Text: Daniel Fersch, Fotos: Jonna Är
Erstmals erschienen in Groove 135 (März/April 2012)

Als Labelmanager hat Paul Rose bereits einen Platz in der britischen Rave-Geschichte sicher: Mit Hotflush hat er nicht nur die Entstehung von Dubstep entscheidend mit geprägt, sondern im Anschluss durch die Entdeckung von Joy Orbison und Mount Kimbie auch das Post-Dubstep-Zeitalter eingeläutet. Als Produzent bewegte er sich, passend zu seinem Künstlernamen Scuba (zu Deutsch „Tauchgerät“), bisher aber immer etwas unterhalb des Radars. Das änderte sich 2011 schlagartig, als er mit der euphorischen Single „Adrenalin“ einen Tanzflächenhit landete. Im Interview spricht Rose unter anderem über sein neues Album Personality, seine Twitter-Sucht und den andauernden Kreuzzug gegen sein Image als Dubstep-Künstler.

 

Paul, warum hast du für dein neues Album den Titel Personality ausgewählt?

Nun, dafür gibt es mehrere Gründe. Der Titel stand schon ziemlich früh fest und er hat für mich inzwischen verschiedene Bedeutungen angenommen. Er hat etwa mit dem Entstehungsprozess von Personality zu tun, der viel länger dauerte, als ich gedacht hätte. Das war bei meinem letzten Album Triangulation genauso: Eigentlich sollte es in sechs Monaten fertig sein, am Ende habe ich ein Jahr dafür gebraucht. Auch dieses Mal kamen viele Dinge dazwischen. Zum Beispiel hatte ich die Stücke auf der „Adrenalin“-EP ursprünglich für das Album produziert, aber dann beschlossen, dass sie besser auf eine Single passen würden. Aber das komplizierteste Problem war, dass ich am Anfang nicht wusste, wie das Album klingen sollte und sich meine Vorstellungen im Laufe der Zeit mehrfach änderten. Ich habe etwa 50 Stücke gemacht, die vom Stil her sehr unterschiedlich waren. Darunter waren auch einige ziemlich rockige Sachen mit Gitarren und live eingespieltem Schlagzeug. Ein Freund von mir ist Drummer und hat dafür ein paar Tage lang in einem Studio mit Aufnahmen verbracht. Es gab so viele verschiedene Phasen, die das Album durchgemacht hat – ich habe im Januar 2011 damit angefangen und war erst im Oktober fertig – aber das, was tatsächlich auf Personality zu hören ist, ist zu zwei Dritteln erst im September entstanden. Wenn ich jetzt darauf zurückblicke, dann sehe ich diesen Prozess als Versuch, meine eigentlichen musikalischen Wurzeln zu erforschen und diese Einflüsse stärker durchscheinen zu lassen als auf den beiden vorhergehenden Alben. Ich meine damit die Art von Musik, die ich am meisten höre: Neunziger-Jahre-Dance-Sachen und Achtziger-Jahre-Pop. Schließlich gefiel mir Personality, weil es wie ein Albumtitel der Pet Shop Boys klingt. Das heißt nicht, dass ich wie die Pet Shop Boys klingen wollte, aber ich mag die Band sehr und ich mag die Ästhetik ihrer Platten: die kurzen Albentitel und die dafür umso längeren Songtitel.

 


Video: ScubaNE1BUTU

 

Personality erscheint bei deinem eigenen Label Hotflush. Eigentlich hättest du dir doch alle Zeit der Welt nehmen können, um mit dem Album fertig zu werden. Warum hast du dich dennoch selbst unter Druck gesetzt?

Ich habe versucht, zumindest ein wenig für Ordnung zu sorgen! (lacht) Es stimmt, ich hatte mir eine Deadline gesetzt, die ich nicht eingehalten habe, und ich war wirklich sehr lahm bei der Fertigstellung. Wenn ich ein anderes Label gehabt hätte, wären die jetzt wohl ziemlich angepisst!

Mal angenommen, einer der Hotflush-Künstler würde seinen Abgabetermin verpassen, wie würdest du als Labelchef darauf reagieren?

Um ehrlich zu sein, haben wir gerade genau so eine Situation. Ein Künstler, dessen Namen ich nicht nennen kann, sollte eigentlich diese Woche sein Album abgeben. Und ich habe absolut keine Ahnung, ob es fertig ist. Ich weiß nicht einmal, in welchem Stadium es sich gerade befindet! Ich habe Demos für die Platte gehört, aber bis jetzt habe ich nur ein fertiges Stück bekommen. Ich meine, einerseits willst du, dass ein Album so gut wie möglich wird, andererseits willst du auch deine geschäftlichen Aktivitäten zumindest bis zu einem gewissen Grad planen können. Denn du willst ja auch, dass die Platte die Aufmerksamkeit bekommt, die du dir erhoffst und die sie verdient!

