Fotos: Steffen Weiss (oben), David Kallen

„Musik ist im Kontext ihrer Entstehung zu betrachten“ – schon auf dem Eröffnungspanel der diesjährigen Berlin Music Days am Mittwoch, den 6. November, im Watergate traf dieser Ausspruch den Kern doch ziemlich genau. „Festival aus der Szene für die Szene“ nannten die Initiatoren die fünftägige Veranstaltung, die neben Partys auch aus einem „LAB“ getauften Kongress bestand. Doch sehr schnell wurde deutlich: Die Szene befindet sich im Wandel. Berliner Clubs ächzen unter dem Besucherandrang, der Wert von Musik verliert an Bedeutung und auch die omnipräsente Genderfrage steht 2013 stärker denn je im Fokus. Offene Fragen, die auf spannende Diskussionsrunden hoffen ließen. Interessant zu beobachten war dabei der relativ hohe Anteil junger Menschen auf den Panel-Veranstaltungen. Eine Generation, der man wahrscheinlich zu unrecht blind-exzessive Partylüsternheit nachsagt, sensibilisiert sich zunehmend. Ein positiver und wichtiger Trend, vor allem für eine nachhaltige Kulturentwicklung. Denn noch sind es die älteren Gründergenerationen, die beim BerMuDa–LAB ihre Erfahrungen weitergeben.

Wie im Vorfeld bereits angekündigt, haben sich BerMuDa und das FLY-Festival in diesem Jahr voneinander entkoppelt. Mit kleineren Open-Air Veranstaltungen im Sommer ist das FLY Festival im Vergleich zu den Vorjahren etwas geschrumpft. Die BerMuDa-Macher verzichteten auf die große Abschlusssause im Flughafen Tempelhof und erweiterten den Wirkungsradius andersartig. Neben den bekannten LAB-Diskussionen wurden in diesem Jahr auch Konzerte und Lesungen ausgetragen. Auch die De:Bug-Musiktechniktage boten ein reichhaltiges Programm. Trotz dieses umfangreichen Katalogs versuchten die Organisatoren unabhängig von Großsponsoren zu bleiben und Authentizität zu bewahren.

 

De:Bug-Musiktechniktage (Foto: David Kallen)

Circuit Bending bei den De:Bug-Musiktechniktagen (Foto: David Kallen)

 

Natürlich stehen die Berlin Music Days selbstredend ganz im Zeichen der Musik. Die Differenzierung zwischen Kunst und Ware fällt bei Musik allerdings zunehmend schwerer. Eines der zentralen Themen, das sich durch die vielen Panels zog, war demnach die Frage nach dem Wert von Musik. Wo fängt man da nur an? Worte wie GEMA und Kulturförderung hat ja jeder schon gehört, aber wer steigt so wirklich dahinter?

Die Frage nach alternativen Musikverwertungssystemen hat nunmehr seit beinahe zwei Jahren, als die GEMA also zum ersten Mal von neuen Tarifbestimmungen sprach, an Relevanz gewonnen. Intransparenz im Finanzfluss von Musikverwertung und Gewinnausschüttung stellt für viele Künstler und Labels tatsächlich ein großes Problem dar. Olaf Möller von der Berliner Club Commission präsentiert auf dem GEMA-Panel gute Ansätze, wie ein speziell auf den Clubbereich angepasstes Verwertungssystem technologisch aussehen könnte.

In der Eröffnungsdiskussion der BerMuDa beleuchtete man indes die Frage nach dem Wert von Musik und Kultur aus einer etwas anderen Perspektive. Vor allem die Gewichtungen staatlicher Kulturfördergelder zwischen Popkultur und Hochkultur wurden problematisiert. Steffen Hack, Mitbegründer des Watergates verschärfte die Kritik an den veralteten Denkstrukturen im Kulturhaushalt weiter. Laut Hack versucht Berlin trügerischerweise eine (Sub-)Kultur zu fördern, der man in den letzten zehn Jahren vor allem das wichtigste genommen hatte – Räume. Die Frage nach dem Wert von Kultur und deren Förderung verlaufe in Berlins Stadtmarketing also im Sand.

„Würde da jemand kommen und am Flughafen einen Großrave veranstalten, würde die Stadt sagen: Auf dich haben wir gewartet!“ sagte Hack am Freitag auf dem „Techno-Tourismus“-Panel. Easyjetset, Techno-Tourismus oder Ballermanisierung – man mag es nennen wie man will, aber die Stadt Berlin grinst über einen derart hohen Touristenzulauf, worunter viele Clubs wiederum zunehmend keuchen. Wirtschaftlichkeit lautet das Stichwort. „Was sich nicht rechnet, hat auch keine Zukunft“, hieß es kritisch auf der Eröffnungsrunde im Watergate. Die Wertigkeit von Musik und anderen Kulturgütern wird profitgesteuerter, worunter besonders deren Authentizität leidet. Hat Berlin etwa seine eigene Kulturlandschaft nicht durchschaut?

