Ein wochenlanges, facettenreiches Programm? Check. Kostenlose Open-Air-Partys tagsüber? Check. Technikworkshops? Check. Kooperation mit Red Bull Music Academy und Boiler Room? Check. Das Strøm Festival, das Mitte August in Kopenhagen stattfand, bot viele Programmpunkte aufgeschlossener, ambitionierter State-of-the-Art Elektronikfestivals. Und noch einige mehr: Zu einem Line-Up mit Auftritten von internationalen Acts wie Blawan, Adrian Sherwood & Pinch, Buraka Som Sistema und Isolee, sowie dänischen Größen wie When Saints Go Machine und Trentemoller gesellten sich Künstlergespräche, ein Soundsystem-Panel mit anschließender Party des legendären britischen Reggae-Sounds Jah Tubbys World System und ein CDR-Event, bei der die Playlist ausschließlich aus eingereichten Eigenproduktionen des Publikums bestand. Hinzu kamen eine Reihe besonderer, ortsspezifischer Veranstaltungen. Beim Auftaktkonzert „Panorama“ spielte etwa Mike Sheridan zusammen mit 25 klassischen Musikern in der von Lichtkünstler Jakob Kvist erleuchteten sechsstöckigen Tietgen Residence Hall. Bei „Trans Metro Express“ verwandelten dänische DJs für zwei Abendstunden einen Zug der Kopenhagener U-Bahn in einen mobilen Club und für das Konzert von Haxan Cloak wurde eine dunkle, sonst für die Öffentlichkeit geschlossene Zisterne ausgewählt.

 

Trans Metro Express

Trans Metro Express

 


 

Interview: Pernille Krog Mogensen (Strøm-Kuratorin)

Wir sprachen mit der in Berlin lebenden Kuratorin des Strøm Festivals Pernille Krog Mogensen, die auch für Magnet Booking DJs wie Ata, Move D, Gerd Janson und Luke Hess betreut.

Pernille Krog MogensenWie kam es dazu, dass du für das Strøm Festival das Programm zusammenstellst?

Vor einigen Jahren hab ich selbst Events in Kopenhagen gemacht. 2007 habe ich dann die Eröffnungsveranstaltung von Strøm mitorganisiert, bei dem dänische Künstler wie die Elektroniklegende Else Marie Pade (eine Art weibliches, dänisches Äquivalent zu Karl Heinz Stockhausen), Björn Svin und Opiate dabei waren. Ich war völlig begeistert und ich fing an viel Zeit im Strøm-Büro zu verbringen. Ich hab einfach meine Nase reingesteckt, etwas Promotion gemacht und seit 2009 kümmere ich mich mit um das Booking.

Zu Beginn hatte das Festival seinen Fokus auf der Hauptveranstaltung – dem Open Air am Samstagabend. Mittlerweile dauert das Festival eine ganze Woche und der dänische Musiker Thomas Knak (Opiate) meinte, das Festival könne heute sogar ohne die Hauptveranstaltung existieren. Wie kam es dazu?

Kopenhagen hat jede Menge Festivals im Sommer. Es ist also sehr wichtig, sich von den anderen Festivals zu unterscheiden und ein starkes eigenes Profil zu entwickeln. Über die Jahre haben wir festgestellt – und hoffentlich auch dazu beigetragen -, dass es ein großes Interesse an elektronischer Musik im allgemeinen, aber auch an den Rändern und an nerdigere Aspekte der Szene gibt. Wir haben Schritt für Schritt versucht das auszuweiten und Showcases, Meisterklassen, Künstlergespräche und einen Austausch mit dem Publikum, den neuen und den etablierten Künstlern ins Programm genommen. Elektronische Musik ist soviel mehr als große Raves und Partys und wir haben das Glück ein Publikum in Kopenhagen zu haben, dass das versteht und zu schätzen weiß.

Mittlerweile gibt es nicht nur Konzerte und DJ-Sets von Musikern, sondern fast ebenso viele Gespräche und Diskussionen mit ihnen. Was ist die Idee dahinter?

Ich weiß von mir selbst, wie neugierig ich auf alle Aspekte der Musik bin – von der Produktion, über die Veröffentlichung und den Vertrieb bis zu den Live-Performances und weiteren Aspekten. Ich schau immer nach, wer was wie spielt, wie der Mix-Stil ist, was für Geräte genutzt werden usw. Und wer möchte nicht einen Einblick in das Leben und die Karriere eines Star-DJs bekommen? Unsere Meisterklassen und Talks sind sehr unterschiedlich. Manche konzentrieren sich auf bestimmte Software-Programme oder einen Synthesizer und manche sind einfach Gespräche zwischen Menschen.

