Text & Interview: Sascha Uhlig
Erstmals erschienen in Groove 140 (Januar/Februar 2013)

Am Montag verstarb Frankie Knuckles im Alter von 59 Jahren. Er half dabei, ein neues Genre aus der Taufe zu heben, produzierte zahlreiche Danceklassiker und erhielt sogar einen Grammy als bester Remixer. Anfang 2013 erschien die neue Doppel-CD des „Godfather Of House“, Tales From Beyond The Tone Arm, sowie eine weitere Neuauflage seines Klassikers „The Whistle Song“ von 1991. Wir sprachen vor einem Jahr mit ihm über 25 Jahre Def Mix, die frühen Tage von House und wieso er Ende der Neunziger die Musik fast schon an den Nagel hängen wollte.

Berühmt wurde Frankie Knuckles in Chicago, Illinois, doch für die DJ-Legende begann alles in New York. Dort ist er geboren und aufgewachsen, lernte die DJ-Kultur kennen und hing mit Nicky Siano, Larry Levan und zahlreichen weiteren Ikonen des New Yorker Nachtlebens rum. Zurück in den Big Apple zog er auch wieder nach seiner Residency im Warehouse in Chicago und der Schließung seiner beiden eigenen Clubs Power Plant und Power House, als sein Ruf als Produzent und Remixer 1987 längst in die Chefetagen der großen Plattenfirmen vorgedrungen war. Kurz nach der Gründung von Def Mix stieß Knuckles schließlich zu dem damals neu gegründeten und heute legendären Produktionsteam rund um Judy Weinstein, die Mitte der Siebziger bereits den Record-Pool „For The Record“ initiierte, und David Morales, einem weiteren wichtigen Namen in der Historie von House.

So begannen Knuckles und Co – später stießen auch noch Satoshi Tomiie und Hector Romero hinzu – vor 25 Jahren an House-Neubearbeitungen für bekannte Popgrößen wie Diana Ross, Chaka Khan oder En Vogue zu arbeiten. Ihr Remixstil, bekannt als „Def Classic Mix“, war dadurch gekennzeichnet, dass das ursprüngliche Arrangement eines jeden Songs weitestgehend bewahrt wurde, aber dafür mit Bedacht elektronische Klangkomponenten wie etwa tiefe Bassläufe, knackig-minimale Snares, Synthesizer-Strings und ausgedehnte Piano-Parts hinzugefügt wurden.

 

Frankie Knuckles, David Morales & Satoshi Tomiie

Frankie Knuckles, David Morales & Satoshi Tomiie

 

Frankie, 25 Jahre sind eine verdammt lange Zeit, was waren deine persönlichen Höhepunkte seit der Gründung von Def Mix?

25 Jahre ist eine Ewigkeit! Wir können uns alle glücklich schätzen, so weit gekommen zu sein. Aber für mich persönlich gab es zu viele Highlights, um sie alle zu nennen. Aber ganz sicher gehört die Zusammenarbeit mit Michael Jackson und seiner Schwester Janet sowie Luther Vandross oder Toni Braxton dazu. Natürlich auch der erste Grammy, den ich als Remixer des Jahres verliehen bekommen habe (1998, Anm. d. A.).

Ist denn abgesehen von ein paar Tourterminen irgendwas zum Def Mix-Jubiläum geplant? Vielleicht eine Mix-CD wie vor fünf Jahren?

Wenn, dann hat mir davon bisher keiner etwas erzählt. Ich bin üblicherweise der Letzte, der von solchen Sachen erfährt. Aber ich weiß, dass über eine Jubiläums- CD diskutiert wird – doch das ist noch lange nicht spruchreif.

Wie habt ihr denn damals überhaupt den „Def Classic Mix“ entwickelt? Was war die Idee dahinter?

