Es hat erstaunlich lange gedauert, bis Sascha Ring zum Schauspiel gefunden hat. Dabei ist doch seine Idee von Musik dem dekonstruktivistischen Verständnis von Kunstschaffen aus Text und Textur, welches im zeitgenössischen Regietheater und Ballett gerade eine gewisse Konjunktur hat, eigentümlich nah. Seine erste große Bühnenarbeit zu Sebastian Hartmanns Bearbeitung von Lew Tolstois epischem Krieg und Frieden für die Ruhrfestspiele in Recklinghausen demonstriert dies auf grandiose Weise. Wo Hartmann Tolstois klassischen Text zerfledderte und provisorisch neu zusammenfügte, übersetzt Rings Musik Tolstois emotionalste Momente in sentimentale Neoklassik, versieht diese aber direkt mit einer gehörigen Portion digitaler Zerfallsoptionen. Beschädigt, verschoben und entfremdet ist der elegische Tonfall Tolstois so immer präsent. Es sind gerade diese Reibungen, die Krieg und Frieden als eigenständiges Apparat-Album ohne jeden literarischen Bezug bestehen lassen. Rings überschwängliche Melancholie, sein Messie-Ambient aus hellem Glockengebimmel und körnigem Filterrauschen, seine immer wieder anklingenden Bass-Obsessionen machen Krieg und Frieden zu einem tollen Album, das mit „A Violent Sky“ sogar einen moderaten Hit vorweisen kann.


Stream: ApparatA Violent Sky