MEHR BASS! März/April 2013

Unter den Grime-Künstlern und -Crews, die sich vor rund zehn Jahren daran machten, das Vereinigte Königreich von Großbritannien gehörig aufzumischen, hatte die Ruff Sqwad stets einen Außenseiterstatus inne. Auch wenn die vielköpfige Gruppe aus dem Londoner Osten mit Tinchy Stryder einen MC hervorbrachte, der zumindest auf der Insel zum Popstar wurde, stand sie als Kollektiv immer im Schatten von Dizzee Rascal oder Wiley und dessen Roll Deep Crew. Ein Grund dafür war die Jugend der Ruff Sqwad-Mitglieder, die zu Beginn ihrer Grime-Karriere noch zur Schule gingen. Der wesentlich ältere Wiley und seine Mitstreiter hatten sich dagegen bereits als Drum’n’Bass- oder UK-Garage-MCs ihre Sporen verdient und besetzten die besten Sendeplätze der für die Szene enorm wichtigen Piratenradios Londons. Der gleichaltrige Dizzee Rascal, dessen Texte sich ebenfalls um Teenagerprobleme und das Aufwachsen im falschen Viertel drehten, hatte wiederum das Glück vom großen Indie-Label XL Recordings entdeckt zu werden und mit seiner ersten Platte gleich den prestigeträchtigen Mercury Prize zu gewinnen. Die Mitglieder der Ruff Sqwad nahmen stattdessen ihr Schicksal selbst in die Hand und veröffentlichten ihre Musik als White-Labels, die sie mit selbstgedrehten Youtube-Videos beworben. Dass sich mit der Zeit unter Eingeweihten ein regelrechter Kult um die Truppe entwickelte, lag an ihrem anarchischen Auftreten und vor allem an ihrer Musik.

 


Video: Ruff SqwadRuff Sqwad

 

Unter dem Titel White Label Classics (No Hats No Hoods) ist nun eine Sammlung von 23 Ruff Sqwad-Tracks erschienen, die zuvor nur noch als überteuerte Vinyl-Raritäten zu finden waren oder in erbärmlicher MP3-Qualität im Internet kursierten. Und weil der Kultstatus, den die Gruppe unter Grime-Fans genießt, vor allem auf den kongenialen DIY-Beats ihrer Hauptproduzenten Rapid, Dirty Danger und Slix beruht, sind auf der Compilation ausschließlich die Instrumentalversionen der Stücke vertreten. Durch die fehlenden Reime der MCs wird deutlich, welch singuläre Bedeutung das Genre Grime eigentlich besitzt. Denn die Generation von Ruff Sqwad und Dizzee Rascal war die erste, die das Versprechen der „ravenden Gesellschaft“, das in Deutschland in den neunziger Jahren unter anderem in dem Magazin Frontpage formuliert wurde, tatsächlich einlöste: Jeder kann Musik machen, auch wenn er aus dem ärmsten Viertel der Stadt kommt. Mit der Hilfe von Playstations und Fruity Loops-Kopien schufen die Grime-Produzenten einen Stil, der mit seiner Ungeschliffenheit anfangs wie von einem anderen Stern gefallen klang. Ruff Sqwads „Pied Piper“ etwa bezieht seinen Reiz nicht nur aus der wabernden Software-Synthesizer-Melodie, sondern auch aus dem amateurhaften Mixdown, der dem Track den Charme des Unfertigen verleiht. „Tings In Boots“ wiederum transportiert durch verzerrte Bleeps, Bässe und paranoide digitale Streicher-Akkorde so viel Aggressivität, dass gar keine hektischen Reime mehr nötig sind. Eine Ruff Sqwad-Spezialität ist auch der respektlose Einsatz von Samples. Ein Beispiel dafür ist „Died In Your Arms“, für das die Produzenten die ersten Takte des gleichnamigen Hits der Softrock-Band Cutting Crew loopten und beschleunigten. Das Ergebnis klingt wie eine gespenstische Karaoke-Version, deren melancholische Wirkung durch die Micky Maus-Stimme des manipulierten Samples verstärkt wird.

 


Stream: YoungstarPulse X Remixes (Snippets)

 

Die Sammlung der Ruff Sqwad-Klassiker erscheint genau richtig zu einem Zeitpunkt, an dem wegen des 2012er Hypes um Trap mal wieder über die Annäherung von Hip-Hop und elektronischer Tanzmusik diskutiert wird. Gleichzeitig entdeckt in Großbritannien gerade eine neue Generation von Bassmusik-Produzenten Grime als Inspiration für sich. So veröffentlichte das Londoner Label Liminal Sounds gerade eine (recht durchwachsene) Remix-EP des Grime-Klassikers „Pulse X“ von Musical Mob mit Neubearbeitungen durch Visionist und Blackwax.

 


Stream: KowtonTFB (Snippet)

 

Das Vermächtnis von Grime zieht sich auch durch die Produktionen des Bristoler Produzenten Kowton, dessen Stücke oft ein ähnlich rohes Klangdesign aufweisen. Das demnächst erscheinende „TFB“ (All Caps) ist sogar ein astreiner Grime-Track und nach Angaben Kowtons als Hommage an Ruff Sqwad konzipiert. Zusammen mit Peverelist bringt er eine ähnlich harsche Ästhetik im House-Tempo auf dem Stück „Raw Code“ (Hessle Audio) zum Klingen, das zu den Höhepunkten der Fabriclive-Mix-CD von Ben UFO gehörte. Auf derselben CD ist auch ein Track von Bandshell zu hören, der seinen abstrakten und teils militanten Avantgarde-Techno mit unüberhörbarem Grime-Einschlag gerade auf der EP „Caustic View“ für das Mute-Tochterlabel Liberation Technologies ausbreitete.

 


Stream: Pev & KowtonRaw Code (Snippet)

 


Stream: BandshellPerc (von der EP „Caustic View“)