Der Sound und Stil des „Classic Mix“ wurde Schritt für Schritt über viele Jahre entwickelt. Ich glaube, ich nannte unseren ersten Remix „Def Classic Mix“ („Ain’t Nobody“ von Chaka Khan, Anm. d. A.), weil ich dachte, dass wir den definitiven Mix für den Dancefloor produziert hatten. Und von Beginn an haben wir mit extrem talentierten Künstlern zusammengearbeitet. Sänger mit wirklich großen Stimmen. Wir alle fanden es notwendig, für diese großen Stimmen auch einen großen Sound zu kreieren.

 


Stream: Rufus & Chaka KhanAin’t Nobody (Hallucinogenic Version)

 

War es dann eine ganz bewusste Entscheidung, sich auch für den Mainstream zu öffnen, indem ihr Künstler wie die Pet Shop Boys, Janet Jackson oder Toni Braxton geremixt habt?

Gewissermaßen schon. Wir waren ein junges Produktionsteam und gingen unseren Weg im Business, wir mussten uns einfach offen für alles zeigen. Mit jedem Remix für jeden unbekannten Künstler steigerte sich unser Ansehen, das brachte den notwendigen Fokus auf unsere Arbeit, der uns dann auf die große Bühne mit all diesen Superstars brachte.

Wie habt ihr entschieden, welche Tracks geremixt werden? Und war es manchmal auch schwierig, einen Song zu remixen, weil er dich einfach nicht inspirierte?

Am Anfang haben wir einfach alles geremixt. Wir wollten als Team ja wachsen und musikalisch noch viel lernen. Das waren auf jeden Fall schwierige Zeiten und einige Projekte waren echt problematisch. Aber so gerne wir manchmal auch das Handtuch geschmissen hätten, es ging immer weiter. Mit jedem Remix galt es, eine weitere Lektion zu lernen.

 

Doch seine ersten Lektionen in Sachen House Music hatte Knuckles bereits in sehr jungen Jahren gelernt. Über seinen Freund Larry Levan kam er bereits als Teenager in Kontakt zur aufkeimenden New Yorker Disco- und Dance-Szene. Sie beide interessierten sich vor allem für die Disc-Jockeys, Frankie Knucklesetwa David Mancuso und seine Partyreihe The Loft, die in Mancusos Wohnung stattfand, und Knuckles erhielt im Juli 1972 im Continental Baths zum ersten Mal selbst die Gelegenheit, an den Plattentellern zu stehen. „Ich habe immer montags und dienstags gespielt, Larry dann Mittwoch bis Sonntag“, erzählt Knuckles im Interview von jener Zeit. „Häufig habe ich allerdings auch den Anfang für Larry gespielt, oder bevor er aufgestanden war – wenn er überhaupt irgendwann mal aufstand.“

Auch im Club Better Days war Knuckles zu jener Zeit schon gebucht, wo er für 50 Dollar pro Nacht auflegen durfte. Ein Jahr zuvor, Knuckles war gerade mal 16, ist seine Mutter verstorben. Doch er blieb nicht bei seinem Vater, der wenig später erneut heiratete, oder zog mit seiner Schwester zusammen, sondern suchte sich mit einem High-School-Freund eine gemeinsame Bleibe. Tagsüber arbeitete er bei der Kaufhauskette Bloomingdales in der Textilabteilung. „Ich dachte, das wäre der beste Platz, um mir mein Interesse für Design zu bewahren“, erinnert sich Knuckles.

Irgendwann durften Levan und er zudem Nicky Siano, der später Resident im New Yorker Studio 54 wurde, beim Vorbereiten der legendären The Gallery-Partys in Soho, Manhattan aushelfen. Sie waren unter anderem dafür verantwortlich, die Luftballons aufzupumpen und das Acid in den Punsch zu geben. Neben der Paradise Garage, in welcher Levan bald darauf Resident und weltberühmt werden sollte, war The Gallery der wohl wichtigste Club im New York der Siebziger. Siano war erst 18, als er mit seinem Bruder die Gallery eröffnete, die er nach dem Vorbild des Lofts gestaltete. Er war einer der Ersten, die Platten ineinander mixten und zu seinen ersten Bewunderern gehörten natürlich auch Levan und Knuckles. Die Gallery war zwischen 1972 und 1978 geöffnet, und während Mancuso auch gerne mal die Steve Miller Band oder einfach nur Regenwaldklänge auflegte, regierten bei Siano Soul und Funk. „Eine wahnsinnig verrückte Zeit“, erinnert sich Knuckles.

