Protokoll: Philipp Weichenrieder, Fotos: Nick Helderman, Ronny Theeuwes
Erstmals erschienen in Groove 144 (September/Oktober 2013)

„Ich wurde im Ostteil von Amsterdam geboren und bin größtenteils in De Pijp aufgewachsen, das zu der Zeit so etwas wie ein Ghettobezirk war. Als ich ungefähr zwölf war, musste ich mit meinen Eltern aus Amsterdam wegziehen, aber als ich die Schule beendet habe, bin ich so schnell wie möglich zurück gekommen. Eine der Besonderheiten der Stadt ist, dass sie sich wie eine „richtige“ europäische Metropole anfühlt, obwohl sie nicht besonders groß ist. Was ich außerdem sehr mag, ist der multikulturelle Charakter. Weil Amsterdam in den vergangenen 400 Jahren eine Hafenstadt war, haben verschiedene Kulturen die Stadt geprägt. Ich mag das sehr, es beeinflusst alles, von deinen Freunden bis zum Essen.

Amsterdam ist für mich das Epizentrum für Musik und Kultur in den Niederlanden. Mein Label Voyage Direct veröffentlicht nur Musik von niederländischen Produzenten, von denen ich die meisten in Amsterdamer Nächten kennengelernt habe. Ich bin Resident im Trouw und Chicago Social Club und in den letzten Jahren auch viel außerhalb der Niederlande herumgekommen und denke wirklich, dass das Nachtleben in Amsterdam die meiste Zeit ziemlich gut ist. Es gibt viele tolle Veranstaltungsorte wie Trouw, Studio 80, MC Theater, Chicago Social Club oder Club Up. Außerdem machen hier viele Promoter großartige Sachen, legal und illegal. Ich denke, dass hier eine große Vielfalt an Musikgenres repräsentiert wird. Besonders beliebt ist House im weitesten Sinne, obwohl Techno und Disco sich auch ein großes Stück vom Kuchen teilen. Auch UK Bass war die vergangenen Jahre präsent, genauso wie Rap aus den Staaten. Vor ein paar Monaten hat die Regierung 24-Stunden-Lizenzen an ein paar Orte vergeben, sodass die Clubs ihre eigene Schließzeit wählen können, was ein großer Schritt voran ist.

 

„Von außen fühlt sich Amsterdam wahrscheinlich wie ein Vergnügungspark für Erwachsene an.“

 

Meine DJ-Karriere begann hier, als mich DJ Chaos, KC the Funkaholic, Mr. Wix, Rush Hour, Patta und Parra unter ihre Fittiche nahmen. Auch die Stadt gab mir eine breite musikalische Bildung. Indem du auf vielen verschiedenen Partys für unterschiedliche Menschen spielst, wird dir auf ziemlich harte Weise beigebracht, wie du Crowds kontrollieren kannst. Amsterdam ist nicht so groß, dass du dich jahrelang in einem einzigen Genre verlieren kannst. Du wirst dazu gezwungen, dich an viele Genres anzupassen und dich auch danach zu entwickeln. Die Stadt hat eine tiefe Verbindung mit der DJ- und Feierkultur, weil hier House als in einer der ersten Städte sehr groß war. Dadurch wurde ich von großen DJs beeinflusst, als ich meinen Stil entwickelte. Amsterdam ist außerdem ein großes Drehkreuz mitten in Europa – ich mag es, dass ich dadurch in maximal anderthalb Stunden überall hinfliegen kann.

Von außen fühlt sich Amsterdam wahrscheinlich wie ein Vergnügungspark für Erwachsene an. Immer, wenn ich Leuten erzähle, dass ich aus Amsterdam komme, lächeln sie. Ich mag das. Die meisten waren in ihrer Jugend hier und erzählen mir ihre verrückten Erfahrungen. Ich denke, jeder hat eine Beziehung zu der Stadt. Das beginnt für die meisten vielleicht mit Kiffen im Rotlichtviertel, aber wenn sie entdecken, dass es hier mehr gibt, haben sie eine tiefere Verbindung mit Amsterdam.“

 

Tom Tragos neues Album The Light Fantastic erscheint am 21. Oktober 2013 bei Rush Hour.

Von 16. bis 20. Oktober 2013 findet das Amsterdam Dance Event, eines der größten Clubmusik-Festivals Europas, statt.

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