Eine kleine Hobbysoziologie in Ambient: Die Jugend strebt nach Coolness. Das Erwachsenenalter beansprucht die Eleganz für sich. Die Mühseligkeit des Alters mildern Weisheit und Melancholie. Der milchgesichtige Newcomer Jakub Alexander alias Heathered Pearls produziert Ambient als Angstlöser, als Weg zu mehr Gelassenheit. Sein Debüt Loyal (Ghostly International) garniert abbröckelnde Schleifen aus Orgelpunkten, Klangschalen und Glocken mit mildem Feedback zu edelmatten Klangflächen der sedierenden Art. Im Gegensatz dazu bestimmt die Klangwelt des Kanadiers Kyle Bobby Dunn eine über die Jahre gewachsene Souveränität. In Miserum Stercus (Komino) besticht durch eine Klarheit des Ausdrucks und Reduktion der Mittel, die bei einem Debüt schwer vorstellbar sind. Eine digital prozessierte elektrische Gitarre in Moll genügt Dunn, um atmosphärische Drones zu schaffen, die gerade aus ihrer Einfachheit innere Spannung und Intensität erhalten. Noch eine Generation davor spielt Aidan Moffat, verlässlich grantiger Sänger der schottischen Indiefolk-Heroen Arab Strap, auf der Klaviatur der modernen Nostalgie. Unter dem Solo-Pseudonym L. Pierre bricht Moffat immer wieder aus der geklampften Beziehungstristesse aus, um seine wesensbestimmende Wehmut mit elektronischen Mitteln auszuleben. The Island Come True (Melodic) bettet bittersüße Piano- und Streichermelodien in digitales Meeresrauschen und das warme Knistern alter Schellackplatten. Das könnte Kitsch sein, wäre Moffat nicht so ein restlos desillusionierter wie bodenständiger Chefmelancholiker.

In der kurzzeitig überbordenden Euphorie um Aufgang (Aymeric Westrich, Francesco Tristano und Rami Khalifé) ist das Potenzial der Verbindung von klassisch geschultem Piano und elektronischer Tanzmusik noch lange nicht ausgeschöpft. Piano Interrupted führt die naheliegende wie schwierige Liaison auf Abwege. Two By Four (Days Of Being Wild) überzeugt gerade dann, wenn das Londoner Duo den allzu einfachen Pfad der sentimentalen Neo-Klassik verlässt und jazzig nervös herumstreunt.

Dass psychedelisch hippieske Popmusik gerade wieder gut im Saft steht, ist kein Geheimnis. Die entscheidende Dosis an Vitalität in Form basslastiger Grooves, erhielten Chillwave, Nu-Disco und Co. dabei von alter House Music. Diese Lektion hat der Kalifornier Toro Y Moi auf seinem vierten Album Anything In Return (Carpark) gelernt. Deutlich schlüssiger als bisher verknüpft er fein gesponnene Sixties-Melodik mit Dopebeats und Jazz-Grooves. Eine gut abgehangene Westcoast-Mischung. Der Isländer Sin Fang mag es bunt und üppig. Hypermelodische Klangelemente verspulen sich auf Flowers (Morr) mal zu euphorisierenden Hits, mal bleiben sie unstrukturierte Spielereien. Charme und Widerhaken hat beides. Die Dänen Spleen United haben an der Houseakademie von New Jersey studiert. Ihre School Of Euphoria (Tyger Nation) holt mit Reminiszenen an Italodisco und Patrick Cowley keine Innovationsmedaille, aber ihr Energielevel ist beeindruckend. Drei tolle EPs zum Thema kommen vom Kölner Shootingstar Roosevelt, der mit „Sea“ (Greco-Roman) einen hemmungslos freundlichen, etwas verspäteten Sommerhit abliefert, von Lapalux der auf „Some Other Time“ (Brainfeeder) fette IDM-Beats mit feinen Songtexturen zum Tanzen bringt, und von Laurel Halo, die mit „Sunlight On The Faded“ (Hyperdub) zum warmen Groove und autotunelosen Gesang zurückfindet. Nach dem verstörenden Album Quarantine ein überraschend leichtfüßiger Ausweg aus der Filterhölle.

Die Suche nach der Essenz von Techno führt oft zu einer Variante von Minimal. Die unun-Serie des Raster-Noton Labels kann diesem Vorhaben noch Originalität abgewinnen. Mit „iSH“ von der Japanerin Kyoka sprang dabei sogar ein verzerrt dreckiger Hit heraus. Die jüngste Folge von Emptyset radikalisiert ihren Ansatz noch. Auf „Collapsed“ werden analoge Beats in einem Maße übersteuert, das jedem Tontechniker Tränen in die Augen treiben muss. Der Rest ist Noise.

 


Stream: Rdio-PlaylistMotherboard Januar/Februar 2013