And In My House There Is Only House Music

1972 zog der New Yorker Robert Williams nach Chicago und eröffnet dort fünf Jahre später, im März 1977, in der 206 South Jefferson Street das Warehouse. Über Larry Levan, der Williams bereits abgesagt hatte, gelangte er an Knuckles und beauftragte ihn als Resident-DJ. Doch auch Knuckles zögerte zunächst: „In New York hatte ich nie Probleme mit Rassismus“, erklärt er, „doch ich hatte keine Ahnung, wie die Sache in Chicago aussehen würde.“ Nach drei Monaten und den ersten Nächten vor halbleerem Dancefloor im Warehouse zog er schließlich endgültig in die Windy City. Nicht zuletzt auch, um das Publikum der Stadt nicht nur im Warehouse, sondern auch in anderen Clubs von sich und seiner Vision zu überzeugen. „Ich fand heraus, dass ich mir auch anderswo einen Namen machen und den Leuten klarmachen musste, dass ich etwas ganz Spezielles machen würde.“

Das Spezielle an Knuckles‘ Auftritten war seine Mixtur aus alten Philly-Klassikern wie Harold Melvin, Billy Paul oder The O’Jays und Disco-Hits wie Martin Circus’ „Disco Circus“ oder importierter europäischer Popmusik von Bands wie Kraftwerk und Telex. „Als das Warehouse 1977 eröffnete, spielte ich vor allem East-Coast-Platten“, berichtet Knuckles. „Sachen aus Philadelphia, viel Salsoul, viel R&B, Disco. 1980, 81 hat sich das dann alles ein wenig abgenutzt. Also bin ich immer wieder nach New York gefahren und habe neue Platten nach Chicago mitgebracht. New York hatte schon damals seinen eigenen, speziellen Sound, der fehlte Chicago damals einfach …“

 

Als du Ende der Siebziger anfingst im Warehouse aufzulegen, sprach noch kein Mensch von „House“, oder?

Nein, das ging erst Anfang der Achtziger los, dass die Kids im Warehouse von „House Music“ sprachen. Der Club gab der Musik quasi seinen Namen. Eines Tages war ich mit dem Auto Richtung Süden unterwegs, um mein Patenkind zu besuchen. Ich stand an einer Ampel und sah an der Ecke diese Kneipe mit dem Schild „We Play House Music“. Ich fragte den Typen hinter der Bar, was es damit auf sich hat, und der meinte nur: „Wir spielen halt den Kram, den du im Warehouse auflegst.“ Dabei war das einfach nur mein Stil, die Platten auf eine neue Art zu spielen, weil das Publikum in Chicago noch nicht so weit wie die Leute in New York war. Es gab zwar viel guten Soul, aber ich musste die Platten für das Warehouse nach etwas Neuem klingen lassen, um den Dancefloor am Laufen zu halten, es gab einfach so wenig echte Dance Music! Ich nahm also die wirklich aufregenden Songs, änderte das Tempo und legte die Percussion einer Drum Maschine darüber, um die Songs mehr auf den Dancefloor anzupassen. Es gab dabei keinen Masterplan, ein neues Genre oder so zu erfinden. Als Disco für tot erklärt wurde, musste ich mir einfach was Neues einfallen lassen, um die Leute am Samstag wieder ins Warehouse zu locken. Der Laden hatte nur Samstag auf, der Sound musste also frisch bleiben.

