Natürlich wäre es ein selbstüberschätztes Unding an Prätention gewesen, hätte Phillip Sollmann sein drittes Album schlicht Detroit genannt. Oder doch konsequent? Immerhin führte der Vorgänger Chicago ebenfalls leicht in die Irre: Denn weder goss der Titel (oder die Musik) Öl in die Retro-Debatte noch steht Efdemin per se unter Verdacht, die von Derrida aufgestellte und von Mark Fisher und Simon Reynolds vertretene Hauntology-These zu verifizieren. Der Wink Richtung House-Mekka war schlichtweg als Punkt gedacht, von dem aus Efdemin seine organische Soundästhetik entwickelt. Eine Inspiration sicher, aber keinesfalls alleinige Referenz.

Decay begibt sich in eine andere semantische Nische: Zerfall, Verwesung, Ruin. Ob etwa die Tristesse in der Motor City gemeint sein könnte oder der offensichtliche Kontrast zwischen dem schnelllebigen Westen und der unberührten Natur im japanischen Kyoto, wo sein drittes Album entstand, darf offen bleiben. Sollmann setzt weiterhin auf Sample-basierte Anmut, minimale Bauweise und entzückende Detailliebe, und baut obendrein sein Interesse an Drones und hiebfesten Club-Tracks weiter aus.

Decay ist ein Technoalbum, das Efdemins transatlantische Spurensuche weiterführt. Und selbst wenn der Stempel allmählich ramponiert sein dürfte, es ist ein verdammt deepes Album. Der Opener mit dem wundervollen Titel „Some Kind Of Up And Down Yes“ integriert nicht nur ein Wer-Bin-Ich-Spiel mit Salvador Dalí, sondern leitet mit distanzierter Aura zehn wundervolle Stücke ein. Darunter finden sich mit „Parallaxis“ und „Solaris“ zwei Tracks, die nicht nur durch die offensichtliche Wortwahl an Jeff Mills und sein From The 21st erinnern. Gerade „Solaris“ entpuppt sich mit seinen hypnotisch umherschwirrenden Sounds beinahe als Rework des Meisters. Das Titelstück hinterlässt seine Visitenkarte nicht nur in Köln, sondern verdeutlicht, dass dieses Album keineswegs nur in der Listening-Schublade landen wird. Während „Subatomic“ mit seinem atmosphärischen Kometenschweif sowohl Futurismus als auch Dub Techno zusammendenkt, verwandeln sich die feisten Claps auf „Track 93“ zu einer House-Idee, die Moodymann im Subtext als Inspiration ausweist. Ob das HipHop-infizierte „The Meadow“, die Glühwürmer von „Transducer“ oder das Outro, das den Kreis zum Opener schließt und durchaus als Ode für haptische Tonträger gehört werden kann – Efdemin wird den Inner Circle der fantastischen Produzenten auch mit Decay nicht verlassen. Sollmann ist und bleibt Dials Vorzeige-Connaisseur.

 


Video: EfdeminThe Meadow

  • Kaiser

    Das nenne ich mal eine richtige gute Review!

  • Kai

    Das Album läuft seit einer Woche auf Dauerrotation und ist immer noch nicht langweilig, ganz großer Wurf!