Text und Fotos: Martin Eberhardt

Die Festival-Landschaft für elektronische Musik in Polen hat in den vergangenen Jahren eine beachtliche Entwicklung genommen. Neben dem Audioriver-Festival bei Warschau oder dem Unsound in Kraków sorgt seit 2006 auch das Nowa Muzyka-Festival in Katowice für frischen Wind: 2010 wurden dessen Veranstalter gar mit den European Festival Award für das beste kleine Festival ausgezeichnet. Die Stadt Katowice befindet sich inmitten des oberschlesischen Steinkohlebeckens, die Region ist von zahlreichen Kohle- und Erzminen geprägt. Als Festival-Location diente daher auch das Gelände einer stillgelegten Kohlemine – zumindest in den letzten Jahren. Wie bereits 2012 mussten die Veranstalter leider auch in diesem Jahr aufgrund von Umbauarbeiten des Minengeländes zu einem Museum auf ein nahegelegenes Wiesenareal ausweichen – direkt neben einem kleinen Flugplatz gelegen, der an dem Wochenende auch als Zeltplatz genutzt wurde. Das Festivalgelände befand sich dennoch in relativer Stadtnähe und war somit auch für die Besucher die ein Hotelzimmer gebucht haben gut erreichbar. Durch die günstigen Preise in Polen ist dies nämlich eine nette Alternative zum gewohnten Festivalcamping, Zweitagestickets inklusive Hotelzimmer waren bereits für unschlagbare 88 Euro erhältlich. Und auch die Essens- und Getränkepreise waren weitaus billiger als bei den großen internationalen Fastfood-Ketten in der Umgebung (der halbe Liter Bier kostete umgerechnet nur 1,50 Euro).

 

Jon Hopkins live

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Am Donnerstagabend wurde das Festival mit den Livesets von Vladislav Delay und BadBadNotGood in der Konzerthalle der Galerie Szyb Wilson eröffnet. Etwa 2.000 Menschen besuchten das Eröffnungskonzert und ebneten damit den Weg in ein langes und ereignisreiches Wochenende. Am Freitagabend begann dann das eigentliche Festival. Drei große Zelte und eine Open-Air-Bühne verteilten sich auf ein recht geräumiges Areal, gespickt mit kleineren Teichen, viel Grün und etwas Wald drumherum. Durch die unmittelbare Nähe der Bühnen sowie der Essens- und Getränkestände war alles jederzeit schnell erreichbar und langes Anstehen ein Fremdwort. Persönliche Highlights des Freitagprogramms waren die überragenden Livesets von Jon Hopkins und LFO. Jon Hopkins ist aufgrund seines letzten Albums Immunity derzeit ein viel gefragter Mann, dementsprechend konnte er die Mainstage mit seinem Set fast vollständig füllen. Mark Bell von LFO kam für ein rares Techno-Liveset nach Katowice, das in Verbindung mit den beeindruckenden Visuals zu den herausstechenden Höhepunkten des Wochenendes gehörte. Gegen sechs Uhr morgens war dann bis zum nächsten Abend auf allen Bühnen erstmal Ruhe angesagt, ein Tagesmusikprogramm gab es leider nicht. Tagsüber konnte man sich die Zeit unter anderem mit Führungen durch eine stillgelegte Kohlemine vertreiben (mit 320 Metern unter der Erde die tiefstgelegenste in Europa), oder man nutze die freie Zeit für einen Ausflug in die Stadt.

 

LFO

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Am späten Samstagnachmittag öffnete das Festivalgelände wieder seine Pforten, das Line-up der bevorstehenden Nacht war durch den 20 Jahre Kompakt-Showcase und Acts wie Brandt Brauer Frick und Moderat sehr deutsch geprägt. Jamie Lidell rockte mit seiner mitreißenden Mischung aus pop- und soulgeschwängerten Synthie-Electronik bereits um 21 Uhr die Mainstage. Direkt im Anschluss ging es weiter zur nächsten Bühne, auf der der Komponist Gregor Schwellenbach am Flügel seine Interpretationen ausgewählter Kompakt-Veröffentlichungen der letzten 20 Jahre mit einem Streichorchester auf beeindruckende Art und Weise umsetzte.

