Anfang Juni machte sich eine kleine deutsche Reisegruppe auf den Weg nach Moskau, um an der Release-Party für die russische Übersetzung des Berlin-Techno-Buches Lost and Sound teilzunehmen. Neben den DJs Robag Wruhme, Nick Höppner und Finn Johannsen waren auch Redakteure der Groove mit an Bord, um das Nachtleben der russischen Hauptstadt aus erster Hand kennenzulernen.

Feiern in Moskau funktioniert etwas anders als in Berlin – soviel ist schon zu Beginn dieses Sonntagabends klar. Die erste kleine Irritation bietet der Einlass zum Club Gipsy im Herzen der russischen Hauptstadt. Zwar gibt es muskulöse Türsteher, die mit strengem Blick darüber bestimmen, wer die Freitreppe zur Dachterrasse mit Blick auf den Fluss Moskwa hinaufsteigen darf. Aber eine Kasse? Fehlanzeige. Auf die verwunderte Nachfrage, warum eine Party, bei der immerhin drei aus Deutschland eingeflogene DJs auflegen, keinen Eintritt kostet, antwortet Mitveranstalter und Resident-DJ Alexander Matlachow alias Unbalance, dass der Clubbesitzer sein Geld mit anderen Geschäften verdiene. Der Club sei für ihn ein „Hobby“. Umsatz wird im Gipsy dennoch gemacht: mit dem clubeigenen (und sehr guten) Restaurant und an der Bar, an der ein halber Liter belgisches Fassbier umgerechnet zehn Euro kostet.

Das Gipsy befindet sich auf einer Insel in der Moskwa auf dem Gelände der ehemaligen Schokoladenfabrik Roter Oktober, etwa 500 Meter vom Kreml entfernt. Nachdem die Süßwarenproduktion 2007 an den Rand der Stadt verlagert wurde, hat sich das verlassene Industrieareal zu einem Ausgehviertel mit Restaurants, Galerien und Clubs entwickelt. Lost and Sound: Cover der russischen AusgabeGefeiert wird an diesem Abend die anstehende Veröffentlichung der russischen Übersetzung von Tobias Rapps Buch Lost and Sound: Berlin, Techno und der Easyjetset und die Groove ist von den Journalisten und Inhabern des Verlags White Label Publishing, Ilja Woronin und Oksana Kuchartschik, als Präsentator der Party mit ins Boot geholt worden. Die Location in der altehrwürdigen Industriearchitektur passt auf den ersten Blick hervorragend zum Buch, denn schließlich beschreibt Rapp in diesem unter anderem auch die Entstehung der Berliner Clubmeile in ehemaligen Kraftwerken, Lagerhallen und Bürogebäuden am Rand der Spree.

Doch mit der Umnutzung von leerstehenden Gewerbeimmobilien in Clubs enden auch schon wieder die Gemeinsamkeiten zwischen dem Gipsy und den meisten Berliner Techno-Clubs. So eine Location wie die etwa 1.000 Menschen fassende Dachterrasse ist in der deutschen Hauptstadt kaum vorstellbar. Diese Moskauer Version eines Abenteuerspielplatzes für Erwachsene ist eine wilde Mischung aus Strandbar, Ibiza-Ravetempel und und Star Wars-Schrein. Die Tanzflächen der größtenteils überdachten Terrasse sind mit knallgrünem Kunstrasen ausgelegt, es gibt zwei flache Pools, echte Palmen, aus Holz gezimmerte Emporen, Funktion-One-Anlagen, niedrige Restaurant-Tische mit tiefen orientalischen Sitzkissen und von der Decke baumeln mehrere Star-Wars-Raumschiffmodelle, die bei Dunkelheit mit Lasern angestrahlt werden.

In dieser Umgebung tummelt sich schon am Nachmittag (die Partys am Wochenende beginnen hier um 15 Uhr und haben jeweils einen Tag- und Nachtteil) die Moskauer Jeunesse dorée, ergänzt um Szenemenschen und eine Handvoll Freaks. Ob dieses Publikum die auf dem Flyer stilecht mit einem vom Berghain entlehnten Fotografieverbots-Schild beworbene Berlin-Nacht wohl annehmen wird? Das Set von Finn Johannsen wird jedenfalls vor Sonnenuntergang auf der kleinen Tanzfläche von etwa 50 Tänzern wohlwollend aufgenommen, obwohl der Macro Recordings-Mann kaum Hits und dafür umso mehr analogen House und UK-Bass-Platten spielt. Mit leichtem Bedauern in der Stimme erklärt unser Gastgeber Ilja Woronin, dass ein großer Teil des Moskauer Publikums sich nicht wirklich für die gespielte Musik interessiere. Wichtiger sei, dass man feiern könne und der Hipness-Faktor einer Party stimme.

Bei Einbruch der Dunkelheit wird das Geschehen auf die große Tanzfläche mit Bühne verlegt, an deren Rückwand animierte Raumschiffe und ein neonfarbener Darth Vader mit Schnurrbart projeziert werden. Großen Applaus des auf mehrere hundert Menschen angewachsenen Publikums erntet kurz darauf der einzige Live-Act des Abends, die Moskauer Band Electrosoul System. Von unseren Gastgebern als Drum’n’Bass-Band angekündigt, spielt das fünfköpfige, unter anderem mit Ziehharmonika, Synthesizern und wechselnden Gastsängerinnen auftretende Ensemble eher Breakbeat-lastigen Funk mit kräftigem Soul-Einschlag. Robag Wruhme hat daraufhin wenig Mühe, mit einem Bar25-kompatiblen House-Set die Tänzer weiter anzuheizen. Zum Abschluss der Nacht löst Panorama Bar-Resident Nick Höppner bei seinem Genre-übergreifenden Mix noch einmal alle Bremsen, bevor wir von unseren Gastgebern sehr warmherzig in den Moskauer Morgen verabschiedet werden.