Text: Oliver Mohr
Fotos: Christian Kleiner (Impromptu 27); Chris McDwayne (Piano Interrupted)

Als Plattform für experimentierfreudige und innovative Musikprojekte ist das Mannheimer Jetztmusik-Festival seit 2007 ein Höhepunkt des jährlichen Festivalkalenders. Hier findet elektronische Musik in einem neuen Kontext statt und geht Verbindungen mit anderen Kunstformen und Genres ein. Das Ausloten von Schnittstellen ist programmübergreifend ein zentrales Thema. So bot unter anderem das Konzertprojekt Piano Interrupted am Eröffnungsabend des Festivals eine gelungene Kombination aus elektronischen Klängen und klassischer Kammermusik.

Vorgestellt wurde es im alten Mannheimer Börsensaal bei angenehm légerer Atmosphäre. Der Saal war mit weißen Couches und Sesseln bestückt, Nachttisch- und Wohnzimmer-Lampen sorgten für gedämpfte Beleuchtung. In der Mitte des Raumes stand ein Rechteck aus Lautsprecherboxen, welches einen Flügel, ein Cello und ein elektronisches Live-Setup umrahmte. Der Londoner Pianist Tom Hodge und Elektronik-Produzent Franz Kirmann verschmelzen in ihrem Projekt Klavier und elektronische Musik. Begleiten lassen sie sich dabei regelmäßig von Eric Young an der Percussion oder – wie an diesem Abend – von Greg Hall am Cello.

Obwohl das musikalische Konzept ganz auf die perfekte Symbiose aus Instrumenten und Elektronik ausgelegt ist, behielt das Klavier stets die Federführung. Kirmanns elektronische Klänge fügten sich dezent in das Instrumentalspiel ein. Seine Basslines, die Live-Samplings von Sprache und Instrumentalklängen kombiniert mit abstrakten und meist sehr minimalistischen Rhythmen prägten die experimentelle Seite des Projekts. Besonders die düsteren, sich im eigenen Echo verlierenden Cello-Sequenzen entwickelten einen starken Sog. In perfekter Abstimmung spielten sich die drei Musiker die Bälle zu, wurden zu einer Einheit und kreierten eine malerische Klanglandschaft, so schön, so voller Harmonie, dass man sich ihrem Rausch hingeben und sich auf eine musikalische Traumreise begeben mochte. Erst in der zweiten Hälfte setzte eine gerade Bassdrum ein. Ein Moment, auf den einige Besucher sicherlich bereits gewartet hatten und der seine Wirkung nicht verfehlte. Vielleicht hätten der Performance ein paar Ecken und Kanten gut gestanden; dennoch darf sie als sehr gelungen bezeichnet werden.


Impromptu 27: Metaboman, Large M, Zoulfia Choniiazowa, Davidson Jaconello

Eine besonders beeindruckende Körperlichkeit zeigte Impromptu 27: Callibration Collaboration. Die Tänzerinnen und Tänzer des Kevin O‘Day Balletts boten ein Tanzspektakel zu den Beats von Metaboman und Large M. Was für eine Dynamik! Selten kommt Techno als Tanzmusik schöner zur Geltung. Dabei begann alles zunächst sehr minimalistisch: der Vorhang öffnete sich und zu Large M’s Klavierspiel begann eine einzelne Tänzerin mit ihrer Performance. Während sich langsam ein schwerer Beat herausschälte, traten immer mehr Tänzer zu ihr auf die Bühne, jeder mit einer individuellen Choreografie.

Mit der Zeit verfielen die Tänzer in ein gemeinsames Spiel. Wie hoch der Anteil an choreografischen und improvisierten Elementen des modernen Tanzes war, lässt sich nicht sicher sagen, aber immer wieder waren definierte Eckpunkte im Tanz zu erkennen: so entstand ein scheinbar spontanes Tanz-Battle, an anderer Stelle malten Tänzer Graffitis auf die Bühne. Ein keckes Augenzwinkern schwang immer mit, das nach einem plötzlichen Cut seinen Höhepunkt fand, als eine Tänzerin alleine zu sehen war und sie einzelne Akteure zu sich auf die Bühne rief. Einer sollte tanzen wie eine Giraffe, andere wie zwei beste Freunde, ein anderer imitierte einen Schuh. Das Ganze endete in einem ziemlich komödiantischen Durcheinander. Am Klavier spielte Large M dabei jazzige Sequenzen, die er teilweise loopte und mit Effekten in acidhafte Basslines verwandelte. Metaboman lieferte rotzige House-Kracher von ungeheurer Vielfalt und Ideenreichtum. Sein Beat rumpelte und schnaufte und schien manchmal beinahe in sich selber zusammenzufallen. Lässige Vocals und Large Ms Klavierspiel sorgten für eine erfrischende Leichtigkeit. Es bereitete viel Spaß, zuzusehen, wie ein Ballettensemble auf die Klänge einsteigt und das Bewegungspotenzial dieser Musik voll und ganz ausschöpft.

Beide Veranstaltungen sind nur ein kleiner Auszug aus dem gesamten Jetztmusik-Festival-Programm, welches unter anderem Kunst-Darbietungen in kleinen Gondolettas auf dem See des Mannheimer Luisenparks, eine Live-Vertonung des Stummfilms Nosferatu, ein Jaques Palminger & The Kings Of Dubrock Konzert mit Fulldomeprojektionen im Planetarium und einen Abend unter dem Motto „Klassik trifft Elektronik“ mit Moritz Eggert und den Gebrüdern Teichmann bereit hielt. Am 6. April endete das Festival traditionsgemäß mit der Time Warp, deren Line-Up auch dieses Jahr wieder ein Gipfeltreffen etablierter Größen und einiger Newcomer war.