Durch die geschickt arrangierten Umbauzeiten zwischen den einzelnen Liveacts auf den zwei größten Bühnen war es möglich, jeden dieser Acts zu hören, ohne etwas zu verpassen. Vom Brandt Brauer Frick Ensemble konnte ich jedoch leider nur den Anfang genießen, da COMA zur gleichen Zeit im RBMA-Zelt auf der Bühne standen. Durch die kurzfristige Absage von DJ Koze wurde das Programm dort kurzerhand etwas umgestellt, was durch großflächig projizierte Ankündigungen aber gut in den Griff bekommen wurde. Moderat machten ihren Auftritt auf der Mainstage durch imposante Visuals über mehrere Projektionsebenen und viele Stücke des neuen Albums unterdessen zu einem echten Erlebnis. Sid Le Rock spielte im Anschluss im RBMA-Zelt ein treibendes Liveset und bereitete die Crowd damit bestens auf die Ankunft von Robag Wruhme vor, der das Abschlussset auf dieser Bühne spielen sollte. Wruhme knüpfte zu Beginn an den Energielevel Sid Le Rocks an, strippte diesen Pegel im weiteren Verlauf immer weiter runter, um am Ende auf dem allseits geliebten Nachtdigital-Afterhour-Euphorielevel anzukommen. Bis zu diesem Zeitpunkt habe ich diese Stimmung am ganzen Wochenende etwas vermisst, aber was lange währte, wurde endlich gut. Wruhme spielte eine Stunde länger als geplant, denn immer wieder lockte ihm das Publikum durch tobendes Stampfen auf den Holzfußboden neuen Zugaben hervor. Einen besseren Abschluss dieses Morgens hätte es wohl nicht geben können.

 

Brandt Brauer Frick Ensemble

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Am Sonntagabend fand das offizielle Abschlusskonzert des Festivals in der evangelischen Auferstehungskirche von Katowice statt. Die beeindruckende Location im Rundbogenstil erschien anfangs etwas ungewohnt für die Auftritte zweier elektronischer Liveacts, jedoch entwickelten sich Darkstar livedie Sets von Silesian Sound (Yosi Horikawa, Chino und Kuba Sojka) und Darkstar in der gut überlegt und blau ausgeleuchteten Kathedrale zu einem einmaligen Erlebnis. Kurz vor Schluss wurde nach der Aufforderung des Sängers von Darkstar sogar noch vor dem Altar getanzt. Wer danach immer noch nicht genug hatte konnte das Wochenende bei der anschließenden Afterparty im Katowicer Jazz Club ausklingen lassen.

Schätzungsweise zwischen 8.000 und 9.000 Menschen fanden an dem Wochenende den Weg nach Katowice, jedoch scheint das Festival trotz des anspruchsvollem internationalen Lineup, der schönen Location (im nächsten Jahr hoffentlich wieder nahe der alten Kohlemine und mit ein bisschen mehr Deko) und den äußerst günstigen Preisen noch recht unbekannt in Deutschland zu sein. Dabei ist Katowice mit dem Zug, dem Auto und dem Flugzeug verhältnismäßig gut und schnell zu erreichen. Vielleicht sorgt das gute Feedback der diesjährigen Ausgabe ja dafür, dass im nächsten Jahr mehr Deutsche den Weg ins Nachbarland antreten werden.

 


 

Interview: COMA

Im Rahmen des 20 Jahre Kompakt-Showcases traten Georg Conrad und Marius Bubat alias COMA auf dem Nowa Muzyka-Festival auf. Wir haben die Kölner vor ihrem Auftritt über ihre Erfahrungen in Polen befragt.

COMA

Marius und Georg, ihr spielt nachher ein Live-Set auf der RBMA-Stage. Ist das euer erster Gig in Polen?

Wir haben letztes Jahr schon auf dem Audioriver-Festival gespielt. Das war unser erster Gig in Polen. Das Publikum war dort auch recht dankbar und sehr euphorisch, das hat schon Spaß gemacht da zu spielen.

Habt ihr aufgrund eures Albums mehr Festivalgigs als in den letzten Jahren?

Festivalgigs sind es bisher eigentlich gar nicht so viele mehr, aber im September und Oktober sind wir auf jeden Fall sehr viel unterwegs. Wenn man ein Album produziert, dauert es ein bisschen, bis das Ganze die Runde gemacht hat. Aber nun geht es so langsam los.

Hattet ihr im Vorfeld schon mal was vom Nowa Muzyka Festival gehört?

Nein, aber uns haben tatsächlich einige Leute nur Gutes vorher darüber berichtet.

Werdet ihr heute hauptsächlich Stücke von eurem Album spielen?

Wir werden hauptsächlich aktuelle Stücke vom Album spielen, aber auch zwei oder drei ältere Sachen sind dabei.

Spielen hier noch andere Künstler, die ihr euch unbedingt anhören wollt?

Das Lineup heute ist ja sehr Kompakt-affin und davon hat man die meisten Künstler schon ein paar Mal gehört, aber Gregor Schwellenbachs Interpretation von verschiedenen Kompakt-Tracks der letzten 20 Jahre wollten wir schon ganz gerne hören. Er spielt auch einen Song von uns und das ist natürlich sehr spannend diesen von einem Streichorchester mit klassischer Instrumentierung zu hören. Und Moderat werden wir uns bestimmt auch noch anhören.

Was steht in der nächsten Zeit noch bei euch an?

Wir schließen das Album Ende September mit einer Remix-EP ab. Darauf sind Neubearbeitungen von Roosevelt, Terranova und Zombies In Miami, die sich jeweils verschiedene Stücke vom Album ausgesucht haben. Und wir haben auch gerade erst einen Remix für Dena fertig gemacht.