 

„Es gab keinen Masterplan, um ein neues Genre wie House oder so zu erfinden. Als Disco für tot erklärt wurde, musste ich mir einfach etwas Neues einfallen lassen, um die Leute wieder ins Warehouse zu locken.“

 

Wie kann man sich das Warehouse in dieser Zeit ungefähr vorstellen?

Für einige Leute war es eine Art Kirche, eine eigene Religion. Wie gesagt, die Partys fanden nur Samstag, Sonntagvormittag und manchmal bis zum späten Nachmittag statt. In erster Linie waren dort Schwarze und Latinos, überwiegend Schwule, die meisten von ihnen zwischen 18 und 35. Es war sehr exzessiv, ja, schon fast spirituell. Am Anfang, so zwischen 1977 und 1980, 81 waren die Partys wirklich intensiv, ich meine, sie waren immer intensiv, aber das Gefühl dieser Zeit war einfach echt und unverfälscht. Vieles davon änderte sich dann aber ein bis zwei Jahre später, weshalb ich das Warehouse auch verlassen habe. Es gab dann mehr und mehr eher hartgesottene Heteros, die auch auf die Partys wollten, aber einfach keinen Respekt für den Spirit des Clubs hatten.

Von den siebziger Jahren bis heute hast du sämtliche Phasen von House miterlebt. Welche davon war für dich persönlich die beste?

Definitiv die Zeit zwischen 1990 und 1997. Die Songs waren noch immer wichtig für den Dancefloor, und der Produktionsprozess entscheidend. Es war einfach ein gemeinschaftliches Ding damals. Heutzutage wird die meiste „House Music“ von einem einzelnen Typen in seinem Schlafzimmer mit einem Ableton Live oder Pro Tools Setup produziert. Der Nervenkitzel, mit einem kompletten Team von Soundingenieuren, Tonassistenten und anderen Leuten in einem professionellen Studio zu arbeiten und eine großartige Idee zum Leben zu erwecken, ist etwas Fantastisches, das leider immer mehr verschwindet.

 

„Heute wird House alleine im Schlafzimmer mit dem Laptop produziert. Aber die Teamarbeit in einem professionellen Studio ist etwas Fantastisches, das leider immer mehr verschwindet.“

 

Ab 1980 wurde „House“ zum Schlagwort für die rauen, auf Drum Machines basierenden Edits und Tracks, die Knuckles in Chicago spielte. Seine erste Roland TR-909 kaufte er dem damals noch jungen Derrick May ab, der regelmäßig von Detroit nach Chicago fuhr, um den „Godfather Of House“ im Warehouse zu erleben. Ein Titel, den sich Knuckles allenfalls mit seinem Freund Larry Levan teilen muss, dessen Künste an den Turntables und Auftritte in der Paradise Garage ihm zu jener Zeit ebenfalls den Ruf eingebracht haben, die Wurzeln moderner Clubmusik wesentlich mit entwickelt zu haben.

Gespaltene Lager, krumme Deals

Aufgrund „kreativer Differenzen“ – was bekanntlich alles und nichts heißen kann – verließ Knuckles 1982 schließlich das Warehouse. Als einen Grund neben dem Publikumswandel nennt er eine gewissen Stagnation, die sich im Club breit machte. Doch Knuckles ging es schon immer um ein Wachsen mit der Musik, weshalb er wenig später mit dem Power Plant seinen eigenen Club in Chicago eröffnete. Mit dem Weggang von Knuckles wurde aus dem Warehouse schließlich die ebenfalls legendäre Music Box, die aber auch nur einen kurzen Frühling erlebte, und mit Ron Hardy einen weiteren wichtigen House-Pionier als Resident hinter den Decks stehen hatte. Hardy spielte einen wesentlich härteren, weitaus perkussiveren Sound als Knuckles. Mit einer wahnsinnigen Energie mixte er alles von Philly-Classics, Italo-Disco-Importen bis zu New Wave, Disco und Rock-Tracks. Außerdem pitchte er die Platten viel höher als Knuckles, Derrick May etwa erinnert sich daran, wie einmal Stevie Wonder von Hardy auf +8 durch das höllisch laute Soundsystem der Music Box gejagt wurde. Oder wie Bill Brewster einmal schrieb: „Wenn Frankie Knuckles der Godfather Of House ist, dann war Ron Hardy sein Baron Frankenstein.“