„Schwanzparade hinterm DJ-Pult“ – welch ein provozierender Titel für eine Podiumsdiskussion! Dementsprechend gut besucht war auch der Club Ritter Butzke am Donnerstagnachmittag. Die vermeintlich männliche Dominanz der Szenekultur beschreibt eine Thematik, die allgegenwärtig und gesellschaftsübergreifend nicht nur in der DJ-Kultur wiederzufinden ist. Ob es sich dabei um eine Toleranzfrage handelt oder man sich nicht doch mit einem Wahrnehmungsproblem konfrontiert sieht, das ist die Frage, die schon eingangs im Raum schwebte. Die Musiksoziologin Dr. Rosa Reitsamer verlieh mit einem einleitenden Vortrag dem Ganzen sogar eine wissenschaftliche Note. Denn Reitsamer sprach von einem tradierten Image, das Männer aus geschichtlicher Entwicklung heraus gerade im musiktechnischen Bereich höhere Kompetenzen zuspricht. Und schnell kam die Runde auch konkret auf die Nische elektronischer Musik zu sprechen: Besonders in Plattenläden, die vor dem digitalen Zeitalter wichtiger Anlaufpunkt für DJs waren, seien Frauen doch eher selten Gäste gewesen. Wie gut, dass die Organisatoren das herausstechende Gegenbeispiel für jene Behauptung an diesem Nachmittag zu Gast hatten. Susanne Kirchmayr (alias Electric Indigo) ist ehemalige Mitarbeiterin im Hardwax und außerdem Initiatorin eines der wahrscheinlich wichtigsten Instrumente zur Minderung des erwähnten Wahrnehmungsproblems. Denn mit Female Pressure als Datenbanknetzwerk listet Kirchmayr mittlerweile über 1.300 weibliche DJs und Liveacts.

 

Podiumsdiskussion im Ritter Butzke (Foto: David Kallen)

Podiumsdiskussion im Ritter Butzke (Foto: David Kallen)

 

Cinthie Ulrich (alias Cinthie) ist Labelbetreiberin, DJ und Mutter. Für viele im Raum schien dies eine ungewöhnliche Konstellation zu sein, denn vor allem den männlichen Zuhörern stand das Erstaunen ins Gesicht geschrieben. Umso besser, dass sie realitätsnah beschrieb, wie sie das Leben zwischen Clubgig und Muttersein meistert und entgegen der Meinung vieler zeigt, dass alte Karrieremuster auch für DJ- und Musikerlaufbahnen längst überholt sind. Am Ende der Veranstaltung hatte man zwar das Gefühl, sich teilweise inhaltlich im Kreis gedreht zu haben, dennoch entspringt dieser Diskussionsrunde der Versuch, einem Problem entgegenzuwirken, das auf einem einfachen Wahrnehmungsirrglauben fußt.

Als erfrischende Abwechselung stand an jedem der fünf Festivaltage eine Lesung aus Musikbüchern zur Auswahl. Thomas Meinecke las etwa am Samstagabend aus seinen in Analog gesammelten Groove-Kolumnen der letzten sieben Jahre. Veranstaltungsort war Echo Bücher, Berlins erste Buchhandlung, die sich auf Literatur zur elektronischen Musikkultur fokussiert und auch beim BerMuDa-Kongress im Ritter Butzke einen Verkaufsstand eingerichtet hatte. Erst hier wurde überhaupt deutlich, wie sehr sich das Kulturangebot rund um elektronische Musik in den vergangenen Jahren erweitert hat. Bücher über Rave-Geschichte, Techno-Romane oder eben auch Sammelwerke sind gerade für jüngere Generationen eine wichtige Quelle, um die Entwicklung der Subkulturszene nachzuvollziehen und verstehen zu können.

Interessierte Technikfreunde hatten im Rahmen der De:Bug-Musiktechniktage die Möglichkeit, aktuelle Trends und Standards der Musikproduktion anschaulich in Workshops zu erforschen. Korg zeigte mit den Volcas, drei kompakten Analogmaschinen, dass die Praxis analoger Klangerzeugung nicht nur an Beliebtheit zurückgewinnt, sondern auch erschwinglicher wird. Die zunehmenden kreativen Möglichkeiten durch die rasante technische Entwicklung der vergangenen Jahre wurde bei den Workshops im Just Music Store und im Ritter Butzke deutlich. Musik zu produzieren, das ist kein Privileg mehr, sondern beinahe ein massentaugliches Selbstverwirklichungstool geworden.

Abends stand wiederum ein Großangebot an interessanten Showcases und Clubnächten zur Auswahl, außerdem gab es jeden Tag verschiedene Konzerthighlights. Von Bpitch Control über Diynamic aus Hamburg fanden sich auf der BerMuDa-Landkarte so einige bekannte, aber auch auch neue Namen wieder. Kyson aus Australien präsentiert im Cookies sein Debütalbum, Jan Blomqvist und Hot Chip heizten dem Postbahnhof ein und in diversen Bars und Clubs der Stadt konnte man teils kostenfrei den Geist des Festivals aufschnappen.

Fünf Tage voll bunter Club- und Konzertnächte, interessanter Lesungen und heißer Diskussionsrunden gingen am Sonntag, den 10. November zu Ende. Und was bleibt? Ein leicht bitterer Nachgeschmack aufgrund der vielen aufgeworfenen Fragen, aber auch neue Anregungen und mögliche Perspektiven. Schon jetzt darf man gespannt sein, ob und wie die besprochenen Probleme der Berliner Kulturlandschaft auch im nächsten Jahr noch relevant sein werden. Die Berlin Music Days setzen den Finger in einige offene Wunden und das ist auch gut so.