufen in Europa vor allem in bassaffinen Szenen beliebt wurde. Auch Hyperdub-Labelchef Kode9 wurde auf DJ Rashad und DJ Spinn aufmerksam, wie Harden erzählt: „Vor fast zwei Jahren hat er uns zu seiner Radioshow (auf Rinse FM, Anm. d. A.) eingeladen und wir spielten noch ein paar Partys zusammen. Wir finden toll, was das Label macht und es ging uns bei der Zusammenarbeit nicht um Publicity, sondern um den Respekt und die Liebe, die sie uns entgegengebrachten. Ich fragte Kode9 dann einfach, ob ich eine EP für sein Label machen kann. Und jetzt sind wir hier.“

Im März dieses Jahres veröffentlichte Hyperdub die EP „Rollin’“, im Sommer folgte „I Don’t Give A Fuck“ und nun steht schließlich das Album Double Coup an. Neben Harden, der nur für zwei Tracks allein verantwortlich zeichnet, haben an dem Album auch DJ Spinn, DJ Manny, DJ Earl, Taso und DJ Phil mitgewirkt. Außerdem hat Addison Groove bei dem alles verätzenden Track „Acid Bit“ ein Gastspiel. Die LP ist, auch wenn nur DJ Rashads Name auf dem Cover zu lesen ist, eigentlich ein Gemeinschaftswerk der Teklife-Crew, wie er auch selbst sagt: „Ich wollte etwas Anderes im Unterschied zu einem normalen Rashad-Album machen. Dieses Mal wollte ich die Teklife-Crew vorstellen und einfach Spaß mit ihnen haben.“ Auf die Frage, ob er denn so etwas wie der Godfather der Crew ist, wie es den Anschein haben könnte, antwortet er mit Zurückhaltung: „Naaa, ich bin wie jeder bei Teklife, wir haben alle die gleiche Position.“

Entstanden ist ein vielseitiges Album, das sowohl Tracks enthält, die mit sanften Samples, begleitet von warmen Synths vergleichsweise entspannt klingen, als auch vollkommen absurde Monströsitäten, die Witz und Abrisspotenzial zusammenbringen. „Es gibt Trap-inspirierte Sachen, etwas Jungle. Wir wollten den Leuten einfach zeigen, dass wir auch anderen Scheiß machen können, als den, den wir sonst so machen“, meint Harden. Ob die Öffnung zu anderen Genres vielleicht zu einer weiteren Konfusion der Musiköffentlichkeit über Genre-Kennzeichen oder Begriffe führt, spielt für DJ Rashad keine Rolle. Er kennt die Wurzeln seiner Musik und die bleiben die gleichen: „Es ist House-Musik. Es ist wie der Sohn von House oder der Sohn von Ghetto House oder die Tochter. Wie auch immer du es nennen möchtest. Es ist immer noch House-Musik, nur eben auf unsere Art.“

DJ Rashads Album Double Cup ist bei Hyperdub erschienen.