Text: Sascha Uhlig
Erstmals erschienen in Groove 143 (Juli/August 2013)

Das New Yorker Label L.I.E.S. hat nach nur drei Jahren schon so einige heiß gehandelte Newcomer auf den Plan gerufen. Ganz vorne dabei: Delroy Edwards, der auf bisher drei Maxis einen roh wummernden Lo-Fi-Sound zwischen Ghetto-House und Footwork mit ganz eigener Note zelebriert – und damit scheinbar offene Türen bei DJs und Publikum einrennt.

Zwanzig Minuten, vielleicht dreißig, doch mehr Zeit bleibt nicht. Dann muss Delroy Edwards schon wieder los, zum Flughafen, von England aus weiter nach Belgien, Brüssel, wo er an der Seite von Ron Morelli, dem Chef von L.I.E.S., dem derzeit hipsten aller Houselabels, auflegen wird. Edwards, der sich sein Künstleralias bei einem jamaikanischem Drogendealer und Gangboss geliehen hat, ist derzeit „busy as fuck“. Doch den Wirbel um sich und seine Musik sowie den damit einhergehenden Reisestress scheint der 23-Jährige bestens ausblenden zu können, vielleicht nicht zuletzt dank der ein oder anderen Tüte Weed, von der er sich auch während dieser Videokonferenz zwischen Berlin und London in aller Seelenruhe eine dreht. Erst vor wenigen Wochen wurde Edwards in den Kosmos aus Check-In und -Outs, Jetlags und mehr Strobo- als Tageslicht hineingeworfen. Seinen ersten Auftritt in Europa überhaupt hatte er erst Ende März dieses Jahres in der Panorama Bar in Berlin. Kein schlechter Start für einen Newcomer, der zu jenem Zeitpunkt auf gerade einmal zwei eigens produzierte 12-Inches zurückblicken konnte.

Mit angezogener Bremse auf der Überholspur

Angefangen hat alles vor ein paar Jahren mit Edwards‘ Umzug von Los Angeles nach New York. „In L.A. haben House und Techno einfach keine lange Geschichte, weshalb ich unter anderem nach New York ging“, erklärt er. „Ich wollte die Stadt und ihre Musikszene abchecken, außerdem lebt ein Großteil meiner Familie hier.“ Zwei Jahre streunte er herum, kämpfte sich mit beschissenen Jobs durch und haute sein bisschen Geld gleich wieder im A1 Record Store auf den Kopf, wo auch Ron Morelli arbeitet. „Eines Tages fragte ich ihn, ob er Hilfe braucht – und schon am nächsten Tag stand ich auf der anderen Seite des Ladentresens.“ Doch Morelli verschaffte ihn nicht nur einen Job im Plattenladen, sondern nach getaner Überzeugungsarbeit auch sein erstes Release auf L.I.E.S. „Vorher habe ich hauptsächlich Footwork-Kram produziert und Ron meinte zu mir: ‚Probier’s doch mal mit House und wir gucken, was wir damit machen.‘“

Doch auch auf seiner Debütsingle „4 Club Use Only“ und dem Nachfolger „Heart And Soul / Sprk Tha Dust“ rasen die Tracks – zumindest für hiesige Verhältnisse – alles andere als zimperlich gen Dancefloor. Sie sind von Jeff Mills oder Surgeon genauso beeinflusst wie von Dance Mania, Trax oder nach wie vor Chicago Footwork, und treffen stets die goldene Mitte zwischen mieser Abmischung und dem genial-geschickten Einsatz von reichlich Distortion und jeder Menge Schmutz im Klangbild. Viel zu weit in den Vordergrund gemixte Hi-Hats, übersteuerte Bässe und flapsig geloopte Samples? Edwards gibt einen Fuck drauf: „Je simpler, desto besser“ lautet seine Devise und die Hauptsache ist immer noch, das der Funk sitzt. Das war bei Paul Johnson oder später Omar-S und Theo Parrish selten anders. Und mit „Sprk Tha Dust“ schiebt er uns sogar ein unspielbares Brett irgendwo bei 150 BPM unter, bei dem man sich fragt: Ist das eigentlich noch Ghetto-House oder doch schon Gabba?

„Verrückten Scheiß gab’s schon immer“

Doch um Schubladen kümmert sich Edwards genauso wenig wie um kurzlebige Trends oder den Outsider-Dance-Hype. „Ganz ehrlich, seit den Anfängen von House gab es doch schon immer jede Menge verrückten Scheiß“, erklärt er. „Diese ganzen Produzenten aus Chicago haben stets nach vorne geschaut und viel herumexperimentiert. Für mich ist Dance Music schon immer auch Outsider Music.“

Ein Statement, das angesichts des üble Stilblüten treibenden EDM-Hypes in den USA erst einmal für Stirnrunzeln sorgt, Edwards aber nicht unkommentiert lässt: „Natürlich ist EDM für ein breiteres Publikum gedacht, doch du musst einfach dein Ding machen, ohne dich darum zu kümmern, wer das am Ende überhaupt hört. Anthony (Naples, Anm. d. A.) und Huerco S. machen das nicht anders. Am Ende ist mir das auch scheißegal, nennt es Outsider House oder nicht – solange die Leute darüber reden und die verdammten Platten kaufen, ist alles cool, damit kann ich leben“, sagt er mit breiter Schulter und noch breiterem Grinsen im Gesicht und muss nun aber wirklich los. Denn die nächsten Auftritte warten bereits, der Flieger von London nach Brüssel bestimmt nicht.

Die 12-Inch „White Owl“ ist bei L.I.E.S. erschienen.