Auch wenn du für Personality länger gebraucht hast als geplant, so ist es doch schon dein drittes Album nach A Mutual Antipathy (2008) und Triangulation (2010), das innerhalb von vier Jahren erscheint. Das ist ganz schön produktiv …

Ich genieße die Arbeit an einem Album und ich mag die Herausforderung daran. Denn ich bin davon überzeugt, dass Künstler – auch wenn das ziemlich dick aufgetragen klingen mag – nach ihren Alben beurteilt werden und nicht nach ihren Singles. Ich meine, es reicht, ein paar 12-Inches herauszubringen, um ein paar Gigs zu bekommen, aber Alben zu produzieren ist ein völlig anderes Paar Schuhe. Ich habe das Gefühl, es tun zu müssen, um ernst genommen zu werden. Aber es macht auch Spaß, sich dieser Herausforderung zu stellen und zu versuchen, ein Album zusammenzustellen, das in sich schlüssig und mehr ist als nur zwölf einzelne Stücke auf einer CD.

 

Scuba (Foto: Jonna Är)

 

Bist du der Meinung, dass du mit Personality dieses Ziel erreicht hast?

Ich höre jede Platte drei Monate, nachdem ich mit ihr fertig geworden bin, noch einmal vollständig durch. Bei Triangulation zum Beispiel dachte ich an vielen Stellen: „Mist, das hätte ich besser machen können!“ Dieses Mal waren nur ein oder zwei Stellen dabei, bei denen ich dieses Gefühl hatte. Ich bin zufrieden mit dem Album.

Was hat sich denn im Vergleich zu den beiden Vorgängern verändert?

Ich glaube, das Album bietet viel mehr Kontraste als die letzten beiden. Jeder einzelne Track unterscheidet sich wirklich sehr von allen anderen und besitzt sozusagen seine eigene Persönlichkeit.

Wenn man sich Personality anhört, dann fällt es schwer, es einem bestimmten Genre zuzuordnen. Es ist auf jeden Fall kein Dubstep-Album. Wie würdest du selbst die Platte beschreiben?

Das britische DJ Mag hat mir eine Twitter-Nachricht geschickt, in der es heißt: „Wir lieben dein Breaks-Album!“ (lacht) Es sind jede Menge unterschiedliche Sachen darauf, zum Beispiel haben nur zwei Stücke einen geraden Four-to-the-Floor-Beat. Ich weiß auch nicht, was es ist. Ich kann es nicht einordnen! Auch was die Single „The Hope“ angeht. Wenn mich jemand fragen würde, welchem Genre sie angehört, dann würde ich antworten: „Ich habe keine Ahnung!“ Grundsätzlich könnte man es vielleicht als Weiterentwicklung des Scuba-Sounds bezeichnen. Tatsächlich finde ich auch, dass die (vor dem Album erschienene) „Adrenalin“- EP, die in einigen Reviews als Stilwechsel beschrieben wurde, gar nicht so weit entfernt ist von meinen früheren Sachen. Im Fall der EP ist es nur ein anderer rhythmischer Ansatz, mit einem super einfachen House-Beat.

 


Video: ScubaThe Hope

 

Du hast deine House- und Technoproduktionen bisher immer unter einem anderen Künstlernamen, SCB, herausgebracht. Wirst du diese Strategie beibehalten oder vermischen sich die beiden Identitäten SCB und Scuba zunehmend?

Tatsächlich habe ich diese Woche an neuen SCB-Stücken gearbeitet und will unter dem Namen in Zukunft härtere Techno-Sachen machen. Die Tracks werden ziemlich roh, das genaue Gegenteil zum Album also. Ich habe aber absichtlich ein wenig damit gespielt, die Grenzen zwischen beiden Identitäten verwischen zu lassen, indem ich zum Beispiel „Adrenalin“ als Scuba veröffentlicht habe.

Du wohnst seit knapp fünf Jahren in Berlin. Hat sich dieser Umzug aus London auch auf deine Musik ausgewirkt?

Was mich wirklich beeinflusst hat, ist die Panorama Bar, viel mehr noch als das Berghain. Ich erinnere mich gut daran, dass ich sehr bald, nachdem ich in Berlin angekommen war, dachte: „Ich muss unbedingt einmal in der Panorama Bar spielen!“ Ich habe nicht sofort angefangen, House-Tracks zu produzieren oder so, aber ich finde den Raum einfach cool. Als ich dann dort spielen konnte, wusste ich auch warum: Es gibt kaum einen anderen Club, in dem die Kommunikation mit dem Publikum so direkt und intensiv ist.

Das ist interessant, denn schon bald nach deiner Ankunft in Berlin hast du zusammen mit deinem Booking-Agenten Paul Fowler begonnen, die Sub:stance-Partys zu veranstalten, die im Berghain stattfinden und mit ihrer Mischung aus Dubstep und Bassmusik auch besser dorthin passen als eine Treppe höher in die Panorama Bar.

Das stimmt, aber ich spreche auch von mir persönlich und nicht von mir als Veranstalter. Als wir auf die Idee für die Partyreihe kamen, dachten wir zuerst, dass es völlig unmöglich sein würde, sie im Berghain zu veranstalten. Denn 2008 gab es dort noch keine externen Veranstalter. Doch dann haben wir uns mit den Betreibern getroffen, und das Erste, was sie sagten, war: „Wollt ihr den Freitag haben?“ Wir wären fast von unseren Stühlen gefallen! Damals haben wir überhaupt nicht über den Unterschied zwischen den beiden Räumen nachgedacht. Wir waren nur einfach überglücklich, überhaupt etwas machen zu können.

