Worldwide in Séte, North Sea Jazz in Rotterdam und der neue Playground des Garden in Tisno/Kroatien, der Sommer voller inspirierender Festivals abseits der überwiegend elektronisch geprägten üblichen Verdächtigen. Herausragend war Matthew Halsall mit seinem Trio, Taz Modi an den Keys und Synthesizern, Luke Flowers an den Drums und Matt selbst an seiner Trompete sowie zahllosen Effekten und Delays – Miles ahead 2012! Und das inmitten von dem eher durch viele herzlos aus dem Rechner heruntergespielte DJ-Sets von sehr guten jungen Beatproduzenten geprägten Soundwave Festival, das alles in allem aber doch überzeugen konnte. Auf einem anderen Level bewegte sich der Sommerableger des Southport Weekenders, Suncébeat 3. Mehr Soul. Mehr wirklich musikinteressierte Tänzer am Strand. Das Worldwide Festival setzt ohnehin die Messlatte immer höher und das North Sea Jazz Festival vereint wohl einzigartig so viele erstklassige Namen, dass einem nicht nur schwindelig wird, sondern man sich auch gar nicht immer entscheiden kann, wen man nun sehen und hören möchte. Enttäuschende Momente waren die wie eine Hochzeits-Dance-Classics-Sause uninspiriert heruntergespielte Show von Nile Rodgers & Band – Chic in allen Ehren, aber so dann lieber nach wie vor von Platte. Und D’Angelo hechelte durch seine Stunde ohne Zusammenhang und mit grottenschlechtem Sound. Soweit die Sommerreise-Revue, zurück im Studio dann die Türme neuer Veröffentlichungen.

Überzeugen und auch einmal vom Schwimmen und Radfahren ablenken, können die folgenden in loser Reihenfolge. Weit herauslehnen und sich gehen lassen, sich dem Fluss und der Energie von Studiosessions brillanter Jazz-Rockmusiker hingeben, alles im Spirit des Vaters und seinen Gleichgesinnten in den sechziger Jahren. Dies alles hat Neneh Cherry getan, als sie mit dem Trio The Thing aus Schweden The Cherry Thing (Smalltown Supersound) aufnahm. Intensiv und auch mal aufgrund der unglaublich aufbauenden Spannung den Atem raubend, wie beim Cover von Madlibs „Accordion“. Überhaupt Jazz und Afro-Elemente, sowie Sun Ra, John Coltrane und Fela Kuti als Inspiration für eine eigene explosive Mischung wie bei den Shaolin Afronauts, deren zweites Album Quest Under Capricorn (Freestyle) keine Fragen offen lässt und den nächsten großen Schritt für die Band darstellt. Auch Kanadas Souljazz Orchestra gehen mit Solidarity (Strut) eine Stufe weiter nach oben, indem sie nun auch Reggae-Einflüsse und noch mehr Originalsounds in ihre kraftvolle Musik einspinnen. Stephané Ronget bietet mit seiner The Rongetz Foundation auf Brooklyn Butterfly Session (Heavenly Sweetness) und dem Überflieger des Vocal-Jazz, Gregory Porter, besten Jazz, der dabei kein bisschen Retro klingt. Dieser Spagat ist ebenfalls der Ausnahme-Musikerin Meshell Ndegeocello mit Pour Une Ame Souveraine – A Dedication To Nina Simone (Naïve) gelungen, worauf sie zahlreiche auch eher unbekanntere Songs der Grand Lady mit ganz eigenen Ansätzen neu interpretiert. Gekonnt ist eben gekonnt. Ein Wiederhören gibt es mit einem der wichtigsten Protagonisten des Downbeats, Cobby, bekannt als eine Hälfte von Fila Brazillia und auch als Solid Doctor in den neunziger Jahren extrem einflussreich, nun zur richtigen Zeit des andauernden Revivals auf dem Album The Best Things In Life Aren’t Things (Steel Tiger) unter dem Pseudonym The Cutler. Und das ohne die Sounds von heute zu vernachlässigen – Bass, Dubstep-Anklänge, balearischer Midtempo-House und vieles mehr, sehr gut ineinander fließend, ohne dabei beliebig und zu sehr in Richtung Hintergrund-Beschallung abzudriften. Downbeat 1st Class.

Unverzichtbare Compilations: Tempo Dreams Volume 1 (Bastard Jazz) zusammengestellt von Tall Black Guy, Ancestors Of Rap (Tramp), sehr fundiert recherchiert von Tobias Kirmayer aus München, Secret Love 6 (Sonar Kollekiv) liebevoll gesammelte Popmomente aus der Kiste von Alex Barck und Fingermag, und auch die Brownswood Bubblers Eight (Brownswood) überrascht wieder durch die Offenheit des Machers, Gilles Peterson. Als letztes sei Euch diesmal, auch aus aktuellem Anlass – Neuseeland präsentiert seine Kultur auf und um die diesjährige Frankfurter Buchmesse herum – die Funkommunity mit dem Album Chequered Thoughts (MPM) ans Herz gelegt. Isaac Aesili hat sich mit Sängerin Rachel Fraser zusammengetan und zeigt eine weitere Nuance der scheinbar endlos sprudelnden Quelle frischer Musik aus dem Kiwiland.

 


Stream: Rdio-PlaylistFreistil (September/Oktober 2012)