Knuckles hatte währenddessen mit dem Power Plant, seinem ersten eigenen Club, endlich die volle Kontrolle über Soundsystem, Deko und Lichtanlage. Regelmäßige Gäste im Power Plant waren unter anderem Marshall Jefferson und Larry Heard. Doch das Publikum von Chicago hatte sich inzwischen in zwei Lager gespaltet: Die Leute, die wirklich wilde, laute Musik mochten, gingen in die Music Box. Wer auf sehr guten Sound und eine weniger exzessive Stimmung stand, der folgte Knuckles ins Power Plant. Drei Jahre konnte er den Club am Laufen halten, bis Mitte der Achtziger Hip-Hop die House-Szene verdrängte. 1986 schloss das Power Plant schließlich. Doch Knuckles versuchte es ein Jahr später erneut und eröffnete das Power House, welches jedoch durch die Behörden schnell wieder geschlossen wurde. Von da an widmete sich Knuckles nach 15 Jahren hinter den Turntables zusehends eigenen Produktionen. So nahm ihn Irwin Larry Eberhart II alias Chip E. unter seine Aufsicht und produzierte mit ihm gemeinsam Knuckles erste Platte „You Can’t Hide“, welche auch den Sänger Ricky Dillard featured. Bereits zuvor testete Knuckles eigene Tracks im Power Plant und arbeitete zu jener Zeit auch mit Jamie Principle zusammen, dem er dazu verhalf, seine Tracks „Your Love“ und „Baby Wants To Ride“ auf Vinyl zu veröffentlichen, nachdem sie bereits etliche Male in den DJ-Sets von Knuckles im Reel-to-Reel-Player ihre Runden drehten.

 


Stream: Frankie Knuckles & Jamie PrincipleBaby Wants To Ride

 

„Ich habe ‚Baby Wants To Ride‘ an Trax verkauft, weil sie mir einen Haufen Kohle dafür geboten haben. Später war ich gerade auf Tour in England, spielte unter anderem im Delirium. Während ich dort war, fand Rocky Jones von DJ International, bei dem ich als Künstler gesigned war, heraus, dass ich „Baby Wants To Ride“ an Larry (Sherman, Mitgründer von Trax, Anm. d. A.) verkauft habe. Er wusste, dass ich eine Kopie davon im meinem Büro habe, also ist er da eingebrochen, hat sich das Ding geschnappt und es noch mal selbst herausgebracht. Echt verrückt, und so ging auch dieser ganze Streit los. Auf jeden Fall war ich bei Rocky ja nur als Künstler, nicht als Produzent unter Vertrag. Larry hat ihn dann verklagt und gewonnen, das ganze wurde ein Präzedenzfall im amerikanischen Musikrecht.“

Noch schwerwiegender war aber die Tatsache, dass Jamie Principle von all dem nichts wusste, und Knuckles hinter seinem Rücken gleich mehrere Tracks an zwei Labels verkaufte. Die Versionen auf Trax sowie die Lizensierungen für Großbritannien, Belgien und weitere Länder nennen lediglich Knuckles als Autor des Tracks, nur einige Versionen haben im Kleingedruckten auch Principle als Urheber stehen. Der distanzierte sich daraufhin von Knuckles und produzierte als Antwort den Disstrack „Knucklehead“ – zu Deutsch: Schwachkopf. Obwohl die frühe House-Szene oft mafiaähnliche Geschäftspraktiken aufwies, war Knuckles nach dieser Aktion erst einmal unerwünscht in Chicago und zog 1987 nach viermonatiger Residency im Delirium in Großbritannien schließlich wieder zurück nach New York.

