„Wie klingt der Sound der Wende?“, fragt sich der Journalist Ulrich Gutmair in seinem Buch Die ersten Tage von Berlin und weiß: „Das sind die Beats von Breakbeat, House und Techno, aber auch die Presslufthämmer und Schuttrutschen, […] der Gesang der Nachtigallen zur besten Ausgehzeit und […] die Gespräche am Rand des Dancefloors.“ Nach dem Mauerfall ist Berlin nicht mehr eine Insel im Osten, sondern Schauplatz eines politischen Ausnahmezustands, ein Sehnsuchtsort für Individualisten aus aller Welt. So eigneten sich Künstler, DJs und Hausbesetzer kurzerhand die vielen leerstehenden Häuser an und verwandelten sie in Galerien, Bars und Clubs, um ihre alternativen Biografien jenseits von Konventionen zu basteln. Über diese Leute existieren zwar viele Geschichten, doch nur die wenigsten davon sind archiviert. Gutmair, der als Student in Westberlin die Nachwendezeit selbst erlebte, möchte dies ändern.

Ein ambitioniertes Projekt, bedenkt man, dass die Risse in den Gebäuden von Mitte mindestens genauso tief sind wie die Erinnerungslücken an diese Zeit. Denn die vorwiegend orale Kultur der, nennen wir sie einfach mal ungenau, Szene war stets viel zu sehr mit der Gestaltung einer möglichst intensiven Gegenwart beschäftigt anstatt das eigene Selbst unmittelbar per Foto in digitalen Chroniken zu verewigen. Nichts könnte diese Unmöglichkeit des Festhaltens von Momenten besser symbolisieren als das im Buch beschriebene Graffito „How long is now?“ an der Außenwand im Hinterhof des Tacheles. Denn für viele der Akteure hielt das Jetzt stets nur so lange an, wie es selbst erlebt wurde. Die philosophische Untermauerung lieferte dabei Hakim Bey, der in seinem Konzept der Temporären Autonomen Zone einen „praktischen Anarchismus“ predigte, in der die Machtverhältnisse außer Kraft gesetzt werden, um Spontanität wieder zu ermöglichen.

Apropos Tacheles. Das 1990 besetzte Gebäude in der Oranienburger Straße galt als Zentrum der Bewegung, aus dessen Kraftfeld heraus etwa der heute legendäre Club Elektro gegründet wurde. Viele Clubbetreiber arbeiteten nach dem Prinzip der „Antibereicherung“, wie die Malerin und DJ Mo Loschelder die Tendenz zur Profitlosigkeit bezeichnet. Eine Praxis, die sich bis auf die Gegenwart auswirkt. Denn dass die Berliner Clubs heute ein stadtpolitischer Standortfaktor sind, war auch den bezahlbaren Mieten in Mitte zu verdanken, durch welche das Risiko gering und die Experimentierfreude groß war. Doch anstatt in eine lähmende Nostalgie zu verfallen, wie sie im Buch manchmal anklingt, sollte man die Lektüre als implizite Aufforderung verstehen. Nicht nur, um erneut eine Intensivierung des Alltags zu betreiben, sondern auch, um in zwanzig Jahren nicht feststellen zu müssen, man hätte heute eigentlich ausschließlich in der Vergangenheit gelebt.

Ulrich Gutmair: Die ersten Tage von Berlin: Der Sound der Wende (Tropen/Klett-Cotta, Stuttgart 2013, 256 Seiten, 17,95 Euro)