Die Quintessenz zuerst: Kangding Ray hat sich der vermuteten Technoisierung noch nicht gänzlich hingegeben. Das Glas ist (nur) halb voll. Und das ist auch gut so. Sowieso auf seinen Releases für Stroboscopic Artefacts, aber auch auf den letzten zwei Raster-Noton-LPs wurde der Einfluss Club sukzessive größer. OR, das letzte Album von David Letellier, war ein herrlich massives Stück Sounddesign, das die Frage nach einer Alternative für eigentlich alles, was in der Welt falsch läuft, stellte. Misanthropische Anthropologie im abstrakten IDM-Gewand. Hätte er selbst die Antwort, würde er keine Musik machen, sagte Letellier einmal in einem Interview. Sympathisch. Solens Arc, Album Nummer vier, darf und muss wieder als Statement verstanden werden. Zum Rave-affinsten Stück, dem Industrial-Techno-Stomper „Amber Decay“, veröffentlichte er ein Zitat von Noam Chomsky, der die Rechtfertigung von Autorität und Hierarchie hinter die Freiheitsmaxime setzt. Die Fokussierung auf Solens Arc alleine ist natürlich auch okay. Die in vier aufgeteilten „Arcs“ (jeweils bestehend aus drei Tracks) sind mit diesem Loop-Primat, gebrochenen Rhythmen und einem Faible für Dekonstruktion ausgestattet, wobei Kangding Ray diesmal auf allzu viel Vocal-Input verzichtet. Das wunderbare „Crystal“ ebenso wie die Downtempo-Distortions von „History Of Obscurity“ beherbergen wundervolle Ähnlichkeiten zu Klaus Schulze. Ob Berghain, Berlin Atonal oder Unsound Festival – Kangding Ray produziert Musik, um sie zu performen. Und bei all den Referenzen, den Gedanken und Anspielungen und erst Recht beim Status Quo der siechenden Industrie ist es nur folgerichtig, Charles Darwin zu zitieren: „Es ist nicht die stärkste Spezies die überlebt, auch nicht die intelligenteste, es ist diejenige, die sich am ehesten dem Wandel anpassen kann.“

 


Video: Kangding RayHistory Of Obscurity