„Hey Lloyd, I’m ready to be heartbroken“: Dass auch Lloyd Coles Herz elektronisch schlägt, wissen wir seit seinem Album Plastic Wood. Zwölf Jahre danach nimmt er diesen Faden wieder auf, und zwar gemeinsam mit Godfather Hans-Joachim Roedelius. Selected Studies Vol. 1 (Bureau B) schlägt Bögen zwischen Soundtrack, Minimal Music und forschender Siebziger-Elektronik und wirkt dabei konturierter und persönlicher als manch anderer Ambient von heute. Cole und Roedelius tauschen klare Motive und Ideen aus, denen man gerne folgt, bis in alle möglichen Verwirbelungen hinein. Die Platte entstand erstaunlicherweise via Internet, und manche Stücke sind skizzenhaft, was aber auch seinen Reiz hat. Fortsetzung folgt – warum nicht mal Seite an Seite im Studio?

 


Video: Lloyd Cole & Hans-Joachim RoedeliusPastoral

 

Es kann kein Zufall sein, dass „Bliss“, der Opener von Heterotics Love & Devotion (Planet Mu), mit den Akkorden eines Prefab Sprout-Evergreens beginnt. Hinter dem Pseudonym verbergen sich Mike Paradinas, seine Frau Lara und Nick Talbot (Gravenhurst), und sie haben einen klassischen Entwurf: Synth-Pop mit Achtziger- und Rave-Flair, der von schattigen Momenten und Lyrics aus Talbots Feder konterkariert wird. So wird Love & Devotion zu einer spannenden Geschichte.

 


Video: Heterotic feat. GravenhurstBlue Lights

 

Apropos drohende Nostalgie: Dog Bites Velvet Changes (Carpark) bricht sie weder stilistisch – 99 % Dreampop – noch instrumentell (hallige Vocals, V-Drums, Gitarre), sondern mit eigenwilligem Songwriting. Ständig werden mögliche Hooklines mit Schleifen und Dissonanzen unterlaufen, um die Kicks in ganz anderen Passagen zu bringen – sehr effektiv in „No Sharing”, „Holiday Man” und dem Dog Bite-Hit „Prettiest Pills”.

 


Video: Dog BiteForever, Until

 

An die allererste To Rococo Rot-LP gemahnt Berliner Rings Maxi „Bardo” (meakusma) mit ihren immer komplexer werdenden Grooves, die Metallophonen und anderen Instrumenten Marke Eigenbau entlockt werden. Auf dem Label steht keine RPM-Zahl, was aber Sinn macht: Die Platte kann gut in mehreren Geschwindigkeiten laufen. Wie aus einer anderen Welt geholt wirkt Tourette (Denovali), das fantastische zweite Album von Eugenio Caria alias Saffronkeira. Rätselhafte Field Recordings, Funksprüche und Orchester-Texturen setzen die Zeit außer Kraft und ziehen uns mit überraschenden Wendungen komplett in den Bann.

 


Stream: SaffronkeiraTourette (Teaser)

 

Das Vibraphon: nicht nur ein atmosphärischer Begleiter, sondern eine wahre Quelle von Narration, so der Ansatz von Masayoshi Fujita, auch bekannt als El Fog. Sein neues Album Stories (Flau) vertont elementare Dinge und übersetzt das schlichte Werken der Natur – „Story Of Waterfall I & II”, „Snow Storm”, „Story Of Forest“ – in zarte melancholische Klangfarben. Zur Erweiterung des Spektrums nimmt Fujita mit Perlenkette, Bogen und anderen Objekten kleine Manipulationen am Instrument vor. Ähnlich friedvoll geht es auf El Fogs wiederveröffentlichtem 2007-Debüt Reverberate Slowly (Flau) zu. Hier wird weniger puristisch mit Resonanzen gearbeitet, dafür mit ordentlich knisternden Dub-Drones. Passende Zugabe: ein Re-Arrangement von Jan Jelinek.

 


Video: Masayoshi FujitaStory Of Forest

 

Fujitas Labelkollegen Geskia! und Cokiyu sind derweil mit anderen japanischen Produzenten bei einem üppigen Remixprojekt dabei. Die Doppel-CD Intersect Landscape… (moph) rollt das letzte Mergrim–Album in allen Facetten auf und hat ein heimliches Ass im Ärmel: den einstündigen, nahezu unbelassenen Live-Mitschnitt von Mergrim und Schlagzeuger Kazuya Matsumoto. So etwas funktioniert ja eher selten, doch hier denkt man gleich: Da wäre ich sehr gerne im Publikum gewesen. Eklektisch-fulminante Electronica liefert einmal mehr Ametsub, dessen CDs unsere Breiten stets ein halbes Jahr später erreichen. All Is Silence (nothings66) könnte vor elegischen Melodien und majestätisch rollenden Flächen überbo(a)rden, doch die Arrangements haben alles im Griff, in fast schon futuristischer Weise. Spannend sind auch die Tracks, in denen Ametsub das Downtempo-Feld verlässt und anderswo ansetzt: funkelnder Jazz-Glitch, stolpernde Elektroakustik mit Klavier, eine Hommage an Isolées Welthit „Beau Mot Plage” („Precipice Drive“) und natürlich „Cloudsfall“, der elegante Kehraus mit Garage-Beat, Moog und Trompete.

 


Video: AmetsubVestige for Wind Day