Theoretisch ist die Kompaktkassette seit über drei Jahren tot, denn im Juli 2010 beendete Pallas aus Niedersachsen, damals noch eine der letzten großen MC-Manufakturen, ihre Produktion. Doch in der Praxis sieht wie immer alles anders aus: Das Tape wird fünfzig Jahre alt (1963 präsentierte Philips die erste Kompaktkassette samt Rekorder) und dreht noch immer munter seine Runden. Nicht zuletzt dank immer mehr DIY-Labels, die auch im elektronischen Musikbereich auf den haptischen wie klanglichen Charme und die ökonomischen Vorteile, also geringen Produktionskosten bei sehr kleinen wie größeren Auflagen, des Magnetbands setzen. Auch 2013 haben viele von ihnen wieder fantastische Musik veröffentlicht – hier zehn der besten Tapes aus dem vergangenen Jahr:

 

SilfSilfSilf EP (Farbwechsel)

Die beiden Budapester Balint Zalkai (Alpár) und Martin Mikolai (Stephan Olbricht) gründeten 2012 nicht nur gemeinsam das Tape-Imprint Farbwechsel, sondern bilden zusammen aus das Duo Silf, verantwortlich für Katalognummer zwei des noch jungen Labels aus Ungarn. Auf dessen typografisch stets ansprechend gestalteten und handnummerierten Kassetten pendelt der Sound zwischen abstrakter Electronica, schnörkellosem House, analogen Techno-Stampfern oder sogar HipHop und Jazz. Und zur grandiosen Musik gibt es bei Farbwechsel stets einen (mittlerweile fast schon obligatorischen) Download-Code und häufig auch Poster obendrauf.

 

Federsen - Voodoo GourdsFedersenVoodoo Gourds (No Corner)

Im Dub Techno rauscht und knistert es ohnehin an allen Enden, wieso also nicht auch auf Tape? Mit neunzig Minuten Spielzeit bietet das zudem genug Platz für endlos (viele) rollende Bässe in den Weiten des Hallraums. So wie bei Federsen, dem Produzenten aus San Francisco, der bereits bei Labels wie Thinner oder Silent Season veröffentlichte und auf Voodoo Gourds in einem wunderschön hellblauen gesprenkelten Plastikgehäuse einen Mix aus seinen bislang besten Tracks (A) sowie komplett neuem Material (B) präsentiert.

 

Erdbeerschnitzel - Drive-By-SmoothingErdbeerschnitzelDrive-By-Smoothing (Camp Magnetics)

Während Erdbeerschnitzel mit seinem Namen zunächst vor allem für Gekicher sorgte, sind es inzwischen seine Tracks, die House-Heads schwärmen und Labels wie Delsin, 3rd Strike oder das Kölner Tape-only-Imprint Camp Magnetics (mitbegründet von Groove-Autor Sebastian Ingenhoff) aufhorchen lassen. Auf Letzterem veröffentlichte Erdbeerschnitzel 2013 ein auf siebzig Stück limitiertes Tape voll ambienter Kleinode, smooth groovender Synthie-Abfahrten und Sample-schwangerem Discohouse.

 

Devonwho - Perfect StrangersDevonwhoPerfect Strangers (Dropping Gems)

Bereits im Sommer 2012 erschienen zwei Bündel Beats von Devonwho unter dem Titel Perfect Strangers im digitalen Selbstvertrieb. Doch erst ein Jahr später gab es die Tracks auch als komplettes Album, erweitert um einige Remixe auf dem aus dem Portland (Oregon) stammenden DIY-Label Dropping Gems zu hören. Obwohl er in San Francisco lebt, wird Devonwho wohl am häufigsten mit der LA-Beatszene rund um das Brainfeeder-Label und den Low End Theory-Partys assoziert – wieso, das machen seine entspannt bouncenden Releases auf All City Records, Fat City oder eben Dropping Gems deutlich.

