Fotos: Daniel Fersch, Marco Microbi

Im großen Saal des Hauses der Kulturen der Welt im Berliner Tiergarten lud am vergangenen Freitag im Rahmen des CTM-Festivals ein weißer Hase zum Besuch von Dinos‘ Wunderland ein. Das Tier (oder besser der Mann im Tierkostüm) gehörte zum visuellen Teil des Auftritts von Dinos Chapman, der gemeinsam mit seinem Bruder Jake in den vergangenen zwei Jahrzehnten als schreckliches Geschwister-Duo der britischen Gegenwartskunst bekannt wurde. Ihren Ruf als Provokateure vom Dienst erarbeiteten sich die Chapman-Brüder hauptsächlich mit der raumgreifenden Installation „Hell“, die aus mehreren in Hakenkreuz-Form angeordneten Schaukästen besteht, in denen tausende Miniatur-Figuren – die meisten von ihnen in SS-Uniformen – sich gegenseitig blutig niedermetzeln. Wenn sie nicht an solchen ultra-detaillierten Horror-Tableaus arbeiteten, verpassten die Chapmans gerne Schaufensterpuppen Genitalien an die Stelle von Nasen und Mündern („Fuckface“) oder kreuzigten kurzerhand das Fast-Food-Maskottchen Ronald McDonald.

In Berlin präsentierte sich der ältere Chapman-Bruder von einer anderen Seite: Zur Aufführung kam eine audiovisuelle Live-Version seines Debüts als Musiker, dem im vergangenen Jahr erschienenen Album Luftbobler. Die Platte, ließ Chapman vor Beginn des Auftritts durch den CTM-Co-Kurator Remco Schuurbiers mitteilen, sei das Produkt von „fünfzehn Jahren schlafloser Nächte“, in denen er seine Leidenschaft für Techno verarbeitete. Der musikalische Teil des Abend bestand aus durchaus gefälligen, aber wenig spektakulären Referenzen an britischen Bleep-Techno und Electronica in Warp-Tradition. Chapman ergänzte die Aufführung durch Projektionen auf drei gigantische Leinwände. In verwaschenen, mit Farbfiltern überlagerten Filmaufnahmen war der Künstler selbst im Hasenkostüm zu sehen, durch Felder und Gärten stolpernd, die immer mehr zu einer apokalyptischen Landschaft mutierten. Der weiße Hase, Türöffner zur Fantasiewelt in Lewis Carrolls Alice im Wunderland, gerät in Chapmans Video unter anderem in den Ziellaser eines Scharfschützen, posiert mit einem Jagdgewehr und trifft den Tod (Chapman mit Totenkopfmaske) höchstpersönlich. Auch bei seinem Solo-Projekt kann Chapman offensichtlich nicht ohne plakative Bilder.

Manche der Zuschauer und Zuschauerinnen konnten mit dieser teilweise sehr prätentiösen Performance nichts anfangen und verließen schon kurz nach ihrem Beginn den Saal. Im Kontext des gesamten Festivals gesehen gab Chapmans Auftritt gerade wegen seiner künstlerischen Ambivalenz aber ein gutes Beispiel für die gelungene Umsetzung des diesjährigen CTM-Themas ab. In den fünfzehn Jahren des Bestehens des Festivals gelang es den Machern nicht immer, einen überzeugenden Zusammenhang zwischen dem theoretischen Überbau und dem eigentlichen Programm herzustellen. Unter dem Motto „Dis/Continuity“ zeigte die 2014er-Ausgabe jedoch erfolgreich jene oft wenig offensichtlichen Bruch- und Verbindungslinien auf, die von den Kuratoren zuvor postuliert wurden – sei es nun innerhalb des Werkes eines Künstlers wie im Fall von Dinos Chapman, oder zwischen ganzen Epochen und Musikstilen.

 

Owen Roberts Ensemble (Foto: Marco Microbi)

Owen Roberts Ensemble (Foto: Marco Microbi)

 

So widmete sich etwa eine der beiden Auftragsarbeiten, die in diesem Jahr erstmals vom CTM ausgeschrieben wurden, der Verbindung von Neuer Musik und Techno. Der junge Komponist Owen Roberts ließ sich von Edgar Varèses Hyperprism aus dem Jahr 1923 inspirieren und versuchte auf der Grundlage von Varèses Klangideen ein Techno-Stück für Kammerorchester zu kreieren. Aufgeführt wurde Recycled Hyperprism Plastik for Amplified Chamber Ensemble von sieben Musikern an klassischen Streich- und Blasinstrumenten, zwei Schlagzeugern und einem Ensemblemitglied an Laptop und Mischpult. Roberts setzte die klassischen Instrumente dabei mit Hilfe von Mikrofonen auch als Quellen für Geräusche ein, die zur Grundlage des Grooves wurden: Die Bögen der Streicher schlugen auf die Körper der Instrumente, die Bläser schmatzten in ihre Mundstücke oder klapperten mit ihren Tasten und Ventilen. Schade nur dass einige subtilere Passagen des Ensemble-Spiels bei der Verstärkung über die Berghain-Anlage unter den dröhnenden Beats der Schlagzeuger versanken.

Die CTM-Ausstellung, die sich in diesem Jahr der wenig bekannten Lärm-Avantgarde der frühen Sowjetunion widmete, brachte erstaunliche Erkenntnisse. In einem der Räume standen nachgebaute, rudimentäre Instrumente aus Holz und Blech, die in den zwanziger Jahren am Moskauer Kunsttheater bei Inszenierungen des Theaterreformers Konstantin Stanislawski zum Einsatz kamen. An diesen konnte sich das Publikum selbst ausprobieren: Der durch das vielköpfige Klappern und Trommeln entstehende Krach formte sich dabei wie von Geisterhand in einen einheitlichen Rhythmus, der bei der Eröffnung der Ausstellung den ganzen Abend über anhielt.

 

Moritz von Oswald Trio & Tony Allen (Foto: Marco Microbi)

Moritz von Oswald Trio & Tony Allen (Foto: Marco Microbi)

 

Auch die beiden Grandseigneurs des Berliner Techno, Moritz von Oswald und Mark Ernestus, setzten bei dem Festival ihre Rhythmus-Forschungen fort. Seit beide nicht mehr gemeinsam als Basic Channel oder Rhythm & Sound aktiv sind, widmen sie sich diesem Thema auf unterschiedliche Art und Weise. Von Oswald lud aus Anlass des CTM erstmals den legendären Drummer Tony Allen dazu ein, mit seinem Modular-Synthesizer- und Laptop-Trio zu spielen. Nach anfänglichen Schwierigkeiten ergab sich bei ihrem Auftritt im Berghain eine organische Symbiose aus Techno und Afrobeat. Ernestus brachte die von ihm protegierte westafrikanische Band Jeri-Jeri nach Berlin, die den leeren Pool des Stattbads mit polyrhythmischen Mbalax-Hochgeschwindigkeits-Beats füllte. An die Intensität dieses Auftritts knüpfte anschließend der Rhythmus-Zauberer des Avantgarde-Techno, Shackleton, nahtlos an. Neben diesen erwähnten Auftritten gab es noch zahlreiche weitere Programmteile, die dem Thema „Dis/Continuity“ interessante Aspekte hinzufügten. Auf diese Weise leistete das CTM-Festival gerade in Zeiten der großen Old-School-Wellen in House und Techno einen wertvollen Beitrag zur Diskussion um das Phänomen der „Retromania“.