Bisher fand Sub:stance alle drei Monate statt. Für 2012 sind aber in Berlin nur noch zwei Partys geplant. Warum?

Es ist mit der Zeit immer anstrengender und zu einem richtigen Job geworden, und wir wollten nie, dass es so weit kommt! Wir haben Sub:stance als Dubstep-Party gestartet, oder besser gesagt, als Nacht, die in Berlin die elektronische Musik aus Großbritannien repräsentiert. Aber inzwischen hat sich nicht nur meine eigene musikalische Perspektive verändert, auch die britische Szene hat sich immer mehr dem „normalen Berghain-Ding“ angenähert. Wie sollen wir also noch eine Party machen, die sich vom restlichen Programm unterscheidet? Es ist immer schwieriger geworden, Line-ups zusammenzubekommen, die diese Abgrenzung deutlich machen. Ich will nicht, dass die Partys langweilig werden, und deshalb glaube ich, dass es besser ist, nur noch zweimal im Jahr ein großes Event daraus zu machen, auf das sich die Leute freuen. Und außerdem veranstalten wir inzwischen auch in anderen Städten, wie Amsterdam, London und New York, Sub:stance-Partys.

 

„Es ist für mich zu einem Kreuzzug geworden, gegen dieses Dubstep-Image anzukämpfen.“

 

Auch bei deinem Label, Hotflush, das bereits seit 2003 existiert, hat sich im Laufe der Zeit einiges geändert. In den frühen Jahren galt es als eine der wichtigsten Adressen für Dubstep. Seither hat sich die musikalische Ausrichtung stark gewandelt. Würdest du es heute überhaupt noch als Dubstep-Label bezeichnen?

Wenn du dir anhörst, was wir in den vergangenen 18 Monaten veröffentlicht haben, dann würdest du sicher sagen, wir sind ein House-Label! Aber selbst wenn wir nur noch House- Stücke herausbringen, werden die Leute immer noch schreiben: „Oh, aber es klingt wie eine Kreuzung mit Bassmusik!“ Wirklich ärgert mich aber, wenn Journalisten Hotflush als Dubstep-Label bezeichnen – das ist einfach nur faul! Es ist für mich inzwischen zu einem Kreuzzug geworden, gegen dieses Dubstep-Image anzukämpfen. Als wir – ich und ein Studienfreund, der inzwischen nicht mehr am Label beteiligt ist – Hotflush gründeten, war es nicht unsere Absicht, nur einen bestimmten Stil zu veröffentlichen. Wir haben uns in Bristol kennengelernt, wo wir damals studierten, haben gemeinsam aufgelegt und Partys veranstaltet. Dabei spielten wir alles Mögliche, von UK Garage bis zu House und Broken Beat. Unsere grandiose Idee war es, dass das Label diese Stimmung unserer DJ-Sets widerspiegeln sollte. Wie sich herausgestellt hat, ist es verdammt schwer, als Label eine Stellung zu erreichen, in der man einfach irgendetwas herausbringen kann und die Leute kaufen es trotzdem – nur wegen des Namens und weil sie wissen, dass es zumindest interessante Musik sein wird. Das ist es, was wir erreichen wollten!

Wenn du zurückblickst auf die Labelgeschichte und die Künstler, die du in den vergangenen Jahren unter Vertrag genommen hast: Welches war die wichtigste Verpflichtung für Hotflush?

Das waren ganz eindeutig Mount Kimbie! Wenn uns irgendjemand auf den Weg gebracht hat, eine Art Gütesiegel zu werden anstelle eines Genre-Labels, dann waren es diese beiden.

Zum Schluss müssen wir noch über ein anderes Thema reden. Du postest auf deiner Twitter-Seite oft und gerne provozierende Nachrichten. Letztens war etwa zu lesen: „Es stimmt, dass ich ein gewaltiger Snob bin und viele Leute mich nicht mögen. Ich sehe beides im Allgemeinen als positiv.“ Hast du schon einmal gedacht: „Oh, jetzt bin ich zu weit gegangen?“

Nein, eigentlich nicht. Es gab diesen einen Vorfall, als ein Redakteur eines Onlinemagazins einen meiner Tweets in seinem Artikel zitierte und mich als schlechtes Beispiel an den Pranger stellte. Aber das fand ich überzogen und außerdem hat er mich völlig falsch wiedergegeben. Ich bin total süchtig nach Twitter, das gebe ich zu! Es ist unglaublich, was für Reaktionen du dort auslösen kannst. Ich bin ein ziemlicher Querkopf und provoziere die Leute gerne. Die große Mehrheit der aufwiegelnden Nachrichten, die ich poste, ist aber absichtlich übertrieben formuliert. Nicht alle, denn in manchen steckt auch ein Körnchen Wahrheit, ein Teil meiner wirklichen Offline-Persönlichkeit.