 

Karen Gwyer - Kiki The WormholeKaren GwyerKiki The Wormhole (Opal Tapes)

Die in London lebende Produzentin Karen Gwyer hat 2013 neben dem fantastischen Needs Continuum auf No Pain In Pop auch noch ein weiteres Album via Opal Tapes, einem der in jüngster Zeit meistgehypten Label in Sachen Tape-Releases, herausgebracht. Das heißt Kiki The Wormhole und spannt mittels gerade einmal drei, dafür aber sehr langen Tracks einen Bogen von esoterischem Ambient über kosmischer Electronica bis hin zu avantgardistischem House. Die besten Opal Tape-Releases erscheinen übrigens immer wieder auch auf Vinyl – dieses hier hätte es auch verdient.

 

The Siege Of TroyThe Siege Of TroyThe Siege Of Troy (Ominira)

Lange war es angekündigt – und dann, einmal veröffentlicht, schon wieder ganz schnell weg. Die Rede ist vom The Siege Of Troy-Release auf Ominira, das Kassem Mosse selbst als „Jacknoise, dubbed on tape“ beschrieb und in Auszügen auch auf 7-Inch erschien. Während sich der Leipziger unter seinem Hauptalias eher clubkompatiblem Material widmet, gibt es hier vor allem vertrackte Beats, verzerrte Synthesizer und analoges Rauschen für Fans von Miles, PAN oder den experimentelleren Releases auf The Trilogy Tapes zu hören.

 

BIRK.001DiverseBIRK.001 (Birkhouse)

Auf dem Debüt-Release des DIY-Labels Birkhouse Recordings gibt es elf Tracks von knisternder Electronica über Jazz-Breaks bis hin zu melodiebeladenem Retro-House zu hören. Die Künstler darauf heißen Blue Cube, Shay, Loftmind, Leopold oder Curt – allesamt bislang wenig bis gar nicht bekannt. Auch dieses Tape hat dank seiner geringen Auflage von gerade einmal 100 Stück nicht viel daran geändert, wenn auch die Musik allemal das Zeug dazu hätte. Wieder mal so ein überhörtes Liebhaber-Ding. Mit fantastischem Artwork noch dazu.

 

Bass Clef - Acid TractsBass ClefAcid Tracts (Magic + Dreams)

In ihrem Lo-Fi-Charme sind die sechs Tracks auf der „Acid Tracts E.P.“ (die mit einer Stunde Laufzeit auch durchaus als Album hätte bezeichnet werden können) natürlich wie gemacht für das Format Kassette. Minimaler Acid trifft hier auf pulsierende Grooves und abstrakten House samt genug Mut zum Experiment und der Bass Clef eigenen, teils auch sperrigen Handschrift. Große EP, der in ihrer ganzen Klasse auch ein Vinyl-Release gut zu Gesicht gestanden hätte.

 

Ferro #01DiverseFerro #01 (Ferro)

2013 war auch das Geburtsjahr des Tape-Only-Labels Ferro aus Berlin und Köln, das sich auf bislang zwei Releases so deepen wie dubbigem Techno widmet. Verpackt in tollem Artwork von Alex Ketzer, der auch für das Beyond Plastic-Projekt verantwortlich zeichnet, sind auf den Tapes vor allem Tracks eher unbekannter, dafür aber internationaler Produzenten zu finden, die bislang (wie etwa Basicnoise, Am.Light oder Zzzzra) vor allem auf Netlabels von sich Reden machten.

 

Demdike Stare - Post CollapseDemdike StarePost Collapse (Demdike Stare)

In den vergangenen Monaten waren Demdike Stare nicht nur mit ihrer Test Pressings-Reihe schwer beschäftigt, sondern veröffentlichten mit The Weight Of Culture und Post Collapse auch gleich zwei neue Mixtapes auf ihrem eigenen Label samt düster-schönem Artwork von Alex Solman. Ebenso düster die Musik darauf: Film-Soundtracks, Library-Sounds, Jazz-Obskuritäten und jede Menge psychedelisches Abstraktes. Keine leichte, aber doch anhaltende Kost.