 

Jah Tubbys World System

 

Im Unterschied zu anderen Festivals kommt Strøm meist ohne große Headliner auszukommen. Es scheint Euch mehr darum zu gehen, das Festival selbst als die Hauptattraktion zu etablieren. Was sind die größten Herausforderungen, um das zu erreichen?

Es war ein Prozess, der mehrere Jahre dauerte, um herauszufinden, welche Rolle wir in der Festivalszene von Kopenhagen spielen. Aber jetzt sind wir an einem Punkt angekommen, an dem unser Publikum uns und der Musik, die wir auswählen vertraut. Das bringt auch eine Verpflichtung mit sich! Wir versuchen immer die Künstler zu buchen, die wir im Moment am interessantesten finden. Das können bekannte Acts sein wie Modeselektor, Flying Lotus, Octave One, Andy C, Richie Hawtin, LCD Soundsystem, The Orb, Dntel, Cobblestone Jazz, The Field… Aber man muss das Festival als Ganzes sehen und wir sind sehr stolz ein Programm zu haben, das von Montagmorgen bis Sonntagabend Sinn macht. Es geht nicht nur um die große Abschlussparty. Zum Glück haben viele Leute in der elektronischen Musikszene ein Interesse daran, ihr Wissen und ihre Ideen zu teilen. Es ist eine großartige Erfahrung, sich sowohl mit seinen Helden hinzusetzen und zu reden, als sie auch später beim Festival spielen sehen zu können.

Wie findest Du neue Künstler für das Festival? Hat Berlin, wo Du lebst, einen Einfluss auf die Auswahl? Und welche anderen Festivals inspirieren Dich?

Insgesamt gibt es sechs Leute in unserem Booking-Team und mehr oder weniger repräsentieren wir alle unterschiedliche Aspekte der elektronischen Musik. Einige sind Fans von Bassmusik, manche sind Experten von experimenteller Musik und andere interessieren sich für House. Berlin stellt natürlich eine große Inspiration für mich dar, aber ich glaube auch, das eine der wichtigsten Fähigkeiten eines Bookers ist, objektiv sein zu können und den persönlichen Geschmack nicht dominieren zu lassen. Man muss den Überblick behalten können und ein abwechslungsreiches und interessantes Line Up erstellen. Dafür ist es gut, dass wir ein Team von Bookern haben. Und ich mag zwar in Berlin leben, aber Strøm findet in Kopenhagen statt und es ist wichtig, dass das Festival auch wiederspiegelt was in der dänischen Szene passiert. Man kann nicht einfach copy & paste machen, bei allem was mir in Berlin gefällt. Mir selbst gefiel zuletzt das Atonal Festival im Kraftwerk in Berlin. Das fand ich sehr inspirierend. Das Line Up bestand hauptsächlich aus experimenteller Musik in vielen Formen und nicht nur war die Musik großartig, sondern auch die Location sehr cool.

 

„Panorama“ in der Tietgen Residence Hall

 

Dieses Jahr gab es beim Strøm eine Reihe von ortsspezifischen Konzerte, wie die Haxan Cloak Show in einer dunklen Zisterne oder Auftritte in Kopenhagener U-Bahn-Zügen. Wie kam es dazu?

Das macht einfach viel Spaß. Kopenhagen ist eine wunderschöne Stadt mit vielen netten Orten. Glücklicherweise ist die Stadtverwaltung offen für unsere verrückten Ideen. Wir versuchen sowohl Orte des Alltags wie die U-Bahn, als auch versteckte oder geheime Orte wie die Zisterne zu berücksichtigen. Und die „Trans Metro Express“-Partys in der U-Bahn fanden jetzt schon zum fünften Mal statt.

Es gibt eine Reihe international bekannter dänischer Musiker wie Trentemoller, Kasper Björke, WhoMadeWho, Opiate oder When Saints Go Machine. Welche lokalen Produzenten und DJs kannst Du abseits dieser etablierten Künstler empfehlen?

Das ist schwierig zu beantworten. Die dänische Szene ist sehr lebendig und es gibt eine Menge talentierter Produzenten. Kasper Marrott, der letztes Jahr auf dem Strøm gespielt hat, etwa. Aber auch Acts wie Beastie Respond, Northern Structures, Rewolmer, Eloq, Uffe, Bjørn Svin und Rumpistol lohnt es sich im Auge zu behalten.