Obwohl House inzwischen international erfolgreich war, dauerte es lange Zeit, bis die Major-Labels nicht mehr nur wegen Remixaufträgen an Knuckles’ Haustür anklopften. So folgte nach zahllosen Neubearbeitungen großer Hits erst 1991 ein Vertrag bei Virgin, wo Knuckles sein Debütalbum Beyond The Mix veröffentlichte. Und obwohl die Singles „Rainfalls“, „Workout“ oder „The Whistle Song“ – der inzwischen in zahlreichen Remixen und Neubearbeitungen, zuletzt im Oktober 2012 auf Nocturnal Groove, wiederveröffentlicht wurde – allesamt hoch in die Dance-Charts einstiegen, gelang es ihm mit dem Album nicht, Fans von Pop und R&B von seiner ganz eigenen Musik zu begeistern.

Doch seinem Erfolg als Remixer tat das keinen Abbruch. Während der gesamten neunziger Jahre bearbeitete er alleine oder gemeinsam mit Def Mix Songs von Madonna bis Michael Jackson neu. Zudem hatte Knuckles auch in seiner Heimatstadt New York wieder eine erfolgreiche Residency inne, nachdem Junior Vasquez eine Auszeit von der Sound Factory in Manhattan nahm. Als der zurückkam, wurde Knuckles schließlich Resident in der Sound Factory Bar.

Comeback wider Willen

Es gibt nicht vieles, was Knuckles nach vierzig Jahren DJ- und Produzentenarbeit und in seiner Rolle als „Godfather Of House“ nicht erlebt hätte. Seine Musik ist in Videospielen wie Grand Theft Auto zu hören, und im Jahr 2004 benannte Chicago die Straße, an der das Warehouse lag, in „Frankie Knuckles Way“ um. Barack Obama, von 2005 bis 2008 noch Junior Senator für Illinois, meinte damals zu Knuckles: „Wow, du bist viel bekannter in Chicago, als ich es geahnt hätte.“ Doch der gebürtige New Yorker gibt sich angesprochen auf diese Anekdote bescheiden: „Das war natürlich eine große Ehre, schließlich ist Obamas Job viel anstrengender als meiner!“ 2005 wurde Knuckles in die Dance Music Hall Of Fame für seine Leistungen als DJ aufgenommen. Doch bereits nach seinem Grammy-Gewinn 1997 als bester Remixer hängte er die Musikproduktion erst einmal an den Nagel. „Ende der Neunziger wurden Hard House, Trance und Techno immer größer, ich fand einfach keine Inspiration mehr, um neue Musik zu machen. Also ging ich auf Tour, dort wollte ich bleiben, bis sich die Dinge besserten. Keiner schien sich mehr für mich als Produzent zu interessieren – zumindest dachte ich das.“

Vor zwölf Jahren brach sich Knuckles beim Snowboarden in der Schweiz den rechten Fuß. Ein Arzt sagte ihm, um seinen Fuß zu retten, müsse Knuckles mindestens ein Jahr Pause eingelegen, doch das konnte er sich nicht leisten. So entwickelte sich in all den Jahren aus einem einfachen Bruch eine gefährliche Knochenmarkentzündung. Im Juli 2008 schließlich musste der Fuß amputiert werden. „Ich wusste, ich muss da durch, und als der Fuß weg war, habe ich geweint wie lange nicht mehr“, erinnert sich Knuckles an die Folgen der Operation. „Doch schon am nächsten Morgen ging es mir sehr viel besser, mir war gar nicht bewusst, wie viel Schmerzen mir der Fuß zuvor bereitet hat, es war, als wenn plötzlich wieder die Sonne aufging.“

 


Stream: Hercules & Love AffairBlind (Frankie Knuckles Remix)

 

Die kam auch in der Musik wieder zurück in sein Leben. Denn bereits vor der OP bat Andy Butler von Hercules & Love Affair Knuckles um einen „Def Classic Mix“ seines Tracks „Blind“. „Ich dachte, sie machen Witze, keiner spielte mehr diesen Sound, also lehnte ich ab. Doch sie blieben hartnäckig. Als ich dann krank wurde, sagte Andy, sie würden so lange warten, bis es mir wieder besser geht. Also fragten sie mich wieder und wieder, bis ich irgendwann zusagen musste.“ Gemeinsam mit Eric Kupper produzierte Knuckles schließlich einen Remix von „Blind“ samt der divengleichen Stimme von Antony Hegarty, der ein großer Erfolg wurde. „Ich war gerade auf Tour in Griechenland, als die Platte rauskam. Ich wusste nicht mal, dass sie schon erschienen ist, aber jeder fragte mich danach. Ich war total beeindruckt! Eine lange Geschichte, doch kurz zusammengefasst muss ich Hercules & Love Affair dafür danken, dass sie mich zu meiner ersten Liebe zurückgebracht haben. Besser gesagt, nicht zu meiner ersten – sondern meiner wahren Liebe!“

 


 

Drei Klassiker von Frankie Knuckles:

 

Your LoveYour Love (Trax, 1987)

Ursprünglich stammt „Your Love“ (wie auch „Baby Wants To Ride“, die B-Seite dieser Trax-Single von 1987) aus der Feder von Jamie Principle. Seine Version erschien ein Jahr zuvor auf dem Independent-Label Persona Records und wurde bereits ab 1984 von Reel-to-Reel-Tapes und Vinylacetaten in den Clubs von Chicago gespielt. Unter anderem im Power Plant von Frankie Knuckles, dessen Neuaufnahme des Songs so umstritten wie dennoch erfolgreich war und zum Houseklassiker wurde. Die sehnsüchtigen Arpeggios und eindringlichen Vocals Principles beeinflussten sogar Indiebands wie Animal Collective, die sich für „My Girls“ die Synthmelodie bei „Your Love“ liehen.

 

The Whistle SongThe Whistle Song (Virgin, 1991)

1991 erschien Frankie Knuckles’ Debütalbum Beyond The Mix, das seinen bis heute größten Hit enthält: „The Whistle Song“. Der Track war nicht nur ein Nummereins-Erfolg, sondern dafür auch erstaunlich simpel gestrickt: Ein einfacher Housebeat und eine einprägsame Flötenmelodie zum Mitpfeifen, mehr braucht es manchmal nicht. Kein monströser Synth, keine repetitiven Vocals, kein ausufernder Drop, nichts von alledem ist im „Whistle Song“ zu hören. Das ändert sich auch im „Directors Cut“ von 2012 nicht, für den sich Knuckles Eric Kupper zur Unterstützung ins Studio holte. Wer diese Melodie einmal gehört hat, kriegt sie garantiert so schnell nicht wieder aus dem Kopf.

 

Hercules & Love Affair - BlindHercules & Love AffairBlind (Frankie Knuckles Dub) (DFA, 2008)

Schon im Original war „Blind“ 2008 ein großer Erfolg, doch Andy Butler von Hercules & Love Affair wollte unbedingt auch einen Frankie Knuckles-Remix für die Single-Auskoppelung haben. Knuckles, der zur jener Zeit fast nur noch als DJ unterwegs war, lehnte Butlers Anfrage zunächst ab, weil er nicht glauben konnte, dass sich noch jemand für seinen Sound interessiert. Zum Glück ließ er sich aber doch noch überreden, denn sein Remix von „Blind“, aufgenommen im klassichen Def-Mix-Stil, wurde zu einem der Tracks des Jahres. Und Knuckles begann endlich wieder verstärkt an eigener Musik zu arbeiten.